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Selbstmord am Edersee : Die letzte Verabredung

  • -Aktualisiert am

Der Edersee - in Vöhl wurden drei Frauenleichen gefunden Bild: Maria Irl

Drei Frauenleichen sind in einem Ferienhaus am Edersee entdeckt worden. Die Polizei geht davon aus, dass die Frauen sich in sozialen Netzen kennengelernt, verabredet und zusammen das Leben genommen haben.

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          Still und starr ruht der See. Die Paddelboote sind ordentlich am Ufer auf Ständer gelegt, die Tretboote an Land sicher auf der Seite gelagert. Das  Restaurant, wo es in den Feriensommern den Fischteller für 14,50 Euro gibt und den Grillteller für 15,50 Euro ist ebenso leer wie der kleine Supermarkt. In Hessens beliebtester Ferienregion mit ihren mehr als drei Millionen Übernachtungen im Jahr herrscht „Saisonbetrieb“, wie es an einer Fensterscheibe heißt. Im Sommer geht es hier wohl anders zu, aber vermutlich stets geordnet.

          Die „Ferienanlage Teichmann“ in Vöhl am Westzipfel des Edersees vis-à-vis des Nationalparkzentrums vermittelt auch im Winterschlaf einen perfekten Eindruck. Eine Schrankenanlage mit Kartenleser regelt die Zu- und Abfahrt, und die Erika trägt auch im Hochwinter noch rötlich-lila-farbene und weiße Blüten. Doch die Idylle ist gestört. Hier sollen sich in einem Holzhaus drei Frauen das Leben genommen haben. Die Polizei in Korbach vermutet einen gemeinschaftlichen Suizid.

          Die Frauen sollen sich in einem sozialen Forum dazu verabredet haben. Doch keiner weiß etwas, niemand möchte etwas sagen im Nationalparkzentrum gegenüber, wo eine Frau die Scheiben des Licht durchfluteten Gastraums putzt. Der zuständige Polizeibeamte in der Kreisstadt Korbach verweist auf die Todesumstände, die ihn zu besonderer Verschwiegenheit verpflichten.

          Aus dem Verwaltungstrakt der Ferienanlage selbst kommt ein Mann in Berufskleidung. Ferienanlage Teichmann steht darauf. Ob er der Verwalter sei? Nein, nein, er sei Gast, beugt er möglichen Fragen vor. Er wisse nichts. Außer, dass die Frauen nicht abgefahren seien, als sie hätten abfahren sollen. Dann habe man nachgeschaut.

          Das Haus sei von der Polizei komplett weggeräumt worden. Das wiederholt der Mann auch auf Nachfrage. Aber das Auto von einer der Frauen stehe noch da. Es ist ein Volkswagen, blau, gepflegt und aufgeräumt. Am Rückspiegel baumelt ein Engel aus Stoff. Ein wenig adipös wirkt das männliche Exemplar. In seinen Armen trägt er ein rotes Herz. Am Heck des Autos klebt die Zeichnung eines Engels. „Angels welcome“ steht darunter. Am Fahrzeug wirbt eine Frau unter ihrem Namen mit Mobilfunknummer und stellt sich als „Human Design-System Analytikerin“ vor. Was immer der Urlauber in Berufskleidung wirklich beobachtet haben mag.

          Hinter dem Parkplatz mit dem Auto steht noch ein Haus. Auf einer Hecke davor liegt eine Papppackung, in der ausweislich der Aufschrift „Absperrsignalwarnband“ verpackt war. Auf der Terrasse vor dem Haus steht ein Rundgrill, auf der Bank daneben stehen ein Sack Holzkohle und Grillanzünder, auf dem Tisch ein Aschenbecher mit den resten von mehr als einem Dutzend Filterzigaretten, ein Feuerzeug mit Guitarrenabbildung. Auf dem Boden liegt ein Kaffeebecher aus braunem Kunststoff auf zwei blauen, abgestreiftren Latexhandschuhen. Ein paar Meter weiter an der Tür zu dem etwa 25 Quadratmeter großen Holzhaus steht ein weiterer Grill, ein Eimer, aufrecht im Gras, ein anderer umgestülpt daneben. Die Reste der Holzkohlebriketts sind erkaltet. Am Fensterbrett neben der Tür liegt eine geöffnete, noch halb gefüllte Schachtel John Player Special-Zigaretten neben einem gelbfarbenen Feuerzeug. „Rauchen kann tödlcih sein“, steht auf der Packung. Die Haustüre ist versiegelt: „Siegelmarke. Hessische Polizei. 29.01.14“ steht dort neben der Unterschrift eines Beamten.

          Der 29. Januar war der Dienstag dieser Woche. In den späten Nachmittagstunden dieses Tages sind laut Polizeibericht die Leichen dreier Frauen „in einem Ferienhaus“ gefunden worden. Anzeichen auf Fremdverschulden oder einen technischen Defekt hatten sich für die Polizei auch bis zum Tag nach dem Fund nicht ergeben.

          Nach Angaben der Korbacher Kriminalpolizei, die die Ermittlungen zur Todesursache übernommen hat, hatte eine 49 Jahre alte Frau aus Frankfurt an der Oder das Haus am 27. Januar für zwei Tage für drei Personen gemietet. Der Campingplatzbetreiber hatte die Mieter dann zwei Tage lang nicht gesehen und schaute am 29. Januar 17.20 Uhr in dem Ferienhaus nach. An der Badezimmertür fand er einen Warnhinweis auf Kohlenmonoxid und verständigte daraufhin die Rettungskräfte. Unter Atemschutz ging die Freiwillige Feuerwehr aus Herzhausen und Schmittlotheim vor. In dem Badezimmer des Hauses wurden dann die drei Leichen gefunden. Neben der Mieterein aus Frankfurt fanden die Helfer auch die Leichen einer 44 Jahre alten Frau aus Schauenburg im Landkreis Kassel und einer 23 Jahre alten Frau aus Potsdam. Wie die Polizei mitteilte, laufen die Ermittlungen zur Todesursache. Die Beamten vermuten eine Kohlenmonoxidvergiftung als Todesursache. „Entsprechende Abschiedsbriefe wurden vorgefunden“, heißt es in einer Polizeimeldung. Die drei Frauen sollen sich - nach dem gegenwärtigen Ermittlungsstand - in sozialen Netzwerken kennengelernt und gezielt auf dem Campingplatz getroffen haben. Ob sie sich schon vorher kannten ist noch nicht bekannt. „Die Hintergründe des gemeinschaftlichen Suizides stehen noch nicht fest, könnten aber in psychischen Erkrankungen zu suchen sein“, teilte die Polizei mit.

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