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Seelsorger an Klinikum : Die Hand halten, wenn es zu Ende geht

Wer sich an die Seelsorger Thomas Hammer (links) und Reinhard Heinrich, wendet, kann sich sicher sein: Die zwei Theologen werden sich Zeit nehmen. Bild: Michael Kretzer

Reinhard Henrich und Thomas Hammer sind Seelsorger an einem Klinikum. Ihr Beruf bringt sie ständig mit Krankheit und Tod in Kontakt. Was sie tun, ist wichtig.

          Der Raum, in dem der Tod auf das Leben prallt, liegt im zweiten Stock. Klinikum Höchst, Intensivstation, sie nennen ihn den Abschiedsraum. Dorthin bringen sie die Toten. Keine Schläuche, kein Blut. Dafür eine Stele aus dunklem Stein mit einer weißen Kerze darauf. Ein Tischchen, ein paar Stühle, ein Buch für die Gedanken der Angehörigen zur letzten Reise eines geliebten Menschen. Wo sonst Platz für das Totenbett ist, steht Reinhard Henrich, er hat die Hände gefaltet und sagt: „Es ist schöner, hier als bei den Maschinen Abschied zu nehmen.“

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Henrich ist Pastor, evangelisch, 63Jahre alt. Zusammen mit Thomas Hammer, Priester, katholisch, 61 Jahre alt, und vier weiteren Kollegen bildet er ein ökumenisches Seelsorge-Team in dem einzigen städtischen Krankenhaus in Frankfurt. In den Abschiedsraum führt ihre Arbeit sie immer wieder. Vor wenigen Tagen erst war Hammer dort. Wenige Stunden zuvor hatte eine Frau einen Unfall auf der nahen Autobahn66. Sie kam sehr schnell in die Klinik, die Ärzte kämpften um ihr Leben. Vergeblich. Die Frau starb. Wenig später wurde ihr Leichnam in den Abschiedsraum gebracht. Den Angehörigen blieb vielleicht eine Dreiviertelstunde Zeit. Das ist nicht viel. Erst recht nicht, wenn das Ende so abrupt kommt. Doch der Raum werde immer wieder für neue Tote benötigt, sagt Henrich. „Und irgendwann muss derjenige ja auch wieder in die Kühlung.“

          Zuhören und die Hand halten

          Patienten, Angehörige und Mitarbeiter – wer sich an die Seelsorger in Höchst wendet, kann sich einer Sache sicher sein: Sie werden zuhören. Das kann in einem ihrer Büros im Erdgeschoss sein, aber auch am Krankenbett oder in einer Sitzecke am Haupteingang. Oft ist das schon das Wichtigste: zuhören, da sein, Hand halten. Über das Leben reden, über die Ängste, die Einsamkeit, das Ende. Über Stress, Versagensangst und die Hilflosigkeit im Angesicht von Krankheit und Tod.

          Ungefähr 37000 stationäre Patienten im Jahr hat das Krankenhaus in Höchst, außerdem etwa 2000 Mitarbeiter. Die Seelsorger haben viel zu tun. Vor allem auf der Onkologie- und der Palliativstation sind ihre Dienste gefragt. Thomas Hammer, kariertes Hemd, barfuß in Trecking-Sandalen, hat im Umgang mit Schwerst- und Todkranken seine berufliche Erfüllung gefunden. Nach 20 Jahren als Gemeindepfarrer in Bad Homburg und Kriftel kam er vor drei Jahren nach Höchst. Im Laufe seines Lebens sei sein Interesse an der Trauerpastoral immer mehr gewachsen, sagt er. Irgendwann entschied er sich für die Arbeit im Klinikum.

          Reinhard Henrich, kariertes Hemd, barfuß in Crocs, hat schon an vielen Orten die Seelen versorgt. Gemeindepfarrer im Nordend, Studentenpfarrer in Mainz, Gefängnispfarrer war er auch schon. Er sagt: „Klinikseelsorge war immer auf dem Schirm, weil es mich einfach interessiert hat.“

          Antisemitismus im Raum der Stille

          Der Raum der Stille hat kein Fenster. Auf einem Brett an der Wand liegen die drei heiligen Bücher: die Tora, die Bibel und der Koran. Der Raum im Erdgeschoss des Gebäudes ist an diesem hochsommerlichen Vormittag leer. „Ein Raum für jemanden, der zur Ruhe kommen will“, sagt Henrich. Muslime nutzen ihn gern. Auf einem Regal liegen Gebetsteppiche. Auch dort gibt es ein Buch für Gedanken. Der evangelische Theologe blättert durch die Seiten des Bandes. Der letzte Eintrag stammt von einem „Amin“. Der ist der Ansicht, Allah wisse und sehe alles. Wer das nicht akzeptiere, den werde Allah „vernichten“. Immer wieder finden die Seelsorger die Tora zerstört in dem Raum vor. Henrich sagt: „Da zeigt sich ein gewisser Antisemitismus.“

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