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Sexuelle Attacken an Silvester : Geringe Aufklärungsquote bei Silvester-Attacken

Ort des Geschehens in Frankfurt: Die Polizei kann kaum Ermittlungserfolge vorweisen. Bild: dpa

Die Polizei hat kaum verwertbare Hinweise darauf, wer am Frankfurter Mainufer Frauen sexuell angriff. Bisher kam es lediglich zu drei Festnahmen.

          Die meisten sexuellen Übergriffe in der Frankfurter Silvesternacht werden wohl nicht aufgeklärt werden. Die Polizei hat drei Monate später eine Zwischenbilanz gezogen: Nach den 63 Anzeigen von Frauen, die vor allem auf dem Eisernen Steg, aber auch am Mainufer und an anderen Orten der Innenstadt und in Sachsenhausen handgreiflich belästigt, schikaniert und bestohlen worden waren, konnten bisher nur drei Verdächtige ermittelt werden. In den meisten anderen Fällen ist es schwer bis unmöglich, die Täter zu finden.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wie berichtet, wurden vor drei Wochen drei algerische Asylbewerber identifiziert, die in der Nacht im Bahnhofsviertel zwei junge Frauen massiv bedrängt, ihnen die Kleider vom Leib gerissen, sie unsittlich berührt und einer das Handy gestohlen haben sollen. Dieser Fahndungserfolg gründet zum Teil auf der Dreistigkeit der mutmaßlichen Täter. Sie hatten laut den bisherigen Erkenntnissen das entwendete Smartphone benutzt und es später untereinander weitergegeben. Über die Sendemasten ließ sich die Spur quer durch Hessen bis in ein Flüchtlingsheim in Spangenberg verfolgen. Weil zumindest einer der Verdächtigen zur Tatzeit auch das eigene Handy angeschaltet hatte, konnte nachgewiesen werden, dass er im Bahnhofsviertel eingeloggt war. Aber ob diese Indizien zu einer Verurteilung führen, ist noch ungewiss: Die Verhafteten, die sich unter falschen Namen in einer zweiten Asylunterkunft angemeldet hatten, bestreiten die Vorwürfe. Die Ermittlungen dauerten an, heißt es aus dem Polizeipräsidium. Eine Anklage ist noch nicht in Sicht.

          Schwierigkeiten die Angriffe zu beweisen

          Nachdem in den ersten Tagen des Jahres klarwurde, dass es in Frankfurt ähnlich wie in anderen Großstädten im Schutz des Neujahrstrubels zu massiven Attacken gegen Frauen gekommen war, hatte die Polizei die „AG Steg“ gegründet. Angesichts der Empörung, welche vor allem die Vorfälle in Köln auslösten, überwanden auch in Frankfurt viele Opfer die Scheu, das anzuzeigen, was ihnen widerfahren war. Allerdings erwies es sich von Anfang an als schwierig, verwertbare Informationen zu erlangen. Meist war von jungen Männern, vermutlich Nordafrikanern, die Rede. Sie hätten Arabisch oder gebrochen Englisch gesprochen.

          Eine nähere Beschreibung habe kaum eine der Frauen angesichts des Gedränges und der Lichtverhältnisse geben können, sagte ein Polizeisprecher. Die meisten schlössen sogar aus, ihre Peiniger wiederzuerkennen. Weil viele Anzeigen erst einige Tage später eintrafen, war es auch nicht möglich, die Täter etwa über auffällige Kleidung zu identifizieren. Eine Öffentlichkeitsfahndung wie in Köln mittels in der Silvesternacht gefertigter Fotos oder Videos wird es in Frankfurt voraussichtlich nicht geben. Die wenigen Bilder, die vorlägen, seien dazu kaum geeignet, heißt es.

          Selbst wenn Verdächtige angeklagt werden sollten, werden wohl die wenigsten mit empfindlichen Strafen rechnen müssen. Abgesehen von der Schwierigkeit, die Übergriffe zu beweisen, bieten das geltende Sexualstrafrecht und die bisherige Rechtsprechung der Obergerichte dafür wenig Handhabe. Unsittliches Berühren war bisher nur dann als tätliche Beleidigung bestraft worden, wenn es „von einiger Dauer“ war. Auch zwischen Griffen ans Gesäß und an die Brust wurde unterschieden. Die geplante Verschärfung des Strafrechts zielt vor allem darauf, die Opfer von Vergewaltigungen und sexuellen Nötigungen besser zu schützen. Bisher musste der Täter Gewalt ausüben oder sie zumindest androhen; nach der Reform soll es für die Strafbarkeit reichen, wenn er „besondere Umstände“ ausnutzt. Nach den für die Taten der Silvesternacht noch geltenden Kriterien hat die „AG Steg“ die Anzeigen geordnet: 50Fälle werden als „Beleidigungen mit sexueller Grundlage“ geführt, 13 als sexuelle Nötigungen, darunter auch die massiven Übergriffe, die den drei verhafteten Algeriern zur Last gelegt werden.

          Mischung aus verabredeter Kriminalität und kollektivem Tabubruch

          Angesichts der mühsamen Ermittlungen wird es wohl auch offenbleiben, wie es zu der Vielzahl von Übergriffen und Belästigungen kam und ob sich daran auch Flüchtlinge beteiligten. Womöglich hatten sich Tätergruppen verabredet, die traditionelle Feier zum Jahreswechsel mit Zehntausenden Schaulustigen am Frankfurter Mainufer als gute Gelegenheit für Diebestouren zu nutzen.

          Einiges spricht dafür, dass es mit dem unter nordafrikanischen Kleinkriminellen auch in Frankfurt verbreiteten Antanzen begann – dem körperlichen Annähern, um dem verblüfften Opfer in die Tasche zu greifen und das Portemonnaie oder Handy herauszuziehen. Allerdings gaben nur sieben der Frauen an, man habe sie bestohlen oder das zumindest versucht. Am Ende könnte eine Mischung aus verabredeter Kriminalität und kollektivem Tabubruch, befeuert von Alkohol und Drogen, zu den Exzessen geführt haben, heißt es in Polizeikreisen.

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