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Selbsthilfe für Internet-Süchtige : Mit Windeln vor dem Computer

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Betreut Internet-Süchtige: Suchttherapeut Benjamin Wockenfuß aus Frankfurt Bild: dpa

So mancher Internet-Süchtige will vom Computer loskommen. Der Weg zu einer Selbsthilfegruppe oder Beratung ist vielen Online-Junkies aber zu weit. Ein Angebot per Mausklick scheint ideal.

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          Jens ist schon wieder von einer Freundin verlassen worden, weil er dauernd am Computer sitzt. Alexander fürchtet, dass er seinen Ausbildungsplatz verliert, und hat ständig Ärger mit seinen Eltern. Die beiden jungen Männer gehören zur wohl ersten virtuellen Selbsthilfegruppe Internetsüchtiger in Deutschland, die ein Profi anleitet. Sie verabreden sich einmal in der Woche am Internetvideotelefon und skypen, tauschen sich in der Gruppe aus und stellen Fragen. „Sie versuchen, Lösungsstrategien zu entwickeln, wie sie vom PC weg kommen, oder suchen Unterstützung und Entlastung bei den Anforderungen und Problemen des Lebens“, sagt Benjamin Wockenfuß.

          Der Suchttherapeut hat die Selbsthilfegruppe mit Unterstützung der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen (HLS) aufgebaut. „Fünf bis acht Betroffene schaffen es, an der gesamten Gruppensitzung teilzunehmen. Zeitweise haben sich in den offenen Gruppen aber auch bis 25 Personen gleichzeitig reingeklickt“, sagt Wockenfuß. Webc@re heißt das vor rund einem halben Jahr ins Leben gerufene Projekt, das die Techniker Krankenkasse drei Jahre lang finanziert. Betroffene und Angehörige können sich über die Internetadresse www.hls-webcare.org auch informieren, Fragen stellen und testen, wie problematisch ihre Internetaffinität ist.

          Genaue Kriterien für Sucht fehlen

          Rund 560.000 Menschen in Deutschland gelten als internetabhängig. Experten gehen aber von einer hohen Dunkelziffer aus - vor gut zehn Jahren war schon von bis zu einer Million Online-Junkies die Rede gewesen. „Es ist sehr schwer, an diese Leute heran zu kommen“, sagt HLS-Geschäftsführer Wolfgang Schmidt-Rosengarten. Woran lässt sich die Sucht erkennen? „Internetsucht ist noch nicht als Krankheit anerkannt“, sagt Wockenfuß. Genaue Kriterien fehlen. Wer aber außerhalb von Schule, Studium und Beruf rund 30 Stunden in der Woche vor dem Computer, Tablet und Smartphone sitzt, gelte Fachleuten als abhängig.

          Die Betroffenen essen und schlafen nur noch unregelmäßig. Manche tragen sogar Windeln, um das Computerspiel nicht unterbrechen zu müssen. Sie verlieren Freunde und ihren Job, vernachlässigen Hobbys. Dazu kommt Suchtdruck: Nervosität, Schwitzen und schnelle Befriedigung, wenn das Spiel hochgefahren wird. Wenn Eltern, Partner oder Freunde das Problem anzusprechen, reagieren sie eher aggressiv.

          Die meisten Süchtigen sind männlich

          Über Chat, Mail, Skype oder Facebook tauschen sich Online-Abhängige bei Webc@re aus und stellen Fragen. In den ersten zweieinhalb Monaten seit dem Start des Projekts habe es mehr als 60 Kontakte gegeben, die über das Herunterladen von Informationen hinaus gingen, inzwischen nähmen die Einzelgespräche zu, sagt Wockenfuß. Je die Hälfte der Interessenten waren Betroffene und Angehörige.

          Betroffen seien vor allem Leute zwischen 12 und 20 Jahren sowie Männer und Frauen von 35 bis 50 Jahren - 70 Prozent sind Männer. Darunter sind Studenten, Arbeitslose, Mütter in Elternzeit sowie Eltern, die über ihre Kinder zum Computerspiel kamen und es anders als diese nicht mehr lassen können. „Das Bildungsniveau ist insgesamt eher höher.“

          Behutsam aus der Isolation holen

          In der Beratung werde zunächst gechattet, dann komme die Stimme über Internettelefon dazu und später werde vielleicht auch mal die Webcam eingeschaltet. „Die Leute behutsam aus ihrer sozialen Isolation abholen“, beschreibt das Wockenfuß. Ein Treffen in der Wirklichkeit sei für viele ein großer Schritt.

          Den Ausgangspunkt von webc@re beschreibt die Leiterin der TK Hessen, Barbara Voß, so: „Bislang fehlen Selbsthilfeangebote für onlinesüchtige Menschen oder sie passen nicht zu deren Bedürfnissen, denn die Betroffenen müssen sich bislang immer auf den Weg machen, um ein Hilfsangebot aufzusuchen.“ Dies schafften die meisten aber nicht; sie brauchten ein Angebot, „das höchstens einen Klick entfernt ist“.

          Für Internetabhängige habe es 2012 in ganz Deutschland nicht einmal zehn Selbsthilfegruppen mit regelmäßigen Treffen gegeben, sagt Wockenfuß. „Es gab tolle Angebote, aber es kam keiner.“ Das war der Ausgangspunkt für den Suchttherapeuten, in seiner Masterarbeit ein Konzept für die virtuelle Selbsthilfegruppe zu erarbeiten. Rund um die Uhr ist er aber nicht erreichbar. „Man soll uns nicht mit einem Spiel verwechseln und mal rechts ran fahren im virtuellen Raum.“

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