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Shortlist Deutscher Buchpreis : Die Unterwäsche der Buchstaben

Nichts Weißes: Ulf Erdmann Ziegler, einer der Shortlist-Autoren des Deutschen Buchpreises, sucht in seinem neuen Roman nach der perfekten Schrift. Bild: Rüchel, Dieter

Sechs Autoren sind für den Deutschen Buchpreis nominiert, vier von ihnen haben im Literaturhaus Frankfurt aus ihren Werken gelesen. Die Entscheidung fällt am 8. Oktober.

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          Quäle die Heldin, empfahl Victorien Sardou Autoren, die auf der Bühne Erfolg haben wollten. Während er Sarah Bernhardt in „Tosca“ nach allen Regeln der Kunst ins Unglück jagte, was Puccini ihm mit Musikbegleitung später gerne nachmachte, behandelt Clemens J. Setz seine Charaktere lieber freundlich. „Ich möchte als Erschaffer und Verwalter die Figuren nicht bestrafen, die mir eingefallen sind“, sagte Setz im Literaturhaus Frankfurt. Mit seinem Roman „Indigo“ ist er für den diesjährigen Deutschen Buchpreis nominiert, der am 8. Oktober zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse im Kaisersaal des Römer vergeben wird. Im ausverkauften Literaturhaus stellten Setz und drei der fünf Autoren, die es mit ihm auf die Shortlist der Auszeichnung geschafft haben, ihre Bücher nun vor.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Er versuche, für sein Romanpersonal „eine gütige Anwesenheit“ zu sein, sagte Setz im Gespräch mit Deutschlandradio-Redakteurin Maike Albath. Dabei setzt auch er seine Gestalten quälenden Gegebenheiten aus, ohne Leiden und Prüfungen käme schließlich kaum ein Roman zustande. In „Indigo“ kombiniert Setz eine Schauerhandlung um Menschen, die an einer rätselhaften Krankheit leiden, durch die ihnen die Berührung mit anderen Menschen verboten ist, mit den spielerischen Erzählverfahren, die ihm im Überfluss zu Gebote stehen. Als Gestalterin des Buches half ihm seine Autorenkollegin Judith Schalansky, zum Beispiel mit zwei Seiten Fraktur, für Setz die schönsten des Romans: „Frakturbuchstaben sind wie Buchstaben in Reizwäsche.“

          Lokalpatriotismus als schwere Sünde

          Über Schriftgestaltung hätte SWR2-Redakteur Gerwig Epkes auch mit Ulf Erdmann Ziegler reden können, dessen Roman „Nichts Weißes“ an diesem Abend aufgrund einer leicht verunglückten Moderation im Grunde kaum vorgestellt wurde. Schon zuvor war Setz leicht frostig geworden, als Albath Ich-Erzählung und personale Perspektive verwechselt hatte. Nun nannte Epkes Zieglers Debüt „Hamburger Hochbahn“ lieber „Hochseilbahn“, als darüber zu reden, was es im neuen Roman mit der Suche der Typographin Marleen Schuller nach der perfekten Schrift auf sich habe und was damit an Fragen der Wahrnehmung und des künstlerischen Ausdrucks von Wirklichkeit verbunden sein könnte.

          Besser erging es Ursula Krechel, wie Ziegler mit Frankfurt verbunden, was Kulturdezernent Felix Semmelroth gleich zu Beginn des Abends vermerkte, nicht ohne den gewissenhaft unparteiischen Gastgeberhinweis, Lokalpatriotismus zähle zu den schweren Sünden. Dass Krechel zu den Persönlichkeiten gehört, denen die Stadt es verdankt, dass sie Anfang der neunziger Jahre ihr Literaturhaus erhielt, hob Semmelroth gleichwohl hervor. „Landgericht“, ihr Roman von der Heimkehr eines emigrierten jüdischen Juristen in das Deutschland der Nachkriegszeit, halte auch Gericht über ein Land, sagte Krechel, der die junge Bundesrepublik bei den Recherchen zu ihrem Buch herzlich zuwider wurde. Umso weniger wolle sie fabulierend die Empfindungen ihrer auf realen Personen basierenden Figuren entwerfen, auch wenn der Roman das Genre des Vielleicht sei. „Das möchte ich gar nicht erfinden, das habe ich lieber als Dokument.“

          Der Buchpreis ist alt genug um Statistiken zu erstellen

          Während Krechel dem kleinen Verlag Jung und Jung den zweiten Buchpreis nach dem Erfolg von Melinda Nadj Abonjis „Tauben fliegen auf“ im Jahr 2010 eintragen würde, stellte der mit drei Titeln auf der Shortlist vertretene Suhrkamp-Verlag im Literaturhaus drei Viertel der Kandidaten. Neben Setz und Ziegler hat auch Stephan Thome seinen neuen Roman, „Fliehkräfte“, in der Berliner Pappelallee herausgebracht. Dass der seit 2005 vergebene Buchpreis allmählich so alt ist, dass es sich lohnt, ihn mit Statistiken zu beschreiben, zeigte sich auch daran, dass im Lesesaal vermerkt wurde, Setz und Thome stünden dieses Jahr zum zweiten Mal gemeinsam auf der Shortlist - 2009 waren sie mit ihren Romanen „Die Frequenzen“ und „Grenzgang“ nominiert.

          Kleinbürgerlich, wie von hr2-kultur-Redakteur Alf Mentzer provokant vorgeschlagen, sei sein alternder Philosophieprofessor Hartmut Hainbach allerdings nicht, sagte Thome, der an diesem Abend sehr darauf bedacht wirkte, nur ja keinen Fehler zu machen. Das machte seinen Auftritt weniger interessant als seine Hauptfiguren, die er in bewährter Manier in verwirrende Begegnungen und Konversationen stürzt, auch zum Ende des neuen Buches hin: „Je länger das Gespräch dauert, desto weniger wissen sie, wo sie stehen.“

          Der bunte Panoramacharakter fehlte

          Dass im Literaturhaus nur vier Nominierte lasen, lag daran, dass der fast 85 Jahre alte Ernst Augustin (nominiert mit „Robinsons blaues Haus„) und der schwerkranke Wolfgang Herrndorf (im Rennen mit „Sand“) hatten absagen müssen. Der seit 2008 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels und dem Frankfurter Kulturamt organisierten Veranstaltung fehlte dadurch etwas von dem bunten Panoramacharakter, der sie beim Publikum in den vergangenen Jahren so beliebt gemacht hat. Das wohlige Klagen darüber, dass der Abend lang und die Luft schlecht ist, fiel dieses Mal aus. Dass die Shortlist-Autoren erst am 8. Oktober wissen, wo sie stehen, hat sich aber nicht verändert.

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