https://www.faz.net/-gzg-6zhzp

Sexualforscher Sigusch : „Ich war ein ziemlich unangenehmes Kind“

Lieber Sexualforscher als Pianist: Volkmar Sigusch. Bild: Eilmes, Wolfgang

Als Schüler ist Volkmar Sigusch seinen Lehrern auf die Nerven gegangen. Der Vielbegabte entschied sich gegen die Berufsmusikerlaufbahn - tattdessen wurde er Sexualforscher.

          Sie war steil, aber kurz, die Karriere des Pianisten Volkmar Sigusch. Mit 17Jahren hatte er angefangen zu spielen, ziemlich spät, aber der junge Mann erlernte die Tastenkunst schnell, so wie eigentlich alles, was er lernen wollte. Bald war er der Stolz seiner Klavierlehrerin, durfte an einem Wettbewerb teilnehmen - und gewann den zweiten Preis. Dies sei das einzige Mal in seinem Leben gewesen, dass er „verloren“ habe, behauptet Sigusch. Das fortgeschrittene Alter - er war damals 19 - tat ein Übriges, um den Traum vom Virtuosendasein zerstieben zu lassen. So wurde aus dem Vielbegabten, der sein Abitur mit Auszeichnung bestand, kein Berufsmusiker, sondern ein Wissenschaftler. Und der Wissenschaftler hatte mehr Erfolg, als dem Pianisten vermutlich je beschieden gewesen wäre.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Seit gut 40Jahren widmet sich Volkmar Sigusch der Sexualforschung. Von 1973 bis 2006 hat er das Institut für Sexualwissenschaft an der Goethe-Universität geleitet. Seitdem ist er im Ruhestand, wobei er vermutlich beleidigt wäre, wenn man dieses Wort in seiner Gegenwart benutzen würde. „Ich habe seit 20Jahren keinen Urlaub mehr gemacht“, sagt er beim Gespräch in der Frankfurter Gemeinschaftspraxis, an deren Eingang jetzt auch sein Name steht. Nach der Emeritierung habe er mehrere Angebote gehabt, unter anderem vom Sigmund-Freud-Institut. Er entschied sich für die Praxisklinik Vitalicum - einige der Ärzte dort waren früher seine Studenten.

          Einige kommen maskiert in die Praxis

          Sigusch bietet Gesprächstherapien an. Im Vitalicum hat er keine eigenen Räume, aber die braucht er auch nicht, denn er ist nicht ständig dort. Er behandelt nur noch Menschen mit besonders schweren oder seltenen sexuellen Abweichungen. Welcher Art diese Störungen sind, darüber redet Sigusch nicht gern. Manche Neigungen seiner Patienten sind so ausgefallen, dass die Betroffenen schon an der Beschreibung erkennen könnten, dass ihr Therapeut von ihnen gesprochen hat. Auch Prominente suchen seinen Rat, wie er sagt. Einige kommen maskiert in die Praxis, damit sie nicht erkannt werden.

          Hetero-, Homo- und Transsexualität, Sadismus und Masochismus, Fetischismus, Sodomie und Pädophilie: Sigusch hat sich mit fast allen möglichen Spielarten des Geschlechtstriebs forschend auseinandergesetzt, mit den gesellschaftlich erwünschten und geförderten, mit den zu Unrecht tabuisierten und jenen, die aus guten Gründen keinesfalls ausgelebt werden dürfen. In seiner Arbeit hat er sich nie auf die Betrachtung medizinisch-funktionaler Aspekte beschränkt. Immer wieder fragt Sigusch, wie die Sexualität des Einzelnen und der Zustand der Gesellschaft miteinander zusammenhängen. Und stets hat er sich gegen die „Psychiatrisierung“ geschlechtlicher Störungen gewandt.

          Der brillante Junge in Schwierigkeiten in der DDR

          Dabei ist Sigusch selbst Arzt, mit Ausbildung in Psychiatrie und Psychotherapie. Dass er Medizin studieren würde, wenn es schon nicht zum Starpianisten reichte, war angesichts seiner Bestnoten in der Schule naheliegend. „Ich war ein ziemlich unangenehmes Kind“, erinnert er sich mit feinem Lächeln. „Die Lehrer hassten mich, weil ich sie korrigiert habe.“ Es gab noch andere Gründe dafür, dass der brillante Junge bald in Schwierigkeiten geriet. Die Siguschs lebten in der DDR, der Vater hatte einst eine Sparkasse geleitet. „Wir waren eine ,Verräterfamilie‘ und galten als ,antisozialistisch‘.“ Für einen Spross aus solchen Kreisen war die Arztlaufbahn im Realsozialismus eigentlich versperrt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          UN-Klimagipfel in New York : War das alles, Frau Merkel?

          Mit ihrem Klimapaket enttäuschte die Bundesregierung viele. Auch in New York steht Merkel unter Rechtfertigungsdruck. Sie verweist auf die Bevölkerung – und den Unterschied zwischen Politik und Wissenschaft.

          AKK in Amerika : Im Leer-Jet zum Pentagon

          Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer reist zum ersten Mal nach Washington. Ihr Terminplan überrascht – vor allem, wen sie alles nicht trifft.

          Pendlerpauschale : Habecks Eigentor

          Es sei doch sympathisch, wenn Politiker mal zugeben, dass sie keine Ahnung haben, heißt es. Das stimmt – bei Robert Habeck und der Pendlerpauschale aber ist es fatal.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.