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Sehnsucht nach dem Klassiker : Ravioli-Glück

Kulinarische Phantasie: Ravioli in Tomatensauce Bild: Andreas Pein

Es sind die kleinen Freuden in Zeiten wie diesen, die die Nerven beruhigen und die Stimmung aufhellen. Eine Liebeserklärung an Dosen-Ravioli.

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          Sie waren ausverkauft. Keine Ravioli mehr, nirgends. Gähnend leere Regale. Nicht nur Nudeln, Toilettenpapier, Mehl, Reis sind in diesen Zeiten Mangelware, sondern auch und gerade Fertiggerichte wecken in dem zum Prepper mutierten Durchschnittskonsumenten den Hamster-Instinkt. Während allerdings vorige Woche im Supermarkt meines Vertrauens vom Kartoffelbrei mit Fleischklößchen noch eine Plastikterrine zum Verkauf stand und auch einige Tütensuppen in aufgewühltem Zustand herumlagen, war die Chance, gefüllte Teigtaschen italienischer Art im bunt bedruckten Blechbehälter zu ergattern, gleich null. Aber was es nicht gibt, lenkt erst recht das Interesse auf sich. Und die Abwesenheit der Dinge lässt sie mitunter besonders präsent wirken. In unserer Vorstellung. In unseren wilden kulinarischen Phantasien. Da packte mich diese plötzliche Lust auf ein Dosengericht, an das ich nur eine sehr entfernte sensorische Erinnerung habe. Das seit Jahrzehnten nicht auf meinem Einkaufszettel stand. Ravioli.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein Klassiker. Kein Kindereinkaufsladen kommt ohne eine miniaturisierte Version davon aus. Auf dem Speiseplan des Grundschülers war die Nudelspezialität in der dicken Tomatentunke einst nicht etwa eine Notlösung, sondern ein Höhepunkt. Er wünschte sich auch nichts sehnlicher als Miracoli und war enttäuscht, wenn es Spaghetti mit selbstgemachter Sauce gab. Aus echten Tomaten. Nicht genießbar. Ohne diese künstliche Geschmackskomponente, die auch Ravioli aus der Dose auszeichnet und für dieses einzigartige, unwiderstehliche Gaumenerlebnis sorgt.

          Ravioli-Bäume im Garten Eden

          Jetzt, da alles unsicher ist und niemand so recht weiß, wie es weitergeht, kommt einem die Kindheit mehr denn je als das Paradies vor, nach dem sich laut Adorno die Erwachsenen immer sehnen. So dämmerte mir die Erkenntnis, dass zu meinem frühkindlichen Garten Eden die Ravioli-Bäume gehört haben. Um von deren Früchten wieder einmal spontan zu kosten, hätte ich glatt zwei Klopapierrollen eingetauscht. So aber geriet die Imagination in Bewegung: Das Herausflutschen der Ravioli aus der Dose, ihre weiche und unbestimmte Konsistenz, das Zusammenspiel zwischen Teig, „fleischhaltiger Füllung“ und Tomatensauce, ein Traum von Unbeschwertheit und nachhaltiger Sättigung, eine tiefe Befriedigung des gustatorischen Sinns, ein Mittel zur Beruhigung der Nerven und Aufhellung der Stimmung. Und sind es nicht die kleinen Freuden, die jetzt wieder eine größere Rolle spielen? Ravioli: das reinste Glücksversprechen.

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