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Seit 25 Jahren HIV-positiv : „Aids bestimmt nicht mein Leben“

  • -Aktualisiert am

Blick nach vorne: Horst Altheimer in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung im Gallus. Bild: Lisowski, Philip

Horst Altheimer ist seit 25 Jahren HIV-positiv. Der 71 Jahre alte Mann hat sich weder von der Krankheit unterkriegen lassen noch seine Lebensfreude verloren.

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          Horst Altheimer hat fünfzehn Jahre in den Vereinigten Staaten gelebt. Wenn er von dieser Zeit erzählt, dann glänzen die braunen Augen hinter der randlosen Brille. Er lächelt, und seine Wangen färben sich leicht rosa. In diesem Moment sind dem großen, drahtigen Mann mit den kurzen grauen Haaren und dem Vollbart seine 71 Jahre nicht anzusehen. „In Amerika konnte ich meine größten Träume und Phantasien ausleben - künstlerisch, geschäftlich und sexuell“, schwärmt er.

          Seine Verbundenheit mit Amerika ist in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung im Gallus deutlich zu erkennen. Vor allem für den Wilden Westen, für Cowboys und Indianer, schlägt sein Herz. Im Wohnzimmer stehen auf einer Holzkiste neben der Couch kleine Modellplanwagen, an der Wand hängt ein selbstgezeichnetes Bild eines Indianers, auf der Couch liegen selbstbemalte rote Kissen aus Wildleder mit Büffelschädel und Indianerfedern als Motiv. Für Freunde entwirft und schneidert Altheimer zurzeit zwei Indianerkostüme zum Karneval, in Handarbeit, ohne Nähmaschine. Alle Details fertigt er selbst. Er malt indianische Muster, weiße und blaue Rauten, auf das Leder, zieht kleine Büffelknochen auf eine Schnur als Schmuck auf und näht Federn an. Zum Squaw-Kostüm gibt es eine kleine Ledertasche mit aufgemalten bunten Symbolen. „So eine Medizintasche ist praktisch fürs Handy“, sagt Altheimer und fängt an zu lachen.

          Die Liebe lockte ihn in die USA

          Der Liebe zu einem Mann wegen sei er in die Vereinigten Staaten gekommen. Seine Herrenboutique in Berlin habe er deshalb aufgegeben, das Geld aus dem Verkauf in sein neues Leben und den neuen Laden in Amerika investiert. In Los Angeles hat er zusammen mit dem Freund eine Boutique aufgemacht, am Sunset Boulevard. Mit selbstgeschneiderten T-Shirts, Hosen und Jacken hat er sein Einkommen verdient, seine deutschen Wurzeln in Amerika zu Geld gemacht: „Ich habe den Adler der Bundeswehrfahne auf meine T-Shirts und Jacken genäht. Die Amis waren ganz wild darauf“, sagt Altheimer. Seine Augen glänzen wieder.

          Die permanente Aufenthaltsgenehmigung fehlte ihm. Doch er wollte sein Leben lang in Amerika bleiben. Aus der Liebe zu einem Mann wurde die Liebe zu einem Land. Er sei kurz davor gewesen, eine Arbeitserlaubnis bei den amerikanischen Behörden zu beantragen. „Ich hatte ein ungutes Gefühl, obwohl mich Freunde immer wieder beruhigten, dass ich die Bedingungen schon erfüllen würde.“ Weil die Behörden einen Gesundheitstest verlangten, ging er schon vor der Antragsstellung zum Arzt. „Dann kam der große Schlag.“ Seine Augen blicken kurz auf den Boden, dann wieder nach oben und fixieren den Besucher: „Der Arzt sagte mir, dass ich HIV-positiv bin.“ Seine Lebenserwartung war gering. „Jetzt biste halb tot“, sei ein Gedanke in dieser Zeit gewesen. Das war 1985.

          Nicht überwältigt von der Todesangst 

          Im Juli des selben Jahres offenbarte der amerikanische Schauspieler Rock Hudson, dass er sich mit HIV angesteckt hatte. Wenig später starb er als erster Prominenter an Aids. Sein Tod brachte die Krankheit ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Von einigen wurde sie dennoch als „Schwulenseuche“ abgetan, weil sich vor allem homosexuelle Männer infizierten. Viele Erkrankte starben innerhalb kurzer Zeit an den Folgen der Immunschwäche. Ihre Körper waren nicht mehr in der Lage, sich gegen die kleinsten Infektionen zu schützen.

          Altheimers Kater Sebastian streift ihm ums Bein, während er auf der Couch sitzt und eine Tasse Kaffee trinkt. Er streichelt das Tier. „Wir sind zwei ältere Herren.“ Der Kater ist vierzehn Jahre alt. Er habe ihn von einem Bekannten bekommen. Eigentlich seien Kartäuserkatzen grau. Sebastian hat ein beiges Fell. Weil er anders ist, wollte ihn keiner kaufen. „Ich habe ihn beinahe geschenkt bekommen“, sagt Altheimer.

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