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Sexueller Missbrauch im Vincenzstift : Katholisches Schreckensregime

  • -Aktualisiert am

Zeitweise waren hier 400 Kinder untergebracht: Ein Teil des 1958 stark erweiterten Zentralgebäudes des St. Vincenzstifts in Aulhausen Bild: Kretzer, Michael

Im St. Vincenzstift in Aulhausen gab es Gewalt und sexuellen Missbrauch. Das belegt eine neue Studie über die Jahre 1945 bis 1970. Niemand wollte den Kindern zuhören.

          Es sind nur ein paar Sekunden, aber Mimik und Gestik sagen alles. Erwin Klatt öffnet weit die Augen, hebt die Hände: „Nein! Direktor Müller durften wir nichts sagen.“ So blieben er und die anderen Jungen, an denen sich ein Mitarbeiter im St. Vincenzstift verging, allein. „Auch die Schwestern haben ja nicht zugehört und die Fräulein auch nicht.“

          Erwin Klatt hat fast sein ganzes Leben in dem katholischen Stift in Rüdesheim-Aulhausen verbracht. Als Junge kam er 1945 dorthin, in eine Gruppe mit 45 Kindern. Heute ist er 75 Jahre alt. Geführt wurden die Gruppen der Mädchen und die der jüngeren Jungen von Nonnen der Armen Dienstmägde Jesu Christi („Dernbacher Schwestern“). Hinzu kamen männliche Erzieher, die vor allem für die schulentlassenen Jungen und Männer zuständig waren, und die „Fräulein“ genannten, weltlichen Erzieherinnen.

          Während der Beichte vergewaltigt

          Es gibt auch positive Erinnerungen ehemaliger Bewohner an einzelne Schwestern und Erzieher. Aber das Maß körperlicher Gewalt und sexuellen Missbrauchs, das in einer neuen Studie belegt wird, ist erschreckend. Und Müller, der das Heim von 1958 bis 1970 leitete, durften die Kinder nicht nur nichts sagen – er gehörte selbst zu den schlimmsten Tätern.

          „Gerade Direktor Müller nutzte das Abhängigkeitsverhältnis der Bewohner ihm gegenüber wie auch seine herausgehobene Position als Geistlicher und Direktor über einen längeren Zeitraum zum sexuellen Missbrauch“, urteilt der Autor der Studie, Bernhard Frings. Der Kirchenhistoriker zitiert in seiner Untersuchung etwa eine ehemalige Bewohnerin, die schilderte, von Müller während der Beichte vergewaltigt worden zu sein. „Das ging eine ganze, ganze Weile, Jahre so durch, bis ich meine Menstruation bekam.“

          „Die Gewalt kam peu à peu“

          Erwin Klatt berichtet im Gespräch mit dieser Zeitung, dass jener Mitarbeiter, „der zu Jungs gegangen ist“, von ihm abgelassen habe, nachdem er sich gewehrt habe. Unter der Gewalt der Schwestern litt aber auch er weiter. Und die Erfahrung, kein Gehör zu finden, machte auch diese ehemalige Bewohnerin, mit der Frings sprach: „Du wurdest nicht getröstet. Es war immer Gewalt, Dogma und Unterdrückung. Das macht das Ganze eigentlich so bitter.“ Alexander Markus Homes, der wegen angeblicher „Debilität“ 1966 als Sechsjähriger in das Stift kam, bringt es so gegenüber dieser Zeitung so auf den Punkt: „Es tat sich die Hölle auf für mich.“ Er war bis 1975 in Aulhausen. „Die Gewalt kam peu à peu“, sagt er und berichtet von Schlägen mit Gegenständen und von Tritten durch Schwestern („Man hat uns die Religion mit Prügeln implantiert.“) und von sexueller Gewalt durch den Heimarzt. Vor allem die Nonne, die seine Gruppe geleitet habe, sei gnadenlos und eiskalt gewesen.

          Für die erlittene sexuelle Gewalt hat er vom Stift 3000 Euro bekommen. „Anerkennungszahlungen“ nennt der heutige Leiter Caspar Söling solche Leistungen. „Wir anerkennen damit unsere Schuld.“ Nach einer Anhörung im Landtag im Oktober 2009 über das „Unrechtsschicksal von Heimkindern der fünfziger und sechziger Jahre“ haben sich Söling zufolge mehr als 40 ehemalige Heimkinder des St. Vincenzstifts und 51 aus der Jugendhilfe Marienhausen gemeldet. In der Jugendhilfe waren damals Salesianer tätig, sie gehört heute aber auch zum Stift.

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