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Seniorin düpiert Enkeltrickbetrüger : Der schmeichelnde Peter geht leer aus

Durchschaut: Ein Plakat warnt vor dem Enkeltrick. Bild: dpa

Eine 78 Jahre alte Frau gerät an einen Enkeltrickbetrüger. 30.000 Euro wollte er von ihr haben. Doch statt zu zahlen, dreht sie den Spieß einfach um.

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          Es war die Stimme des Anrufers, die Maria Schneider von Anfang an nicht gefiel. Sie hatte eine einschmeichelnde, impertinente Hartnäckigkeit, die die Achtundsiebzigjährige skeptisch werden ließ. „Wer ist da?“, fragte sie. „Na, ich bin’s“, sagte der Anrufer. „Ach, Peter, bist du’s?“ – „Genau!“

          Katharina Iskandar
          Verantwortliche Redakteurin für das Ressort „Rhein-Main“ der Sonntagszeitung.

          Dass es im Leben von Maria Schneider keinen Peter gibt, konnte der Anrufer nicht wissen. Er ist ein Enkeltrickbetrüger. Einer dieser Männer, die organisierten Banden angehören und versuchen, ältere Menschen um ihr Geld zu bringen. Im Fall von Maria Schneider war es wohl ihre für Frankfurt außergewöhnlich kurze Telefonnummer, die die Täter annehmen ließen, sie gehöre zur typischen Opfergruppe „siebzig plus“. Doch Maria Schneider hat die Masche durchschaut – und den Spieß einfach umgedreht.

          Geldübergabe mit Polizei

          Nachdem sie sich hatte erzählen lassen, in was für eine schreckliche Notsituation Peter geraten war – er müsse Verzugszinsen im Zusammenhang mit einem Autokauf zahlen –, legte sie auf, atmete einmal tief durch und rief die Polizei an. Sie habe gerade einen Enkeltrickbetrüger am Telefon gehabt, sagte sie. Die Beamten wurden sofort hellhörig. 30.000 Euro wollte Peter von ihr haben. Sie hatten verabredet, sich vor der Bank zu treffen; dort sollte das Geld übergeben werden. Der Polizist am Telefon sagte, Maria Schneider solle sich keine Sorgen machen, man werde sie unbemerkt zur Bank begleiten. Als das geklärt war, legte Maria Schneider auf. Wenige Sekunden später klingelte wieder das Telefon. Es war Peter. Er klang ungehalten.

          „Mit wem hast du gerade gesprochen?“, wollte er wissen. Doch die Rentnerin behielt die Nerven. „Na, hör mal. Ich musste doch die Bank informieren. Meinst du, ich kann dort so eben 30.000 Euro abheben?“ Das verstand Peter. Seine Stimme wurde wieder einschmeichelnd und weich. Er sagte nur: „Ach so.“ Dann fragte er nach der Kontonummer der Rentnerin, damit er ihr das Geld rücküberweisen könne. Sie sagte, die gebe sie ihm, wenn er das Geld abhole.

          Warten auf den Betrüger

          Als Maria Schneider, die eigentlich anders heißt, gegen 16 Uhr an der Volksbank-Filiale in ihrem Stadtteil eintraf, war die Polizei schon da. Sie ging zum Schalterbeamten, der Bescheid wusste. Der lotste sie in einen Besprechungsraum. Dort gaben sie der Rentnerin einen braunen verschlossenen Umschlag. „Denken Sie daran“, sagte der Polizist. „Ihnen kann nichts passieren. Und wenn der Abholer an dem Umschlag zieht, lassen Sie einfach los.“

          Maria Schneider stellte sich wie verabredet vor die Bankfiliale und wartete. Doch keiner kam. Sie wartete zehn Minuten, fünfzehn Minuten. Dann ging sie wieder in die Bank und gab den Umschlag zurück. Der Polizist sagte, offenbar hätten die Täter etwas gemerkt. „Die haben ein feines Sensorium dafür, wenn etwas nicht stimmt.“

          Junger Mann taucht plötzlich auf

          Maria Schneider fuhr nach Hause. Eine Zivilstreife hinterher, zur Sicherheit. Sie solle am besten die Haustür abschließen und könne sich jederzeit melden, wenn sie etwas Verdächtiges bemerke, sagte der Polizist. Dass Enkeltrickbetrüger ihre Opfer nach einer gescheiterten Geldübergabe noch einmal persönlich aufsuchten, komme eigentlich nicht vor. „Aber man weiß nie.“

          Als Maria Schneider an diesem Nachmittag den kleinen Hang zu ihrem Haus hochstieg, bemerkte sie plötzlich einen jungen Mann. Etwa dreißig Jahre alt, gepflegt, Jeans, Turnschuhe und schwarze, hochgegelte Haare. Zur Nachbarschaft gehörte er nicht. Dort, wo Maria Schneider wohnt, kennt man sich. Der Mann musterte die Frankfurterin, dann verschwand er. Als sie kurze Zeit später die Haustür erreichte, war er wieder da und beobachtete sie. Dann ging er wortlos weiter durch das beschauliche Wohngebiet bis in den kleinen Ortskern hinein. Diesmal folgte Maria Schneider ihm und rief in einer Bäckerei schnell die Polizei. Doch als die Streife eintraf, war der Verdächtige verschwunden. Ein bisschen mulmig sei ihr seitdem schon zumute, sagt die Rentnerin. Aber glücklicherweise lebe sie nicht allein in dem Haus.

          Maria Schneider wurde nun für ihren Einsatz vom städtischen Präventionsrat geehrt. Die Frankfurterin habe in außergewöhnlicher Weise Zivilcourage gezeigt, heißt es. Schneider sagt, sie würde immer wieder so handeln. „Wenn jemand anruft und alte Leute betrügen will, dann nicht mit mir.“

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