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Ausgezeichnete Arbeit: Katharina Iskandar berichtet über Fälle von Rechtsextremismus und Terrorismus im Rhein-Main-Gebiet.

Rechtsextreme Chatgruppe : Die symbolische Bedeutung des SEK

Gilt als die Königsdisziplin: das Spezialeinsatzkommando der Polizei Bild: dpa

Ob einfache Polizisten oder SEK-Beamte verdächtig werden, macht strafrechtlich keinen Unterschied. Aber das Bild der besonders integren Einheit hat einen Riss bekommen. Was bleibt, ist die Frage nach dem Ursprung.

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          Die Vorwürfe gegen die SEK-Beamten sind ein Schlag. Gegen die Spezialeinheit selbst. Aber auch gegen die gesamte hessische Polizei. Niemand hätte sich ausmalen können, dass es nach den Ermittlungen um die Chatgruppe im 1. Frankfurter Polizeirevier im Zusammenhang mit den Drohbriefen des NSU 2.0 noch schlimmer kommen kann. Tatsächlich glaubten viele Polizeibeamte, welche die vergangenen zwei Jahre ihren Dienst wie unter einer Glasglocke versehen haben, die hessische Polizei habe das Schlimmste hinter sich. Die Vorzeichen standen gut, nachdem die Drohbriefserie offenbar vor der Aufklärung stand. Nun, so war am Mittwoch unter Beamten zu hören, fühle es sich an, als sei wieder alles auf null gestellt.

          Dass es dieses Mal Beamte des Spezialeinsatzkommandos trifft, macht strafrechtlich keinen Unterschied aus, symbolisch aber schon. Denn die Spezialeinheit gilt als Königsdisziplin. Den Beamten wird in ihren Einsätzen, die von Geiselnahmen bis zu Terrorismus reichen, nicht nur körperlich viel abverlangt. Sie sollen selbstverständlich auch besonders integer sein. Dieses Bild ist ins Wanken geraten. Dass mit einem Schlag 20 Beamte aus der Einheit von heute auf morgen aus dem Dienst entfernt worden sind, reißt eine riesige Lücke in die mühsam aufgebaute Anti-Terror-Sicherheitsstruktur. Sie zu füllen wird schwer, obwohl Polizeipräsident Gerhard Bereswill durchaus die richtigen Schritte in die Wege geleitet hat.

          Aus dem Sumpf befreien

          Was bleibt, ist die Frage nach dem Ursprung. Das Präsidium wird nicht umhinkommen, weitere Anstrengungen in die Analyse zu setzen, warum eine so große Gruppe sich offenbar keines Unrechts bewusst ist, indem sie volksverhetzende Bilder teilt – und die Vorgesetzten noch mitmachen, obwohl sie derartiges Verhalten ahnden müssten.

          Der falsche Reflex wäre nun, die gesamte Polizei abermals unter Generalverdacht zu stellen. Ebenso wie damals, als der Fall des 1. Reviers aufkam, gibt es auch jetzt viele Polizisten, die mit ungutem Gefühl auf ihre eigenen Kollegen blicken. Die sich fragen: Was wurde übersehen? Die aber auch wütend sind, weil sie wissen, dass sie auf der Straße das austragen müssen, was ihre Kollegen ausgelöst haben. Solange es diese Beamten gibt, ist gar nichts auf null zurückgedreht. So lange darf man hoffen, dass sich die Frankfurter Polizei irgendwann aus ihrem Sumpf befreien wird.

          Katharina Iskandar
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

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