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Shakespeare in Corona-Zeiten : Das Theaterleben geht weiter

Kämpferisch: Proben einer Szene aus „Was ihr wollt“ der freien Theatergruppe „Shakespeare Frankfurt“ Bild: Wonge Bergmann

Wenigstens auf Youtube: „Shakespeare Frankfurt“ dreht im Botanischen Garten in Frankfurt die Stücke-Collage „Breath of Life“. Die Künstler überzeugen und begeistern mit ihrer Vielseitigkeit und ihrer unverwüstlichen Energie.

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          Eigentlich standen hier immer zwei Bänke. Vor den filigranen Lärchen mit Blick auf das Alpinum des Botanischen Gartens stehen jetzt zwei Männer in Römer-Kluft, zwei behelmte Brüder namens Orlando und Oliver gehen mit Schwertern aufeinander los. Oliver: „What make you here?“ Orlando fordert handfest sein Erbteil ein, um das ihn sein älterer Bruder betrügt. „I pray you, leave me“, schreit Oliver. Aber warum tragen die beiden Römerklamotten? Die Eingangsszene von „Wie es euch gefällt“ findet doch in Olivers Renaissance-Garten statt und nicht im Garten des Brutus („Julius Caesar“). Pressesprecherin Vera Mark zuckt verlegen die Schultern. Die Phantasie auch dieses Regisseurs ist unergründlich.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Eigentlich hatte PJ Escobio Film studiert, dann ist er zum Theater übergelaufen: zu „Shakespeare Frankfurt“. Die Freie Gruppe oder, wie Mark sagt, „ein Haufen Kreativer“, der sich demnächst als gemeinnütziger Verein etablieren will, bespielt seit vier Jahren im Sommer den Botanischen Garten mit den Stücken ihres Namenspatrons (Sommernachtstraum“, „Macbeth“), im Winter die Bühne des International Theatre Frankfurt (ITF) mit Klassikern von Ibsen und Euripides. Jetzt hatte Regisseur Escobio eine Idee: Warum nicht einen Online-Shakespeare produzieren, sprich: Szenen drehen, wenn schon die geplante Aufführung der „Comedy of Errors“ wegen Corona abgesagt werden musste? Dabei hatte seine Truppe noch Glück: Als der Lockdown Mitte März kam, hatten die Probenarbeiten im Botanischen Garten noch nicht begonnen.

          Youtube-Videos fürs Stammpublikum

          Corona zum Trotz heißt die szenische Collage aus acht Shakespeare-Stücken „Spiritus Vitae – Breath of Life“. Nur drei Schauspieler bewältigen jeweils eine Szene vor zwei Kameras. Der Reigen beginnt mit der dritten Szene im zweiten Akt von „The Winter’s Tale“ (der eifersüchtige Leontes lässt seine Tochter Perdita aussetzen) und endet mit der Totengräber-Szene im fünften Akt des „Hamlet“.

          Der Zusammenschnitt ist im Herbst auf der Website und dem Youtube-Kanal von „Shakespeare Frankfurt“ zu sehen. So will die Truppe ihr Stammpublikum bei der Stange halten, auch wenn die Zuschauer diesmal nicht mit den Schauspielern durch den Garten promenieren können. „Das Leben geht weiter“ – nach dieser Devise plagen sich die Künstler nun jeden Sonntag von 13 Uhr bis Sonnenuntergang. Dann muss die jeweilige Szene im Kasten sein.

          Jeder packt an, wo er gebraucht wird

          „Nur Küssen ist jetzt nicht angesagt“, sagt Mark. Masken sind es beim sonntäglichen Dreh offenbar auch nicht, Abstände schon. Diesmal steht ohnehin keine Liebe auf dem Programm, sondern Hass. „As You Like it“, Eingangsszene: Der Kameramann schmeißt seine Schuhe weg, damit die Geräusche seiner Schritte auf dem Kiesboden nicht vom Mikrofon eingefangen werden, während die ungleichen Brüder die Schwerter heben. Mathias Kunzler, der Fight Director, überwacht jede Bewegung, einschließlich des Abstands. Er ist auch sonst für körperliche Intimitäten zuständig. Matthias Feldhaus Posada kämpft als Orlando in rotem Römerrock mit einem schützenden Schaffell um den Unterarm. Er ist noch in Ausbildung. Allix James dagegen ist schon ein Profi. „Ich paare oft die Profis mit den Anfängern“, hatte der Regisseur gesagt, als das Mikro noch nicht eingeschaltet war. So können die angehenden Schauspieler von den Erfahrenen lernen.

          Zwei Weißlinge umflattern die multikulturelle Truppe. Michael Kinzer, unvergessener Bottom/Zettel aus dem „Sommernachtstraum“ und heute Creative Producer nebst Filmeditor, tritt von einem Fuß auf den anderen. Er war in der „Comedy of Errors“ als einer der beiden Verwirrung stiftenden Zwillinge besetzt und wird nun diese Szenen zusammenschneiden, denn auch er hat eigentlich Film studiert. „Hier muss jede Bewegung identisch sein, sonst kann man nicht schneiden“, weiß er. Diese Künstler sind vielseitig und engagieren sich unentgeltlich. Elisa von Issendorff ist jetzt als Marina in der „Pericles“-Szene (V.1.) vorgesehen, für das ITF wird sie aber Molières „Tartuffe“ inszenieren. Jeder packt an, wo er gerade gebraucht wird. Shayana Gotterbarm Diaz als Inspizientin ohnehin.

          Unruhe am Set: Ein Requisit fehlt, ein Geldbeutel. Dann wird ein weißes Tuch wie eine Flagge gehisst: Es soll den Schatten der Kamera wegfangen. Ohne Sonne hätten es Jim Reed und Michael Heipel an der Kamera leichter. Bis Sonnenuntergang muss Vera Mark noch barfuß über den Kiesbodenweg schleichen. Die Künstler sind dem Botanischen Garten dankbar dafür, dass sie in dieser Idylle drehen dürfen. Erst in der Dämmerung macht die Kamera schlapp. Die Energie der Schauspieler dagegen scheint unverwüstlich zu sein. Ihre Begeisterung für den großen alten Briten springt über – hoffentlich bis auf Youtube. Dort ist schon jetzt ein erster Trailer  zu sehen.

          Weitere Informationen zur Theatergruppe über www.shakespearefrankfurt.de

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