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Goethes Handschriften : Der Großdichter, ein Erbsenzähler

Ein Hofrat erbat ein Andenken, Goethe sandte ihm dieses Schmuckblatt. Bild: Freies Deutsches Hochstift

Studierende haben Schätze aus dem Handschriftenarchiv des Deutschen Hochstifts gehoben. Und präsentieren sie auf ungewöhnliche Weise: „Unboxing Goethe.“

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          Der Titel dieser Schau zum Goethe-Geburtstag ist gewöhnungsbedürftig. „Wir haben auch lange darüber diskutiert“, sagt Anne Bohnenkamp-Renken, Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts. „Unboxing Goethe“ - was heißt das? „Wir wollten“, sagt Konrad Heumann, Leiter der Handschriften-Abteilung im Frankfurter Goethe-Haus, „neugierig machen.“ Wir, das sind 13 Studierende der kooperierenden Goethe-Universität, zwölf Frauen und ein Mann, die unter der Leitung von Heumann und seiner Mitarbeiterin Bettina Zimmermann Schätze aus dem Handschriften-Archiv des Goethe-Hauses gehoben haben und sie bis zum 18. Oktober im Arkadensaal präsentieren - in schwarzen Boxen, die der Besucher selbst öffnen muss, um an die Vitrine mit den handschriftlichen Kleinoden zu gelangen. „Damit wird der kulturhistorische Hintergrund zu den Ausstellungsstücken plastischer“, erläutert Zimmermann.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Unboxing“ heißt das Internetphänomen, auf das sich die Ausstellung bezieht: Youtube-Videos, auf denen Leute zu sehen sind, die Konsumgüter auspacken und dafür nach den Worten von Heumann Zehntausende „Likes“ kassieren. Ein Format, das die kuratierenden Studierenden mit Sinn gefüllt haben. Aus hundert Objekten wurden 13 ausgewählt, mit denen sich die jungen Leute ein Jahr, also zwei Semester lang, beschäftigten.

          Zwei Seelen in Goethes Brust

          Dabei entdeckten die angehenden Germanisten, Literaturwissenschaftler und Kunsthistoriker einen Goethe, den sie so noch nicht gekannt hatten. Denn hinter den Briefen, Zetteln und Billets, deren Erwerb die Erich und Amanda Kress-Stiftung ermöglichte, taten sich Geschichten auf, die es nun zu erzählen galt. Der für lediglich sieben Euro erhältliche Katalog - wer ihn erwirbt, braucht keinen Eintritt zu zahlen - legt beredtes Zeugnis dafür ab, wie sich auch archivalisch Unkundige zu Handschriften-Experten mausern können.

          Die Ausstellung umfasst die Jahre 1780 bis 1830. Ob Heumann gut beraten war, sie mit einem bürokratischen Dokument zu eröffnen, mag man bezweifeln. Jedenfalls weist jenes Schriftstück vom 2. August 1780, mit dem Goethe eine militärische Personalie regelte, den Dichter als perfekten Staatsdiener aus. Als Vorsitzender der Weimarischen Kriegskommission war er mit allen Schnörkeln des Kanzleizeremoniells vertraut und nahm es in Schutz: „Wer nur Formen zu beobachten und zu bearbeiten hat, dem ist ein wenig Pedantismus nothwendig.“ Und weiter heißt es im Katalog: „Ein groser Herr ist dem Anstande etwas schuldig.“ Etwa zu dieser Zeit hatte er aber auch schon seinen „Tasso“ im Kopf - Alter Ego, verzweifelndes Inbild eines Staatsdieners, der doch nur Dichter sein will. So hat Kuratorin Camilla Stöppler die zwei Seelen in Goethes Brust hinter dem steifen Schriftstück erkundet.

          Goethe als Schauspiellehrer

          Die Anweisung aus der Kanzlei hatte Goethe nur unterzeichnet. Das Billet mit der Datierung - und nur mit dieser - vom 6. Juli 1830 an Ernestine Durand hat er selbst niedergeschrieben. Es war einem verzierten Schildpatt-Etui mit eingelegtem Schreibheftchen beigelegt, das von einem zierlichen Stift mit Elfenbeinknauf zusammengehalten wurde - ein Geschenk zum 25. Bühnen-Jubiläum der Schauspielerin, die mit seiner verstorbenen Gattin Christiane eng befreundet gewesen und möglicherweise sogar an ihrem Sterbebett war. Goethe konnte sich weitere Worte sparen, denn beide wussten, auf welche glücklichen Tage sich das Präsent bezog, wie aus einem Eintrag des Dichters ins Stammbuch der Durand ein Jahr später hervorgeht. Um die 18.000 Euro hat es bei der Frühjahrsauktion 2009 im Hause Stargardt gekostet. Kuratorin Isabel Spigarelli hat die Geschichte hinter dem wortkargen Gruß recherchiert.

          Zwischen diesen beiden Eckpunkten erzählt die Ausstellung von Goethe dem Briefschreiber, dem Orientforscher und dem Schauspiellehrer, der den sogenannten Weimarer Stil schuf. Sein wohl berühmtester Schüler, Pius Alexander Wolff, hat ein Kollegheft von 1803 hinterlassen. Es belegt, dass Goethe auch als Schauspieldirektor ein Erbsenzähler war.

          „Eine ganz schöne Pfriemelarbeit“

          „Nichts überließ er dem Zufall“, sagt Naima Gofran, die sich mit der Kladde beschäftigt hat. Goethe trieb seinen Schauspielern jedweden natürlichen Gestus aus - zugunsten eines kunstvoll zelebrierten Stils: Mittel- und Ringfinger mussten zusammengehalten werden, die Akteure sollten Anmut und Grazie noch beim Zurechtrücken eines Stuhles wahren. Wie es der Gräfin Jaraczewskaja 1818 in Karlsbad gelang, den Romantik-Verächter mit Fouqué und dessen „Ondine“ zu versöhnen, hat Claudia Spezzano herausgefunden.

          „Eine ganz schöne Pfriemelarbeit“ nennt Camilla Stöppler ihre detektivische Philologie. Schließlich handelte es sich ja nur um rätselhafte Schnipsel, die auf dem Markt verfügbar waren. Es soll übrigens Petra Roth gewesen sein, die die Literaturarchivare auf die Idee gebracht hatte, sich mit Studierenden der Internetgeneration einzulassen. „Packen wir doch mal die Kiste aus“, hatte die ehemalige Oberbürgermeisterin gesagt, als sie das Archiv des Goethe-Hauses besuchte. Jetzt müssen die Besucher die schwarzen Boxen öffnen, die von der Gestaltergruppe „Sound of Silence“ als Stelen entworfen wurden. Die beleuchteten Vitrinen darin stammen noch von der Jubiläumsausstellung der Goethe-Universität im vorigen Jahr. Wie viele „Likes“ wird dieses „Unboxing“ ohne Selfie-Video auf sich versammeln? Zumindest haben die Studierenden zwei Scheine mit ihm erworben.

          Bis 18. Oktober. In der Ausstellung liegen Kataloge mit den Hintergrundgeschichten zu den Fundstücken aus. Zudem ist jede Box mit einem Handzettel versehen, der die Geschichte der Handschrift erzählt und Erläuterungen zur Transkription enthält. Das Goethe-Haus ist Montag bis Samstag von 10 bis 18 Uhr sowie an Sonn- und Feiertagen von 10 bis 17.30 Uhr geöffnet. Kurzführungen donnerstags um 16.30 Uhr und sonntags um 15 Uhr. Jeden Donnerstag um 15 Uhr und sonntags um 14 Uhr stehen die Studierenden für Gespräche bereit.

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