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Serienmörder von Schwalbach : Die Hoffnung heißt Technik

Spurensicherung: Ein Kriminalbeamter untersucht in Schwalbach am Taunus das Tor zu einer Garage, in der Leichenteile entdeckt worden sind, nach Fingerabdrücken Bild: dpa

Ein Mann aus Schwalbach soll ein Serienmörder gewesen sein. Gelöst werden wird der Fall wohl im Labor.

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          Die Aktenordner standen lange im Regal, mehr als 40 Jahre. „Gudrun Ebel“ stand auf dem einen, „Hanice Erülkeroglu“ auf dem anderen. Bis vor wenigen Tagen wussten selbst unter Polizisten nur wenige von diesen Ordnern und von den ungelösten Fällen, deren Geschichte in ihnen abgeheftet ist. Die Morde an den beiden Frauen waren in Vergessenheit geraten. Schaut man sich heute an, was ihnen widerfahren ist, wie außerordentlich grausam der Täter gehandelt hat, der sie quälte und umbrachte, dann fragt man sich, wie das geschehen konnte.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Im Jahr 1971 wurden Ebel und Erülkeroglu getötet, der Täter wurde nie gefasst. Nun glaubt die Polizei, es sei Manfred Seel gewesen, ein verstorbener Mann aus Schwalbach, dem die Beamten inzwischen eine ganze Mordserie zurechnen. Mit dem Mord an Gudrun Ebel soll die Serie begonnen haben, vor 45 Jahren. Das ist aus Sicht von Ermittlern eine halbe Ewigkeit. Von Jahr zu Jahr wird es für sie schwieriger, einen Fall zu klären: vor allem, weil sich Zeugen nicht mehr erinnern können oder vielleicht auch sterben, bevor das Rätsel gelöst ist.

          Nur für einen sind lange Zeiträume kein Problem. Harald Schneider ist der Leiter des kriminaltechnischen Labors im hessischen Landeskriminalamt. Er sagt: „Es kommt nicht darauf an, wie alt ein Fall ist, sondern nur darauf, wie viele gut erhaltene Spuren es gibt.“

          19 Jahre nach der Tat

          Der Biologe ist Spezialist für ungeklärte Mordfälle. Eine ganze Reihe an Tötungsdelikten, die die Ermittler für unlösbar hielten, hat Schneider in den vergangenen Jahren aufgeklärt. Unter anderem hat er entscheidende Spuren gefunden, die 19 Jahre nach der Tat zu dem mutmaßlichen Mörder der Intendanten-Witwe Margarethe Buckwitz geführt haben. Auch geklärt hat Schneider den Mord an Beatrix „Trixie“ Scheible, die 1981 in der Nacht zum 12. Dezember nach einem Discobesuch in der Frankfurter Nordweststadt überfallen, vergewaltigt und erstochen worden war. Der Biologe kennt fast jedes Detail seiner Cold Cases, so sehr vertieft er sich in die ungeklärten Fälle. Er hat die Namen aller Opfer parat und weiß, auf welche grausame Weise sie den Tod gefunden haben. „Emotionen“, sagt Schneider, „kann man sich in diesem Beruf eigentlich nicht leisten. Aber ohne geht es auch nicht.“

          Seit Monaten liegen nun die Akten „Ebel“ und „Erülkeroglu“ auf seinem Tisch, ebenso wie die von anderen Frauen, die möglicherweise ebenfalls von Manfred Seel getötet worden sind. Die Ermittler der eigens gegründeten „AG Alaska“ sprechen von einer außergewöhnlichen Mordserie. Denn jedes Opfer wurde vor seinem Tod gequält und weist Verletzungen auf, die sich lesen wie die Handschrift eines sadistisch-sexuell orientierten Täters.

          So einer soll Manfred Seel gewesen sein, ein Familienvater aus Schwalbach am Taunus, der vor zwei Jahren an Speiseröhrenkrebs starb. In einer von Manfred Seel gemieteten Garage fand dessen Schwiegersohn nach Seels Tod zwei Fässer mit Leichenteilen. Wie sich herausstellte, stammten sie von Britta Diallo, die vor etwa zehn Jahren vom Frankfurter Straßenstrich verschwand.

          0,05 Quadratmillimeter große Blutspuren

          Die Ermittler selbst sagen, sie könnten ausgehend vom Fall Diallo bisher nur vermuten, dass es von den frühen siebziger Jahren bis in die jüngste Zeit hinein eine Mordserie mit mindestens sechs Opfern gegeben habe. Aber obgleich es nur Vermutungen sind, verdichten sich die Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen den Taten immer mehr.

          Anderthalb Jahre lang hat die AG Alaska recherchiert, hat alle Tötungsdelikte seit den fünfziger Jahren ausgewertet und sie nach Art der Tötung und nach dem speziellen Vorgehen des Täters sortiert. Geblieben sind sechs Fälle: neben Gudrun Ebel, Hanice Erülkeroglu und Britta Diallo auch die Morde an Gisela Singh und Dominique Monrose aus den Jahren 1991 und 1993. Außerdem sehen die Ermittler auch einen möglichen Zusammenhang zu dem Mord an dem Frankfurter Schüler Tristan Brübach, dessen Tod lange Zeit rätselhaft blieb, vor allem, weil das Kind so ungewöhnlich grausam behandelt worden war. Die Ermittler der AG Alaska sprechen von einer „Arbeitshypothese“, die sie aufgestellt hätten. Demnach soll Manfred Seel über Jahre hinweg getötet haben. Die Morde waren akribisch geplant. Auf einem Computer Seels stellte die Polizei 32 000 Daten mit sadistisch-sexuellen Gewaltphantasien sicher, die bei näherer Betrachtung wie eine Art Drehbuch für die Frankfurter Mordserie anmuten. Am Donnerstag hatte die AG Alaska ihre Hypothese öffentlich gemacht, in der Hoffnung, dass sich Zeugen melden, die Manfred Seel aus früheren Zeiten kennen. Harald Schneider hingegen sagt, wenn ins Dunkel dieser Fälle jemals das Licht so hell falle, dass sie gelöst werden könnten, dann nicht ohne die moderne Kriminaltechnik.

          Was inzwischen alles möglich ist, was die Kriminaltechnik alles leisten kann, das zeigt die Aufklärung des Mordes an der acht Jahre alten Julia Hose aus Biebertal vor einigen Jahren. Auf einem 40 Quadratmeter großen Teppich, der aus dem Keller des Mörders stammt, entdeckten die Kriminaltechniker damals rund 0,05 Quadratmillimeter große Blutspuren des Opfers. Der Täter wurde daraufhin zu lebenslanger Haft verurteilt. Auf ähnliche Weise konnte auch der Mord an der fünf Jahre alten Tuba Kulali aus Viernheim aufgeklärt werden, die im Juni 1987 erdrosselt aufgefunden worden war. Spuren an der Kleidung des Mädchens führten zu einem Verdächtigen, an dessen Decke schließlich Haare des Mädchens sichergestellt wurden.

          Winzigste Gen- und Faserspuren

          Schneider sagt, die Kriminaltechnik entwickele sich immer weiter fort. Mit Hilfe der Mikrotechnologie finde man winzigste Gen- und Faserspuren, die vor Jahren noch unentdeckt geblieben wären.

          Darauf hoffen die Ermittler auch in den Fällen, die der Frankfurter Mordserie zugeschrieben werden. In allen Fällen gibt es Asservate, die vielversprechend sind. Die Untersuchungen laufen schon seit einiger Zeit, jedoch bislang ohne Ergebnis. Auch deshalb, weil immer wieder aktuelle Fälle dazwischenkommen, die Priorität haben vor Altfällen, selbst wenn sie eines der wohl größten Serienverbrechen des Landes betreffen. Bei den Neuuntersuchungen wird zum Beispiel jedes Stück Stoff abermals unter die Lupe genommen. Es wird großflächig mit Folien abgeklebt an relevanten Stellen, mit denen der Täter in Kontakt gekommen sein könnte. Dann werden die Partikel wie etwa Hautschuppen, die an den Folien haften bleiben, mikroskopisch untersucht. Schneider geht nach Wahrscheinlichkeiten vor. Wenn bei 100 Partikeln keine DNA zu finden ist, gibt es erfahrungsgemäß auch keine. Dann widmet sich Schneider der nächsten Folie, und der Prozess beginnt von vorn. Man müsse sich das wie ein Netz vorstellen, sagt der Biologe. Je enger man es ziehe, desto mehr bleibe hängen. „Wenn es DNA irgendwo gibt“, sagt er, „dann sollten wir sie auch finden.“

          Zu den kriminaltechnischen Ergebnissen, die im Zusammenhang mit der Mordserie stehen, die Manfred Seel verübt haben soll, schweigt Schneider. Aber es ist kein Geheimnis, dass in seinem Labor auch der blutige Fingerabdruck untersucht wurde, den die Polizei auf einem Schulheft von Tristan Brübach fand. Die Ermittler sind sich bis heute sicher, dass die Fingerspur vom Mörder stammen muss. Als man Manfred Seel exhumierte, nachdem sich die Serienmord-Theorie verfestigt hat, nahm man auch seine Fingerabdrücke, sofern sie noch vorhanden waren. Sechs Finger ließen sich daktyloskopisch erfassen, vier nicht. Der Abgleich mit dem Fingerabdruck auf dem Heft verlief negativ. „Das hat uns leider nicht weitergebracht“, sagt Mordermittler Frank Herrmann. „Wir können weder ausschließen, dass die Fingerspur zu dem Verdächtigen passt, noch können wir es bestätigen.“ Somit bleibt der Fall Tristan Brübach schwierig, denn DNA-Spuren an der Leiche fanden sich damals so gut wie keine. Aber auch da ist Schneider optimistisch. „Man hat schon oft gedacht, die Möglichkeiten seien erschöpft. Aber dann kam eine neue Technik auf, die es ermöglichte, aus einzelnen Spuren noch größere Informationen zu gewinnen.“ Anders als sonst setzen die Ermittler in diesem Punkt auf Zeit.

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