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Selena Gomez : Auszug aus dem Mädchenzimmer

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Ihre Haare sind voluminöser als ihre Stimme: Aber Selena Gomez schlägt sich auch in Frankfurt wacker. Bild: Cunitz, Sebastian

Nur an dem, was sie sagt, kann sie noch arbeiten: In der Frankfurter Jahrhunderthalle wirkt Selena Gomez kaum noch süßlich.

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          Über dem Studieren alter Sternenkarten ist Selena Gomez eingeschlafen. Direkt an ihrem kleinen, ornamentverzierten Schreibtisch aus edlem Holz in einem gediegenen Zimmerchen. Es ist anstrengend, die Sterne zum Tanzen zu bringen. Doch sie hat es versprochen, mit ihrem Lied „Stars Dance“, dem Titelstück des aktuellen Albums, das auch der Konzerttour den Namen gibt, auf der der amerikanische Teeniestar in der ausverkauften Frankfurter Jahrhunderthalle gastiert.

          Tausend Kinderkehlen schreien ihren Namen. In dem Filmchen, das als Ouvertüre auf der Leinwand über der Bühne läuft, wacht Selena auf, gekämmt und geschminkt, sauber und weichgezeichnet, mit gebauschten, langen schwarzen Haaren, dunklen Augen und mit Babyschnute. Vor elf Jahren wurde das texanische Girlie für das amerikanische Disney-TV-Imperium entdeckt, wie vor ihr Britney Spears, Miley Cyrus und viele andere. Nun steht sie in einer disneytypischen Traumszenerie zwischen ein paar weißen Türen und wird im Laufe der knapp neunzig Minuten langen Show durch jede von ihnen in ein anders stilisiertes Szenario gelangen. Am Anfang ist es ein Backstagebereich, eine Treppe zur Bühne.

          Die Inszenierung dieses Moments ist zweideutig

          Die wirkliche Bühne sieht tatsächlich nach Konzert aus, nicht nach Personenkult wie bei Selenas Ex, Justin Bieber. Dezent geschmückt, mit solider Lightshow, ohne Treppen und Vorhang, kaum Gimmicks und Effekte. Musik ab. „Bang Bang Bang“, ein zwei Jahre alter amtlicher Discopop, wird von der vierköpfigen Liveband mit Rumms intoniert. Gomez ist sofort in Aktion, sie singt mal mädchenhaft, mal mit R&B-mäßigem Gurren. Ihre Stimme ist weniger voluminös als ihre Haare, wird aber von den zwei Backgroundsängerinnen jederzeit gestützt. Und sie tanzt, wie junge Popstars heutzutage nun einmal tanzen, irgendwo zwischen armeschwenkendem Gehüpfe und mild laszivem Kreisen des Beckens. Die Disneysüßlichkeit tritt zunächst in den Hintergrund. Gomez’ Plan, ihre Karriere als Popstar nach und nach von ihr zu lösen, geht in erstaunlich druckvoller Phonstärke auf. Die dichtgewebte Dancepop-Funktionalität mündet im überdurchschnittlich rauh interpretierten „B.E.A.T.“ von der aktuellen Platte. Ein moderner Bass drückt sich unter das Zwerchfell, sogar Gomez’ Rap-Passage fließt im Groove. Die Show schnurrt, die Kids, vornehmlich Mädchen, sind aus dem Häuschen und saugen jedes Wort auf, wenn Gomez anschließend in einer ruhigeren halben Stunde ihre Balladen anmoderiert. Da schwingt die Disneysozialisation noch einmal das Szepter, mit lauter Variationsplatitüden über die Themen „Meine Gefühle“ und „Ihr seid jeder einzelne großartig“. Im Filmeinspieler ist Gomez’ hinter einer weiteren Tür derweil in einem pastellfarbenen Gärtchen gelandet, in dem sie ein Geschenkkästchen mit einem strassbesetzten Mikrofon findet, das ihren Namen trägt.

          Die Inszenierung dieses Moments ist zweideutig. Zumindest für alle Erwachsenen im Haus sieht es aus, als hätte die junge Frau gerade ihren ersten Vibrator entdeckt. Aber irgendwo müssen sich Gomez’ mehrfach bekundetes Erwachsenwerden und der Stand ihrer Kinokarriere ja spiegeln. Immerhin ist sie dieses Jahr schon in Harmony Korines raffiniert-lüsternem Teenievexierspiel „Spring Breakers“ zu sehen gewesen. Zwar bewahrt ihre Figur sich dort letztlich ihre Bibelgruppenunschuld. Doch auch beim Konzert zeigt sich hinter der letzten weißen Filmtür eine rotlichterne Halbwelt und es folgt nicht zufällig der hitzige Song „Whiplash“. Sie sei ja im Juli 21 Jahre alt geworden, hat Gomez zuvor schon zum Hit „Birthday“ erzählt. Da, wo sie herkomme, sei das ein große Sache. Ihr minderjähriges Publikum reagiert nicht weiter darauf. Es strahlt und jubelt zufrieden, als am Ende des Abends zum aktuellen Hit „Slow Down“ eine bunte Konfettiwolke den Saal erfüllt. Seine inzwischen volljährige Heldin spielt zwar noch das tanzende Sternchen, hat aber längst begonnen, am Zementkleber zu kratzen, mit dem das Teenie-Etikett an ihr haftet.

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