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Senioren-Hausgemeinschaft : Zusammen sind sie weniger allein

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Kaffeeklatsch: Friedhelm, Sabine, Katharina und Ingeborg treffen sich jeden Dienstag im Gemeinschaftsraum ihrer Hausgemeinschaft auf ein Tässchen. Bild: Fricke, Helmut

Viele ältere Menschen interessieren sich dafür, gemeinsam zu wohnen. In Niederursel gibt es eine Hausgemeinschaft für Senioren. Vier von ihnen erzählen, wie das Leben dort ist.

          Zwischen den Weingläsern steht auf einer braunen Kommode ein Sensenmann. Etwa 20Zentimeter hoch und 15Zentimeter breit ist die schwarz bemalte metallene Figur. Friedhelm Sentrup öffnet die Tür zu seinem Balkon und geht nach draußen. Inmitten der Blumentöpfe atmet er tief ein und langsam wieder aus. Die Hände legt er aufs Geländer. „Ich wollte nicht allein wohnen, sondern in einer Gemeinschaft“, sagt der 69 Jahre alte Mann und blickt auf die Wiese vor dem Haus.

          Sentrup lebt in einer Hausgemeinschaft in Niederursel, gemeinsam mit elf Frauen und zwei Männern. Die 14Mitglieder wohnen in 13Wohnungen, es gibt ein Ehepaar. Keiner hier ist jünger als 58, die Älteste ist 81Jahre alt. Alle wollen ihre echten Nachnamen nicht in der Zeitung lesen. Sie sagen, sie wollten sich nicht wichtig machen. Die Bewohner gehören zum Verein „Senioren-Selbsthilfe für gemeinschaftliches Wohnen“, kurz Sen-Se. Jeder hat einen individuellen Mietvertrag mit der Nassauischen Heimstätte, die das Wohnprojekt ins Leben rief. Die Heimstätte ist Eigentümerin des Hauses, das mit Geld des Landes und der Stadt gebaut wurde.

          Jeden Dienstag treffen sich die Senioren in ihrem Gemeinschaftsraum, im Erdgeschoss des Hauses, zum Kaffeeklatsch. Diesmal sind vier der vierzehn Bewohner zu dem Treffen gekommen. Ein weißes Tuch mit orangefarbenen Blumen liegt auf dem Tisch des Gemeinschaftsraums. Das Geschirr ist weiß und passt dazu. Sentrup zündet mit einem Streichholz das Teelicht in einer Glasschale an. Sabine Weiß holt noch schnell geschlagene Sahne und eine Schale mit Zucker aus der Küche. Ingeborg Keller hält eine Kaffeekanne in der Hand und setzt sich dazu. Es gibt Rhabarberkuchen, den Katharina Moser gebacken hat.

          „Wir sind eine Mixtur, eine ganz individuelle Gemeinschaft“, sagt Sabine Weiß und lächelt immerfort. Die 71Jahre alte Frau hat kurze graue Haare, ihre Stimme ist zart. Für sie gab es zwei Gründe, in eine solche Hausgemeinschaft ziehen. So kann sie Menschen treffen, wenn sie Lust dazu hat, aber in ihrer Wohnung trotzdem für sich sein. Seit 20 Jahren ist Weiß Buddhistin, sie hat lange in Indien gelebt.

          Der Verein Sen-Se mit seinen etwa 65Mitgliedern wurde 2001 gegründet, 2004 erwogen die Mitglieder erstmals den Bau eines solchen Hauses für Senioren. Nach sechs Jahren konnten die ersten von ihnen im April 2010 einziehen; sie bilden nun eine von nur drei Senioren-Hausgemeinschaften in der Stadt. Dabei gibt es Interesse für viel mehr solcher Häuser. Annähernd 24Prozent der Frankfurter, die älter sind als 50Jahre, wünschen sich eine Gemeinschaft, in der sie aber eine eigene Wohnung haben können. Das belegt eine vor zwei Jahren veröffentlichte Studie der Stadt. Senioren erhoffen sich demnach, in solchen gemeinschaftlichen Wohnformen ihre Unabhängigkeit zu erhalten, Kontakte zu haben und im Notfall Hilfe zu finden.

          „Ich war nicht unbedingt scharf drauf, noch mal zu heiraten“

          Für Liebschaften kennen sich die 14Mitglieder aus Niederursel mittlerweile zu gut, da sind sie sich einig. Doch bevor sie zusammengezogen sind, kannten sie sich kaum. Auch kommen sie alle ursprünglich aus verschiedenen Teilen Deutschlands. „Wenn wir uns vorher lange gekannt hätten, dann wären vielleicht einige abgesprungen“, meint Friedhelm Sentrup und lacht. „Es gibt sehr viele unterschiedliche Interessen“, sagt er. „Friedhelm ist der Politikinteressierte von uns“, sagt Weiß. Sentrup besucht gerne Museen und fragt dann die anderen im Haus, ob sie mitkommen wollen. Mit einer Mitbewohnerin geht er oft in Galerien. Wenn einer von beiden eine Einladung zu einer Vernissage hat, nimmt er den anderen einfach mit.

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