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Senckenberg-Institut : Ein Urmensch, der ein Affe war

Neue Erkenntnisse: Das Meganthropus-Kieferfragment gehörte einem Urmenschenaffen. Bild: Senckenberg

1941 haben Forscher auf Java menschenähnliche Überreste gefunden. Senckenberg-Wissenschaftler haben sich dieses Fossil genauer angeschaut – und Überraschendes festgestellt.

          Als Urmensch kann Meganthropus palaeojavanicus jetzt nicht mehr durchgehen: Alles spricht dafür, dass dieses Wesen, dessen Überreste 1941 auf Java gefunden wurden, ein bisher unbekannter Menschenaffe war. Dies konnten Wissenschaftler des Frankfurter Senckenberg-Instituts gemeinsam mit internationalen Kollegen nachweisen. Möglich wurde dies durch die Kombination von neuesten Forschungsmethoden. Die Ergebnisse sind jetzt in der Fachzeitschrift „Nature Ecology & Evolution“ veröffentlicht worden.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das nötige Beweismaterial fanden die Paläoanthropologen Clément Zanolli von der Universität Bordeaux und der Frankfurter Ottmar Kullmer im Senckenberg-Institut selbst – in der Sammlung von Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald (1902 bis 1982), dem Begründer der Paläoanthropologie bei Senckenberg. Untersucht haben sie vor allem ein Kieferteil mit drei Zähnen. Der Fund namens „Sangiran 6“ ist das Belegexemplar des von Koenigswald so genannten Meganthropus palaeojavanicus, das seit 1968 bei Senckenberg aufbewahrt wird.

          „Die Kollegen, die daran mitgewirkt haben, hatten alle ein Interesse daran, aufzuklären, was das eigentlich ist“, sagt Kullmer, Senckenberg-Sektionsleiter und führender Fachmann für die Untersuchung fossiler Zähne. In den fünfziger Jahren hatte Koenigswald das Knochenstück für ein Überbleibsel des Homo erectus gehalten – eines Vormenschen, der aufrecht ging, aber vermutlich kein direkter Vorfahr des heutigen Menschen war. Seitdem gab es viele verschiedene Interpretationen der Funde. Manche Kollegen stimmten Koenigswald zu, andere hielten Meganthropus für eine Form des Australopithecus oder für einen Vorfahren des heutigen Orang-Utans, dessen Ahnen ebenfalls vor rund einer Million Jahren auf Java lebten.

          Neue wissenschaftliche Technologien

          Zweifel haben alle Interpretationen bisher hinterlassen – und nun müssen viele Definitionen und Interneteinträge umformuliert werden. Zu 90 Prozent „und mehr“, so Kullmer, sei gewiss, dass Meganthropus ein Menschenaffe gewesen sei, der zur selben Zeit wie der Homo erectus und die Vorfahren des Orang-Utans gelebt habe. „Wir wollen verstehen, wie sich Biodiversität verändert hat. Das ist heute unser Thema“, sagt der Privatdozent. „Wenn es mehrere Menschenaffen gibt, wie können die in einem Habitat leben – bedingt das Verschwinden des einen den anderen? Es ist nur ein kleiner Baustein, um das faunistische System in Zusammenhang mit ökologischen Veränderungen zu verstehen.“

          Aus den wenigen Zahn- und Knochenrelikten konnten nun viele Erkenntnisse gewonnen werden. Grund dafür ist eine Bündelung neuer wissenschaftlicher Techniken. In Frankfurt wird mit einer speziellen Computertomographie und neuen Programmen zur Verarbeitung von Daten etwa der Zahnabnutzung gearbeitet. Aber auch die Forscher aus den anderen beteiligten Instituten verwendeten modernste Methoden, sagt Kullmer. Nur so sei es möglich, Feinstrukturen so detailliert zu untersuchen.

          Details sichtbar machen

          Kullmer zieht aus den Oberflächen, der Abnutzung und den Tiefenstrukturen fossiler Zähne Schlüsse auf Art, Alter, Ernährung und Lebensumstände der frühen Säugetiere inklusive des Menschen. Er hat die Dicke und Verteilung des Zahnschmelzes untersucht, die sich bei Urmenschen und verschiedenen Urmenschenaffen unterscheidet. Die Höcker unter dem von Abnutzung verformten Schmelz geben Aufschluss darüber, zu welcher Art ein Zahn gehört. „Mikro-Computertomographie ist relativ weit verbreitet.

          Aber damit kann man bei diesen Fossilien nicht genug Kontraste bekommen, um Details sichtbar zu machen“, erläutert Kullmer. Deshalb habe man das sogenannte Neutronenscanning eingesetzt. „Das ist ein Riesenaufwand, dazu braucht man einen Reaktor, also waren wir in München-Garching, wo man per Neutronenstrahl bildgebende Verfahren entwickelt hat.“ Dieses Verfahren durchdringe auch dichtes Material; ein voriger Versuch im Studienreaktor in Genf mit Synchrotron-Scanning habe nicht funktioniert.

          Nur für wenige Untersuchungen musste das Belegstück „Sangiran 6“ reisen – vor allem wurde mit den gebündelten digitalen Daten gearbeitet. Dass sich diese Kombination von Methoden und Daten auszahlt, ist eine der Erkenntnisse der Arbeit mit Meganthropus. Das Konsortium, das drei Jahre lang gearbeitet hat, musste schließlich die Befunde interpretieren: „Wir sind am Ende doch eine historische Wissenschaft“, meint Kullmer.

          Der Meganthropus soll seinen Namen behalten, aber als Menschenaffen-Vorfahr deklariert werden. Kullmer erwartet weitere „Aha-Erlebnisse“ dieser Art, denn an der eigenen Sammlung zu forschen sei ein Auftrag bei Senckenberg. Derzeit werden schon weitere Stücke mit gebündelten Methoden untersucht. „Es kann durchaus sein, dass wir noch mehr solche Überraschungen erleben werden“, sagt Kullmer. Das sei „fast so schön, wie ein neues Fossil zu entdecken“.

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