https://www.faz.net/-gzg-6x0j0

Shopping auf Chinesisch : Shop Suey

  • -Aktualisiert am

In der Goethestraße spricht man in vielen Läden inzwischen Chinesisch. Der Grund liegt darin, dass viele der Käufer inzwischen Chinesen sind. Bild: Schmitt, Felix

Für chinesische Touristen ist Frankfurt die beliebteste deutsche Stadt. Und Shopping ihre beliebteste Aktivität.

          4 Min.

          Die Hundert-Euro-Scheine schiebt Herr Wang dem Mann unter dem Tisch zu. Es ist nichts Anrüchiges oder Illegales an dem Geschäft, nur sollte es hier im Erdgeschoss der Zeilgalerie nicht ganz so auffällig sein, wenn er einem chinesischen Reiseleiter seine Provision ausbezahlt. Während der Textilmesse waren auch viele chinesische Touristen in Frankfurt, betreut von Reiseleitern, die Wang berät. Heute gebe es „viele Leute auszubezahlen“, sagt er. Gang Wang ist Chef einer Consulting-Firma in Frankfurt. Er sieht sich als „Brücke“ zwischen den deutschen Einzelhändlern und den chinesischen Reiseleitern. Den Reiseleitern zeigt er, wo sie hin müssen, und den Geschäftsleuten sagt er, wie sie sich auf die Kundschaft vorbereiten können. Die Chinesen seien nicht mehr die „armen Kommunisten“. Er wolle die Deutschen zum „Umdenken“ bringen.

          Das sollten sie auch, Zahlen sprechen für sich. Im Jahr 2010 haben Chinesen 57 Millionen Auslandsreisen unternommen und dabei 55 Milliarden Dollar ausgegeben. Nur Deutsche und Amerikaner übertreffen das. Die Deutsche Zentrale für Tourismus schätzt, dass durch das Erstarken der Mittelschicht die Zahl der Chinesen, die sich eine Auslandsreise leisten können, jährlich um 13 Prozent steigen wird.

          In sieben Tagen durch Europa

          Gute Nachrichten für Thomas Feda. „Vor drei Jahren war China noch ein Zukunftsmarkt für uns, heute ist es ein Hauptmarkt“, sagt der Leiter der Tourismus und Congress GmbH Frankfurt. 150.000 Übernachtungen von chinesischen Touristen in Frankfurt im vergangenen Jahr zählt er. „Rechnet man die Übernachtungen von Neu-Isenburg, Darmstadt und Mörfelden-Walldorf dazu, sind wir im europaweiten Vergleich sogar vor Rom.“ Nur in London und Paris betteten Chinesen sich häufiger. Feda will sich in Zukunft nicht mehr auf den Massentouristen konzentrieren, der „in sieben Tagen durch Europa jagt“. Im Blick ist der „neue chinesische Tourist“: jung, auslandserfahren, kulturell interessiert und eigenständig reisend. Und da er idealerweise unter 45 Jahre alt ist, hat er die Kulturrevolution in China nicht miterlebt, sondern eine Periode ununterbrochenen wirtschaftlichen Wachstums. Daher sei Konsum für ihn kein negativ besetzter Begriff.

          Dass Konsum Kultur schlägt, weiß Stadtführerin Suwen Tan (Name geändert) zu berichten. Die Chinesin geleitet seit sechs Jahren Landsleute durch Frankfurt. Natürlich gehören Römer und Paulskirche ins Programm, aber oft interessiere das gar nicht. „Die Männer hören den Geschichten noch eher zu, aber die Frauen wollen nur einkaufen“, sagt sie. Wenn nicht ohnehin eine Shopping-Tour geplant sei, komme aus der Gruppe häufig der Vorschlag, man möge sich doch bitte in diese Richtung orientieren. An der Luxusmeile der Stadt, der Goethestraße, angekommen, wartet sie dann vor den Geschäften, während ihre Gruppe sich bei Gucci, Louis Vuitton und Co. eindeckt.

          Geschäftssprache: Chinesisch

          In den Läden werden ihre Dolmetscher-Dienste meist nicht mehr gebraucht, mittlerweile hat nahezu jedes Geschäft in der Goethestraße einen Verkäufer, der Chinesisch spricht. Und nicht nur das habe sich geändert, findet die Stadtführerin. Schriftzeichen an Geschäften habe es auch früher gegeben, wegen der Japaner. Aber mittlerweile seien die Angebote stärker auf ihre Landsleute ausgerichtet. Dabei werde die Werbung immer dreister: „Manche drücken den Touristen mitten in der Führung Zettel in die Hand, auf denen steht: ,Wir sind billiger!‘ Das ist unverschämt.“

          Und doch trifft es offenbar den Nerv der chinesischen Touristen. In der Statistik des Unternehmens „Global Blue“ sind Chinesen die Deutschland-Shopper Nummer eins. Der Finanzdienstleister bietet „Tax Free Shopping“ bei Einzelhändlern auch außerhalb des Flughafens. Nach Unternehmensangaben wird in Deutschland der größte Umsatz durch chinesische Touristen in der Stadt Frankfurt erwirtschaftet: 99 Millionen Euro ließen Chinesen von Januar bis November 2011 in der Mainmetropole, das sind mehr als 40 Prozent des deutschlandweiten Umsatzes. Im Schnitt gebe ein chinesischer Tourist 698 Euro in Frankfurt aus. Die Stadt sei häufig die letzte Station chinesischer Touristen, daher werde hier besonders viel eingekauft. Besonders beliebte Waren seien Uhren, Schmuck und Kleidung.

          .. und manchmal doch „Made in Germany“

          Was zählt, sind die großen Marken. „Made in Germany“ ist ein Qualitätssiegel. Das weiß auch Cornelia Dartsch (Name geändert), Verkäuferin in einem Geschäft für Koffer. Der Renner bei Asiaten seien die Modelle von Rimowa, dieses Label gelte als „Prestige-Objekt“. Chinesische Kunden feilschten mehr und legten Wert darauf, nur Neuware aus dem Lager mitzunehmen.

          Mit den Eigenheiten chinesischer Kunden verdient Gang Wang sein Geld. Zu den Kunden des 42 Jahre alten Unternehmers aus Schanghai zählen unter anderem acht Geschäfte in der Goethestraße und Galeria Kaufhof. Dass dort alle Stockwerke nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Chinesisch ausgeschildert sind, ist ebenso sein Verdienst wie die Tatsache, dass auf jeder Etage mindestens ein Chinesisch sprechender Verkäufer arbeitet. Außerdem akzeptiert das Warenhaus die chinesische EC-Karte von China Union Pay.

          „In China kosten diese Luxusmarken teilweise das Doppelte.“

          Wichtig aber sei vor allem, wie man die chinesischen Kunden berate. „Viele sind unsicher, weil alles neu für sie ist. Und Markenprodukte sind in ihrem Land häufig Fälschungen.“ In Wangs Schulungen lernten die Verkäufer unter anderem, dieser Skepsis zu begegnen. Trotz ihrer großen Kaufkraft seien Chinesen immer noch auf ein Schnäppchen bedacht: „In China kosten diese Luxusmarken teilweise das Doppelte.“

          Im Kofferladen begutachten derweil fünf Chinesen, ein Mann und vier junge Frauen, die Auslage. Sie sind Mitarbeiter einer chinesischen Fluggesellschaft und haben nach einem Flug fünf Tage Urlaub angehängt. In dieser Zeit wollen sie in Frankfurt shoppen. Als es ans Bezahlen geht, hüpft eine der jungen Frauen, ihre Handtasche fest an die Brust gepresst, mit einem kindlichen Grinsen zur Kasse. Dort ziehen die Chinesen ein Bündel grüner 100-Euro-Scheine aus einem Plastiktütchen und blättern pro Koffer zwischen fünf und sieben davon hin. Die Chinesen bekommen ihre Koffer ins Hotel geliefert. Bevor sie gehen, verstauen sie noch ihre bisherigen Einkäufe darin. Das Koffer-Geschäft war ihre erste Adresse in Frankfurt. „Wir brauchen Platz für die Dinge, die wir danach einkaufen wollen“, sagt der Mann.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Premierminister Morrison präsentiert Australiens neue Verteidigungspläne

          Neue Sicherheitspolitik : Australien bietet China die Stirn

          Seit 1945 stand Australien in allen Kriegen treu an der Seite Amerikas. Jetzt, wo für Canberra das Problem China immer dringlicher wird, sucht die Regierung neue, zuverlässige Verbündete und rüstet auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.