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Bildungsreise nach Marokko : Sieben Tage, um religiöse Vorurteile zu korrigieren

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„Mir ist wieder einmal klar geworden, wie sehr Geschichtsdeutungen voneinander abweichen“: Kantor Daniel Kempin Bild: Rainer Wohlfahrt

Reisen bildet, heißt es. Wie sehr das stimmt, haben Frankfurter Juden, Christen und Muslime in Marokko erfahren.

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          Lange Zeit war Abdassamad El Yazidi der Sinn des interreligiösen Dialogs nicht klar. „Ich dachte, das ist so etwas wie das Gemüse auf dem Couscous, also die verzichtbare Beilage und nicht das Eigentliche, nämlich das Fleisch.“ Seine Ansichten hat der Funktionär eines muslimischen Verbandes aber korrigiert. „Heute denke ich, dass der Dialog wie das Rinderfilet auf dem Couscous ist“, sagt er zu Beginn einer Reise nach Marokko, seinem Herkunftsland, die er mitorganisiert hat.

          Vor zwei Jahren war El Yazidi Teilnehmer einer Reise, die Christen und Muslimen aus Frankfurt nach Kairo geführt hatte. Die Gespräche untereinander und die Begegnungen mit Christen in der ägyptischen Hauptstadt hatten ihn davon überzeugt, „wie wichtig es ist, miteinander und nicht übereinander zu reden“.

          Diesmal ist er als Gruppenleiter dabei, denn er beließ es nicht bei der Idee, die in Kairo entstand, sondern setzte sie in die Tat um - gemeinsam mit Pfarrerin Ilona Klemens, die in Frankfurt schon seit vielen Jahren mit dem interreligiösen Dialog befasst ist. Gemeinsam planten sie die Tour nach Casablanca, Rabat und Fes.

          Gespräche mit Christen und Juden

          Ende April macht sich die Gruppe - drei Juden, sechs Christen und sechs Muslime - mit unterschiedlichen Erwartungen für sieben Tage auf den Weg. Bald merken alle, dass in Marokko der Dialog der Religionen nicht in der Weise gepflegt wird, wie sie es aus Frankfurt kennen. Dass der Kooperationspartner, der Europäische Rat der Korangelehrten mit Sitz in Brüssel, zwar Besuche des Jüdischen Friedhofs in Fes und des Jüdischen Museums in Rabat in das Programm aufgenommen hat, nicht aber Begegnungen mit Vertretern jüdischer und christlicher Gemeinden, sorgt zunächst für Irritationen. Denn die Gruppe hatte ausdrücklich den Wunsch geäußert, auch Vertreter anderer Religionsgemeinschaften zu treffen.

          Gespräche mit Christen und Juden gibt es trotzdem. Termine vereinbart einer der christlichen Teilnehmer: Bruno Schoen von der evangelischen Französisch-Reformierten Gemeinde hat private Kontakte nach Marokko. Sein Vater hatte als Pfarrer in dem Land gearbeitet.

          Offizielle Termine wie etwa im Institut für die Imam-Ausbildung in Rabat bilden das Rahmenprogramm. Der eigentliche Austausch erfolgt aber zwischen den Teilnehmern. Schon bald diskutieren die jüdischen, muslimischen und christlichen Reisenden über Glaubensfragen. Dass im Christentum Jesus als Sohn Gottes gilt, ist für die Muslime nicht nachvollziehbar. Gespräche entwickeln sich auch aus der jeweiligen religiösen Praxis - etwa über die Frage, warum manche muslimischen Männer Frauen die Hand geben, andere aber nicht, und ob das Verhüllen des Haares für Musliminnen Pflicht ist. Gespräche gibt es auch über theologische Positionen von Katholiken und Protestanten.

          Ob beim Essen, während der Busfahrten oder beim Basar-Bummel: Es gibt kaum einen Ort, an dem nicht diskutiert wird. Unterbrochen werden die Gespräche vom gemeinsamen Singen. Und es werden Witze über Juden, Christen und Muslime erzählt. Alle finden, dass Humor wichtig sei im interreligiösen Dialog.

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