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Seveso-II-Richtlinie als Hindernis : Wohnen im Schatten des Industrieparks Höchst

Mögliche Wohngebiete in Frankfurt-Sindlingen - unweit des Höchster Industrieparks Bild: F.A.Z.

Am westlichen Stadtrand Frankfurts könnten bis zu 2000 neue Wohnungen entstehen. Allerdings gibt es ein großes Hindernis für eine Entwicklung des Areals: die Seveso-II-Richtlinie.

          3 Min.

          Felder, so weit das Auge reicht. Aber auch dampfende Industrieschlote - es hängt ganz und gar vom Standort und von der Blickrichtung ab, wie sich Sindlingen dem Betrachter präsentiert. Manch Ortsunkundiger mag das Quartier im Frankfurter Westen mit seinen rund 9000 Bewohnern gar nicht als Teil der Mainmetropole betrachten, weil es durch den benachbarten Industriepark Höchst vom restlichen Stadtgebiet weitgehend abgetrennt ist. Und doch ist Sindlingen jetzt in den Fokus der Stadtplaner geraten. Denn es könnte dazu beitragen, eine der drängendsten städtischen Aufgaben zu bewältigen: die Schaffung neuen Wohnraums.

          Bernd Günther

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Flächen westlich und südlich der Ferdinand-Hofmann-Siedlung in Sindlingen zählen zu den insgesamt 15 potentiellen Baugebieten, für die der Magistrat nun mit Priorität die planungsrechtliche Grundlage schaffen will. Die Liste ist dieser Tage von Planungsdezernent Olaf Cunitz (Die Grünen) vorgelegt worden. Sindlingen ist auf dieser zwar erst zum Schluss aufgeführt, tatsächlich spielt der Stadtteil aber eine wichtige Rolle: Zum einen, weil von den aufgeführten Standorten sechs - darunter auch Sindlingen - neu in das städtische Programm zur Wohnbaulandentwicklung aufgenommen wurden. Zum anderen, weil das Areal in Sindlingen das größte Neubaugebiet wäre.

          Derzeit als Ackerland genutzt

          Nach Auffassung der Stadtplaner könnten bis zu 2000 Wohneinheiten auf der avisierten Fläche geschaffen werden. Begrenzt würde das Quartier im Norden von der S-Bahn-Trasse, im Osten von der Internationalen Schule und ihrer Zubringerstraße sowie im Süden von der Hoechster-Farben-Straße. Im Westen, wo die Stadtgrenze verläuft, würde Abstand zur Bundesstraße gehalten. Was die Planer als Bauland ausgemacht haben, wird derzeit überwiegend als Ackerland genutzt. Auf dem Areal gibt es aber auch Parkplätze, Sportanlagen und Kleingärten, die zwar weichen, aber nicht ersatzlos wegfallen sollen: Zumindest die Sportplätze und Gärten sollten innerhalb des Plangebiets verlagert werden können, meinen die Stadtplaner.

          Als sehr vorteilhaft sehen sie die Nähe der S-Bahn-Stationen Zeilsheim und Sindlingen, durch die das neue Quartier gut an den öffentlichen Nahverkehr angebunden wäre. Zudem könnten die dort verkehrenden S-Bahn-Linien durch die neuen Fahrgäste besser ausgelastet werden. Ferner könnten der alte Ortskern mit seinen vielen denkmalgeschützten Bauten und die nördlich gelegenen Wohnstraßen durch das Neubaugebiet verknüpft werden.

          Im Norden wird Sindlingen seit Jahrzehnten durch einen besonderen Nachbarn geprägt: den Industriepark Höchst. Bisher wurden Bauvorhaben in dessen Umfeld durch die Seveso-II-Richtlinie in Frage gestellt. Die 1997 nach dem Ort eines schweren Giftunfalls in Italien benannte Vorschrift der Europäischen Union schreibt eine angemessene Schutzzone zu bestehenden chemischen Betrieben vor. Für die Entwicklung von Neubaugebieten im Frankfurter Westen galt das bisher als Hindernis. Zwar gilt im Einzelfall ein Ermessensspielraum in Bezug auf den tatsächlichen Abstand, wobei die Topographie, klimatische Verhältnisse und das Alter der chemischen Anlage zu beachten sind. Für die einst angestrebte Bebauung des Silogebiets in Unterliederbach mit bis zu 1850 Wohnungen galt die Richtlinie aber bisher als Ausschlusskriterium, und die Stadt lässt das Bebauungsplanverfahren für das Silogebiet seit Jahren ruhen.

          Gesondertes Gutachten eingeholt

          Lediglich eine rund elf Hektar große Teilfläche wird seit 2010 von der städtischen Konversions-Grundstücksentwicklungsgesellschaft (KEG) zur „Parkstadt Unterliederbach“ mit Reihenhäusern und Geschosswohnungen für bis zu 750 Bewohner entwickelt. Auch dieses Areal wäre eigentlich von der Seveso-II-Richtlinie betroffen gewesen - wenn nicht schon der rechtskräftige Bebauungsplan aus dem Jahr 1989 vorgelegen hätte.

          Die „Parkstadt Unterliederbach“ kann somit nicht als Vorbild für das nun präsentierte potentielle Baugebiet in Sindlingen dienen, denn für dieses muss der Bebauungsplan erst noch erstellt werden. Im Planungsdezernat spricht man darum von einer notwendigen „vertieften Prüfung der Seveso-Problematik“. Dazu soll ein gesondertes Gutachten eingeholt werden. Die Stadtplaner geben sich mit Verweis auf jüngste Gutachten und Entscheidungen zu anderen Baugebieten optimistisch. Sollte das für 2000 Wohnungen vorgesehene Areal in Sindlingen aber am Ende doch nicht als Bauland dienen können, würde die vom Planungsdezernat in Aussicht gestellte Zahl von insgesamt 6000 neuen Wohnungen immerhin um ein Drittel verringert.

          Im Stadtteil selbst ist der Vorstoß des Magistrats und das Ausdeuten eines möglichen Baugebiets an der Stadtgrenze jedenfalls mit Überraschung zur Kenntnis genommen worden. Für Ortsvorsteher Manfred Lipp (CDU), der den für die westlichen Stadtteile zuständigen Ortsbeirat 6 führt, sind die Überlegungen „absolut neu“. Im Ortsbeirat sei das bisher kein Thema gewesen. Lipp hegt Vorbehalte gegen den Vorschlag und weist darauf hin, dass überwiegend landwirtschaftliche Flächen betroffen wären. Sollte es dennoch zu einer Bebauung kommen, müssten die in Sindlingen vorherrschenden Gebäudehöhen berücksichtigt werden, meint er. Vor allem aber wäre es aus seiner Sicht notwendig, die Infrastruktur - von der Kinderbetreuung über Einkaufsmöglichkeiten bis hin zur ärztlichen Versorgung - der künftigen Bevölkerung anzupassen. Für die nächste Ortsbeiratssitzung im Januar erwartet der Ortsvorsteher interessante Reaktionen und Diskussionen zu den Vorschlägen des Magistrats.

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