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Semesterbeiträge auf Rekordhöhe : Der Eintritt in den Hörsaal kostet jetzt 344 Euro

Teures Pflaster: Bei der Rückmeldung kassiert die Uni Frankfurt pro Nase gut 344 Euro - mehr als jeder andere Hochschule in Deutschland Bild: Michael Kretzer

An der Goethe-Universität Frankfurt erreicht der Semesterbeitrag Rekordhöhe - die Verantwortlichen halten das für unvermeidlich. Der AStA rügt die Unterfinanzierung durch das Land Hessen.

          Giorgio Nasseh ist eigentlich nicht der Typ für Verschwörungstheorien. Aber die stattliche Höhe des Semesterbeitrags an der Uni Frankfurt regt doch die politische Phantasie des AStA-Vorsitzenden an. Dass die Abgabe immer weiter steige, hänge mit der Unterfinanzierung von Einrichtungen wie dem Studentenwerk zusammen, die ebenso wie die Hochschulen vom Land zu wenig Geld bekämen. Den „Neoliberalen“ könnte das gerade recht sein, fürchtet der Jungsozialist. Denn so werde es leichter dafür zu werben, die in Hessen abgeschafften Studiengebühren wieder einzuführen.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das ist um viele Ecken herum gedacht. Direkt haben die Semesterbeiträge erst einmal gar nichts mit Studienbeiträgen zu tun - schließlich dienen sie nicht dazu, die Qualität der Lehre zu steigern. Tatsache ist aber, dass sie sich in Frankfurt mittlerweile auf eine Summe belaufen, die nicht mehr allzu weit von jenen 500 Euro entfernt ist, die hessische Studenten bis 2008 als Studiengebühr zahlen mussten. Bei der Rückmeldung zum Sommersemester kassiert die Goethe-Uni stolze 344,48 Euro - das ist nicht nur Hessenrekord, sondern sucht in ganz Deutschland seinesgleichen.

          111 Euro in München, 230 Euro in Köln

          In anderen Metropolen ist der Hörsaal-Eintritt deutlich billiger zu haben: 111 Euro verlangen etwa die Münchner Universitäten, rund 230 Euro sind in Köln zu zahlen, 285 Euro beträgt der Tarif der Uni Hamburg, und selbst die Humboldt-Universität in der Hauptstadt Berlin liegt mit 290,53 Euro noch ein ganzes Stück unter dem Frankfurter Satz.

          AStA-Sprecher Nasseh findet das ziemlich beunruhigend. „Ich habe die Sorge, dass wir in einem Jahr schon bei 400 Euro sind.“ Dabei sei Studieren in Frankfurt vor allem wegen der hohen Wohnkosten schon jetzt deutlich teurer als anderswo in Deutschland. Innerhalb von sechs Jahren seien die Beiträge an der Goethe-Uni um knapp 40 Prozent gestiegen. „Mit der ständigen Erhöhung muss jetzt Schluss sein.“

          Schuld an der Entwicklung sind nach Nassehs Worten vor allem der Betrag, der für das Semesterticket zu zahlen ist, und die Abgabe für das Studentenwerk. Die freie Fahrt mit Bussen und Bahnen kostet 195,61 Euro, der Studentenwerk-Obolus beläuft sich auf 80 Euro. Nasseh gibt zu, dass das Unterwegssein im Rhein-Main-Gebiet und weit darüber hinaus nur mit dem Studentenausweis als Fahrschein seinen Preis haben müsse. Zudem sei der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) selbst unterfinanziert. Allerdings hätten frühere ASten mit dem RMV zum Teil „schlechte Konditionen ausgehandelt“, glaubt Nasseh. Problematisch sei zum Beispiel, dass das Semesterticket nun an das Azubi-Ticket gekoppelt sei, dessen Preis der Verkehrsverbund ebenfalls erhöht habe.

          Kostenträchtige neue Aufgaben

          Das Studentenwerk wiederum brauche mehr Geld, um beispielsweise den Bau dringend benötigter Wohnheime zu bezahlen. Dafür hat Nasseh auch Verständnis, wie er sagt. Trotzdem haben Studentenvertreter im Verwaltungsrat gegen die Erhöhung der Abgabe gestimmt. Die Sprecherin des Studentenwerks Frankfurt bestätigt das und rechtfertigt zugleich die Anhebung des Beitrags. Die gewachsenen und zum Teil neuen Aufgaben ihrer Einrichtung - vom Wohnheimbau bis zur psychosozialen Beratung - hätten „viel Geld verschluckt und werden das auch weiterhin tun“. Leider sei der Landeszuschuss, der bei drei Millionen Euro im Jahr liege, praktisch konstant geblieben: „Effektiv bekommt das Studentenwerk dasselbe wie 2008 - obwohl wir uns um 14.000 Studenten zusätzlich kümmern müssen.“ Bisher hätten die Beiträge, die das Studentenwerk Frankfurt von den Hochschülern erhebe, „am unteren Ende“ des in Hessen Üblichen gelegen. „Da ziehen wir nun ein bisschen nach.“

          Verglichen mit dem laufenden Wintersemester, steige die Abgabe nun um zehn Euro, so die Sprecherin weiter. Dass dies für längere Zeit die letzte Erhöhung gewesen sei, könne sie nicht versprechen. Wenn der Verwaltungsrat zu der Ansicht komme, dass eine weitere Steigerung unzumutbar sei, und das Land seine Zuwendungen nicht aufstocke, müsse das Studentenwerk wohl oder übel sein Angebot einschränken.

          Auch für den RMV war es aus eigener Sicht unvermeidlich, den auf ihn entfallenden Anteil des Semesterbeitrags zu erhöhen. „Frankfurt hat das dichteste Nahverkehrsnetz und die höchsten Kosten“, erklärt eine Sprecherin. Angesichts dessen sei die Steigerung der Abgabe um 2,5 Prozent zum Sommersemester moderat; der Aufschlag sei auch nicht höher ausgefallen als in den vergangenen Jahren. Sinnvoll war es nach Ansicht der Sprecherin, die Preissteigerung des Semestertickets an die der Azubi-Karte zu binden: So müsse man mit den Studentenvertretern nicht immer wieder aufs Neue verhandeln. Der jetzige Vertrag sei unbefristet, selbstverständlich kündbar, aber „wir wollen das nicht“.

          Anstieg der Rückmeldegebühr

          Ein Ausstieg aus dem Semesterticket ist auch für AStA-Sprecher Nasseh keine ernsthafte Option. Er hofft, durch politischen Druck eine bessere Finanzierung etwa der Studentenwerke zu erreichen und so wenigstens einen weiteren Anstieg der Beiträge zu verhindern. Das Frankfurter Uni-Präsidium möchte sich zu dem Thema derzeit nicht äußern, es ist aber auch nicht mitverantwortlich für den jüngsten Anstieg der Rückmeldegebühr: Der Verwaltungskostenbeitrag, der darin enthalten ist, liegt seit Jahren bei 50 Euro.

          Kaum eine Rolle spielt auch, dass das Geltungsgebiet des Semestertickets im vergangenen Jahr beachtlich ausgeweitet wurde. Mit der „Goethe-Card“ als Fahrschein können Frankfurter Studenten nun Ziele in Nordhessen und sogar Nordrhein-Westfalen erreichen - für einen Zuschlag von 5,67 Euro auf die Rückmeldegebühr. „Das lohnt sich“, meint Nasseh, „zum Beispiel für eine Fahrt zum Karneval in Köln.“

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