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Naumburger Meister : Selfie aus dem Mittelalter im Mainzer Dom

Vermutlich ein Selbstbild: der anonyme Naumburger Meister Bild: Marcus Kaufhold

Der Naumburger Meister, genialer Bildhauer des 13. Jahrhunderts, ist lange ein Unbekannter geblieben. Aber er hat eine Spur in Mainz hinterlassen. Sie wurde erst jetzt entdeckt.

          2 Min.

          Der Hübscheste ist er ganz sicher nicht: jener eher derb wirkende Kerl mit fast schon unansehnlichen Gesichtszügen, dem sie bei seiner Rettung aus einem steinernen Verlies noch dazu die Nase abgeschlagen haben und der es offensichtlich auch so schon schwer genug hatte. Schließlich musste die Trägerfigur, die im 13. Jahrhundert von unbekannten Baumeistern im Mainzer Dom unter dem Triumphbogen des Ostchores eingefügt worden war, enorme Gewichte stemmen.

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          Markus Schug
          Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Weshalb der ungewöhnlich gut erhaltene Atlant, der mittlerweile im neu gestalteten Untergeschoss des Dom- und Diözesanmuseums zu sehen ist, irgendwann später mit eingemauert wurde, als man die tragenden Säulen der Bischofskirche wegen etlicher Gebäuderisse massiv verstärken musste. Auf diese Art geschützt, hat die fast lebensgroße Skulptur aus Mainsandstein, die auf den ersten Blick an Quasimodo erinnert, die folgenden Jahrhunderte ziemlich gut überstanden.

          Außergewöhnliche Trägerfigur

          Tatsächlich könnte es sich dabei um ein Selbstbildnis des bis heute anonym gebliebenen Naumburger Meisters, eines im 13. Jahrhundert weithin bekannten und geschätzten Architekten und Bildhauers handeln, wie Diana Ecker sagt. Sie hat sich für ihre fast vollendete Dissertation am Institut für Europäische Kunstgeschichte der Universität Heidelberg intensiv mit den umfangreichen Umbauten des Mainzer Doms zu Zeiten des von 1230 bis 1249 amtierenden Erzbischofs Siegfried III. von Eppstein beschäftigt. Der Auftraggeber habe den von Kunsthistorikern später als Naumburger Meister geführten Steinmetz an den Rhein geholt, der laut Ecker vermutlich an den gotischen Kathedralbaustellen Nordfrankreichs und vor allem in Reims ausgebildet worden war; Mitte des 13. Jahrhunderts dürfte der gefragte Bildhauer nach Naumburg gezogen sein, um eine Reihe beeindruckend lebensecht gestalteter Stifterfiguren zu schaffen – und seinen Ruhm zu mehren.

          In der Mainzer Bischofskirche, wo es damals vor allem darum ging, den Ost- und Westchor aufwendig umzugestalten, habe sich der zweifelsohne selbstbewusste Handwerker auch selbst als außergewöhnliche Trägerfigur verewigen dürfen, lautet eine zentrale These der Doktorarbeit. Zum Beleg dafür, dass es sich bei der neu bewerteten Darstellung mit großer Wahrscheinlichkeit um ein Selbstbildnis des unbekannten Meisters, also eine Art „Selfie aus dem Mittelalter“, handele, kann die Autorin etliche Indizien anführen. Am Donnerstag hat sie im Dommuseum erstmals einige ihrer Forschungsergebnisse öffentlich gemacht.

          „Der Meister und sein Werk“

          Dafür spreche schon der Standort, den sich der Baumeister gegönnt habe: Die auf einer Säule stehende Figur, was zumindest im Kircheninnern eigentlich nur Bischöfen und Heiligen vorbehalten war, sei an zentraler Stelle des Ostlettners mit Blick auf den Kreuzaltar platziert worden. Und das Zusammenspiel mit einem für die damalige Zeit außergewöhnlichen, weil fein gemeißelten Laubkapitell, das fast schon naturnahes Blattwerk zeige, könne im Sinne von „der Meister und sein Werk“ interpretiert werden. Bei allem berechtigten Selbstbewusstsein des Baumeisters sei es in einem solchen Ausnahmefall zweifellos wichtig gewesen, zugleich auch Demut zu zeigen, erklärte Museumsdirektor Winfried Wilhelmy bei der Präsentation der Skulptur.

          So zeige die Figur auf den ersten Blick einen von schwerer Arbeit gebeugten Menschen, der bei genauerem Hinsehen aber durchaus in der Lage zu sein scheine, harten Stein zu formen und sogar dem Druck von oben etwas entgegenzusetzen.

          Dass der Atlant im Gegensatz zu fast allen anderen Domfiguren nie Farbe gesehen habe, ist laut Wilhemy und Ecker, die als Konservatorin im Bistum arbeitet, gleichfalls als Demutsgeste zu werten. Dabei sei es dem Bildhauer gelungen, durch entsprechende Bearbeitungstechniken die einzelnen Kleidungsstücke, also zum Beispiel den stoffreichen Wollmantel und die weichen Lederschuhe, fast schon täuschend echt nachzubilden. „So sahen nicht die einfachen Arbeiter auf einer Baustelle aus“, ist sich Ecker sicher, „sondern nur der Chef!“

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