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Insolventer Seifenhersteller : Kappus will es selbst aus der Pleite schaffen

  • -Aktualisiert am

Export in 80 Länder: Bis zu 500 Millionen Stück Seife produzieren die drei Standorte der Firma Kappus jedes Jahr. Bild: Wonge Bergmann

Westeuropas größter Festseifenhersteller ist nach 170 Jahren nicht mehr flüssig. Das Familienunternehmen aus Offenbach will aber weiter produzieren und verkaufen – ohne Insolvenzverwalter.

          Dass mit der 170 Jahre alten Seifenfabrik Kappus im Zeitalter der Discounter und Drogeriemarktketten keine Reichtümer mehr zu verdienen sind, daraus hat die Familienunternehmerin Patricia Kappus-Becker schon vor zwei Jahren keinen Hehl gemacht. Damals plante das Traditionsunternehmen den Umzug von der Offenbacher Luisenstraße in das Gewerbegebiet in Offenbach-Waldhof. Nun jedoch musste die M. Kappus GmbH und weitere Gesellschaften der Kappus-Gruppe beim Amtsgericht Offenbach die Einleitung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung beantragen. Davon betroffen ist nicht nur der Standort Offenbach, sondern ebenso die Dreiring-Werk GmbH in Krefeld, die Hirtler Seifen-GmbH in Heitersheim und die Kappus Seifen GmbH in Riesa. Alles in allem arbeiten 350 Männer und Frauen für die Kappus-Gruppe, 70 davon am Standort Offenbach.

          Insolvenz in Eigenregie bedeutet, dass Kappus-Becker und ihr Vater Wolfgang Kappus das Insolvenzverfahren mit dem Ziel einer Unternehmenssanierung selbst steuern können, allerdings unter Aufsicht. Zu diesem Zweck wurde die Fachanwältin für Insolvenzrecht Silvia Lackenbauer von der Offenbacher Mentor Societät AG in die Geschäftsleitung berufen. „Unser Ziel ist es, die Produktion und die Arbeitsplätze in Deutschland zu halten und das Unternehmen auf die zukünftigen Herausforderungen auszurichten“, sagte Seniorchef Kappus. Seine Tochter Patricia Kappus-Becker, Mehrheitsgesellschafterin und Mitgeschäftsführerin, zeigte sich zuversichtlich, dass die Sanierung der Unternehmensgruppe gelingt.

          Sinkende Nachfrage

          Nun sollen schnellstmöglich Gespräche vor allem mit den Kunden, Lieferanten und der Belegschaft geführt werden, um eine „tragfähige Fortführungslösung für die Kappus-Gruppe zu erarbeiten“, sagte die neue Mitgeschäftsführerin und Insolvenzanwältin Lackenbauer. Der Geschäftsbetrieb, heißt es von Seniorchef Kappus, laufe in vollem Umfang weiter. „Unsere Kunden können weiterhin auf unsere hochwertigen Produkte und die pünktliche Belieferung vertrauen.“

          Grund für die Schieflage ist nach Ansicht der Unternehmensleitung eine sinkende Nachfrage nach Seifenprodukten, bundesweit sank der Umsatz der Branche in den vergangenen fünf Jahren von 366 Millionen auf 345 Millionen Euro. Zudem ist im Einzelhandel eine zunehmende Konzentration zu beobachten, die Einkaufsmacht der Discounter, der Drogerieketten und der Supermarktriesen Rewe und Edeka wächst. Das habe die Gewinnmargen der Kappus-Gruppe in den vergangenen Jahren immer weiter schrumpfen lassen. Zugleich ist die Seifenproduktion in Deutschland einer globalen Konkurrenz ausgesetzt. Von einst rund 200 Seifenherstellern in Deutschland gibt es heute kaum mehr als eine Handvoll. Die Konkurrenzprodukte kommen vor allem aus Niedriglohnländern wie Polen, der Türkei und Griechenland.

          Kappus gilt bislang zwar als der größte Hersteller von Festseifen in Westeuropa, die Gewinnspanne des Unternehmens mit einem Jahresumsatz von 58 Millionen Euro (2016) lag zuletzt allerdings unter einem Prozent. Das verwundert nicht, wenn man sich mal das eigene Bad anschaut: Dort dominieren klar Flüssigseifen und Gels. Das bestätigt der Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel: Verbraucher greifen mittlerweile lieber zu Flüssigseife als zum Seifenstück – unter der Dusche ebenso wie am Waschbecken.

          Bürokratie schadet dem Geschäft

          Es sind aber nicht nur diese Faktoren, die Familie Kappus den rentablen Betrieb in den vergangenen Jahren erschwert haben. Hinzu kamen Schwierigkeiten, als die Offenbacher Fabrik aus der Innenstadt in ein Gewerbegebiet verlagert wurde. Die Widerstände durch Auflagen und bürokratischen Hürden veranlassten den ebenfalls in der Geschäftsleitung tätigen Ehemann der Kappus-Tochter, Alexander Becker, 2016 zu dem ernüchterten Resümee, dass man in Deutschland nicht versuchen sollte, eine Fabrik zu verlegen.

          So scheiterte der Plan, am neuen Standort wieder einen kleinen Fabrikverkaufsladen für die hauseigenen Seifen – in Schmuckdosen, in Herzform, als Schmetterling oder in Form eines duftenden Engelchens – einzurichten. Die Brandschutzauflagen hätten Kappus zufolge enorme zusätzliche Investitionen erfordert.

          Insgesamt seien die Brandschutzauflagen und andere Anforderungen bei der Verlagerung der Produktion so hoch gewesen, dass der Erlös aus dem Verkauf des alten Grundstücks im Offenbacher Stadtkern zum Gutteil aufgebraucht worden sei. „Ein Sozialplan wäre sicher günstiger. Wenn Geld die Motivation wäre, hätten wir die Grundstücke verkauft – und das wäre es gewesen“, hatte Patricia Kappus-Becker schon vor zweieinhalb Jahren im Gespräch mit dieser Zeitung gesagt.

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