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Siemens in Offenbach : Noch ein Opfer der Energiewende

Kraftprotz: eine Gasturbine von Siemens Bild: dpa

Die Signale aus der Zentrale von Siemens machen für die Filiale Offenbach wenig Mut. Arbeitnehmervertreter geben sich aber nicht geschlagen. Sie halten die Pläne des Konzerns für unausgegoren – und verweisen auf offene Fragen in der Energiepolitik.

          Geschichte wiederholt sich nicht, wie es heißt. In Offenbach droht es aber doch dazu zu kommen. Der Siemens-Konzern will seine auf Gaskraftwerke spezialisierte Filiale an der Kaiserleistraße mit seinen Standorten Wien und Erlangen zusammenlegen – und zwar in der fränkischen Stadt. Die Mitarbeiter sind geschockt und niedergeschlagen, wie Marita Weber von der IG Metall sagt. Sie geben sich aber kampfesmutig und planen weitere Aktionen; so soll es am Donnerstag am Rande einer Betriebsrätekonferenz in Berlin eine Protestkundgebung geben. Etwas anderes bleibt den Mitarbeitern auch gar nicht übrig. Zumal Unternehmen und Arbeitnehmervertreter noch gar nicht über die Zukunft der bedrohten Standorte verhandeln, auch wenn anderslautende Meldungen die Runde machen.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ob die Mitarbeiter am Ende mehr Glück haben werden als ihre Kollegen der ehemaligen Kernkraftwerk-Sparte ihres Arbeitgebers, die zuletzt zu Areva zählte? Die Franzosen machten die Filiale zum 30. Juni des vergangenen Jahres dicht, allen Protesten von Arbeitnehmern, Gewerkschaft und Politik zum Trotz.

          Einst ein Teil der KWU

          Die Bilder gleichen sich: Sowohl die Gaskraftwerk-Sparte von Siemens in der Stadt als auch das Kernkraftwerksgeschäft geht auf KWU zurück, ein Ende der sechziger Jahre gegründetes Gemeinschaftsunternehmen von Siemens und dem damaligen AEG-Konzern. Seit 1977 war die Kraftwerk Union, wie das Unternehmen mit vollem Namen hieß, nur noch eine Tochter von Siemens. Die Franzosen kamen erstmals in den neunziger Jahren ins Spiel, als der Areva-Vorläufer Framatome mit Siemens einen Druckwasserreaktor entwickelte. Da Kernkraft schon seinerzeit in Deutschland umstritten und die Auftragslage schlecht war, verabschiedeten sich die Münchener vor mehr als zehn Jahren weitgehend aus dieser Technik.

          Areva übernahm allein die Führung und das unternehmerische Risiko, baute in den Folgejahren mehrere hundert Arbeitsplätze in der Stadt ab, bis letztlich keine einzige Stelle mehr übrig blieb. Der hektisch beschlossene Atom-Ausstieg als Reaktion auf die Nuklearkatastrophe im japanischen Kernkraftwerk Fukushima im März 2011 gaben den Ausschlag.

          Auch die Zahl der Stellen gleicht sich

          Wie im Falle der Gaskraftwerk-Sparte von Siemens in Offenbach war die dortige Areva-Filialen ein Ingenieurs-Standort und kein Produktionswerk. Dort arbeiten Ingenieure und Vertriebsexperten. Sie erstellen Angebote für Gaskraftwerke und wickeln Aufträge ab; zu diesem Zweck betreuen sie auch Baustellen. Eine weitere Gemeinschaft ist die Zahl der Stellen: Als Areva die Schließungspläne verkündete, waren 700 Mitarbeiter in Lohn und Brot, nun beziffert Siemens-Personalvorstand Janina Kugel die Arbeitsplätze in Offenbach auf umgerechnet 687 Vollzeitstellen. Dass die IG Metall von etwa 800 spricht, ist kein Widerspruch, denn diese Angabe schließt die Teilzeitstellen an der Kaiserleistraße mit ein. Die Gewerkschaft zählt die Beschäftigten, das Unternehmen die sogenannten Full-time Equivalents.

          Wurden die Kernkraftwerks-Planer schon zu Opfern der Energiewende, so droht ihren Siemens-Kollegen bald das gleiche Schicksal. Denn seit dem Ausbau der erneuerbaren Energien wie Solarstrom und Windkraft geraten Gaskraftwerke ins Hintertreffen. Das hat zum Beispiel auch ein Nutzer wie der Höchster Industrieparkbetreiber Infraserv mehrfach beklagt. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Gaskraftwerke als effizient und im Vergleich zu den für die sogenannte Grundlast genutzten Stein- und Braunkohlemeilern als sauberer gelten. Gaskraftwerke dienen dazu, Nachfragespitzen abzufangen, denn sie können rasch hoch- und wieder heruntergefahren werden. Das hat Folgen für den Kraftwerksbau.

          „Das Unternehmen überzeugen“

          Siemens-Personalvorstand Kugel beschreibt die Marktlage so: Europaweit werde Strom vermehrt von kleinen Kraftwerken dezentral erzeugt statt zentral von großen Anlagen. Zudem verdrängten Solarstrom und Windkraft das Erdgas. Es handele sich folglich nicht um eine konjunkturelle Marktschwäche, sondern um ein strukturelles Problem. Deshalb wolle Siemens Personal abbauen und Standorte schließen. Ob die Filiale Offenbach ganz geschlossen werde, müssten aber die Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern zeigen, sagt Kugel.

          An dieser Stelle hakt Gewerkschafts-Sekretärin Weber ein, die schon an der Seite der Areva-Mitarbeiter stand. „Wir wollen das Unternehmen überzeugen, dass die Entscheidung falsch ist.“ Sie sei „nicht hundertprozentig ausgegoren“ angesichts der Kritik an der Kohleverstromung. Es sei nicht klar, wie die Bundespolitik die Energiewende weiter gestalten wolle.

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