https://www.faz.net/-gzg-9gqf0

„Upcycling“ in Frankfurt : Neu machen statt wegwerfen

  • -Aktualisiert am

Schau, Mode: alter Stoff neu interpretiert Bild: Michael Kretzer

Ein Secondhand-Warenhaus in Frankfurt-Griesheim bietet ausrangierten Dingen eine zweite Chance. Und auch manch ein Mitarbeiter hat hier schon ganz von vorn begonnen.

          Vor dem Eingang zum Neufundland steht ein alter Müllcontainer aus grünem Kunststoff. In ihm wird aber kein Altpapier entsorgt. Die vordere Wand wurde herausgeschnitten. Der Deckel ist geöffnet. Bretter aus Holz dienen als Sitzfläche mit Rückenlehne. Statt den Container selbst zu entsorgen, wurde er zu einer Art Strandkorb umgestaltet. Zwei Personen können jetzt bequem Platz nehmen und die Herbstsonne genießen.

          „Upcycling“ nennt man einen solchen Vorgang. Scheinbar nutzlose Dinge werden in neuwertige Produkte umgewandelt. Wie das geht, konnten Besucher am Samstag beim „Festival für Upcyclingfashion und -trends“ erfahren. Das Festival in dem Secondhandladen war eine von zahlreichen Aktionen, die während der „Europäischen Woche für Abfallvermeidung“ angeboten wurden.

          „Highlight des Festivals“

          Gemeinsam mit der Offenbacher Schule für Mode, Grafik und Design wurde eine Modenschau veranstaltet. Dort konnten die Besucher sehen, wie aus alten Stoffen außergewöhnliche Kleidungsstücke entstanden sind. Diese Mode sei nichts, was man jeden Tag anziehen könne, aber die extravaganten Stücke seien das „Highlight des Festivals“, sagte Pola Jeschkowski von der gemeinnützigen Gesellschaft für Wiederverwendung und Recycling (GWR). Das Neufundland ist seit 2015 ein Betrieb der GWR. Das Secondhandwarenhaus wurde 1993 gegründet und setzt sich seither für Umweltschutz ein. Damals gehörte es noch zum Verein „Werkstatt Frankfurt“.

          An zahlreichen Ständen boten Aussteller ihre Produkte an. Enrico Fey war einer von ihnen. Er näht aus alten Jeanshosen Umhänge- und Handtaschen in verschiedenen Größen und Ausführungen. „Wenn man eine Jeans nicht mehr anziehen kann, mache ich sie wieder tragbar“, sagte er. Dafür trenne er alle Nähte der ausrangierten Hosen auf und füge sie so zusammen, dass eine Tasche daraus werde. „Ich werfe Dinge nicht gerne weg.“ Das sieht Nematullah Akrami ähnlich. Der 40 Jahre alte Mann aus Afghanistan ist gelernter Herrenschneider. Er näht jetzt Taschen aus Schläuchen der städtischen Feuerwehr. Manchmal nutzt er auch alte Werbeplakate für seine Mode.

          „Frankfurter Weg“ als zweite Chance

          Im Neufundland bekommen auch Menschen eine zweite Chance. Gemeinsam mit der IHK, der Handwerkskammer und den Jobcentern habe man den „Frankfurter Weg zum Berufsabschluss“ entwickelt, sagt Stefanie Jung-Zwerger, Mitarbeiterin der GWR. Der „Frankfurter Weg“ bietet arbeitslosen Menschen zwischen 25 und 45 Jahren die Möglichkeit, eine anerkannte Ausbildung in einem von fünf Berufen zu machen. Grundvoraussetzung seien gute Deutschkenntnisse, so Jung-Zwerger. Die Ausbildung habe man eher praktisch angelegt, weil viele Langzeitarbeitslose häufig schon am schulischen System gescheitert seien.

          Harry Singh ist einer der Ausbilder im Neufundland. Er selbst hat vor fünf Jahren den „Frankfurter Weg“ eingeschlagen und 2015 seine Gesellenprüfung als Fachkraft für Informationselektronik bei der Handwerkskammer bestanden. Er sei davor lange als Selbständiger tätig gewesen, habe aber keine abgeschlossene Berufsausbildung gehabt, erzählt er. Als er irgendwann keine Arbeit mehr gefunden habe, sei er über eine Maßnahme des Jobcenters zum Neufundland gekommen.

          Wenn Absolventen wie Singh sich nach der Ausbildung nicht für ein anderes Unternehmen entscheiden, können sie das Gelernte weiter in dem Secondhandwarenhaus einbringen und Elektrogeräte, Möbel und Einrichtungsgegenstände reparieren und restaurieren. Kunden erhalten ein Jahr Garantie auf die Neufundland-Produkte. Denn alles, was repariert werden könne, habe auch eine Chance verdient, sagt Jung-Zwerger.

          Weitere Themen

          „Omas gegen rechts“ kontern mit Respekt

          Demokratie verteidigen : „Omas gegen rechts“ kontern mit Respekt

          Auch Großmütter wenden sich gegen Rechtsextremismus. In Gießen hat Dorothea von Ritter-Röhr einen Ableger der Bewegung gegründet, die aus Österreich stammt. Zusammen mit 180 anderen Frauen will sie die Demokratie verteidigen.

          Topmeldungen

          Miet- und Kaufpreise in Europa : Schlimmer geht immer

          Deutschland ächzt unter hohen Mieten und teuren Immobilien. Doch anderswo in Europa ist die Lage weitaus dramatischer – kein gutes Zeichen.

          Ich und das Klima : Du sollst verzichten

          Die Deutschen müssen ihr Leben ändern, sagen die einen. Was die Deutschen machen, ist der Welt egal, behaupten die anderen. Was kann der Einzelne wirklich bewirken?

          Umstrittener Backstop : Was will Boris Johnson?

          In einem Brief an EU-Ratspräsident Donald Tusk kritisiert der britische Premierminister die „Backstop“-Regelung zur irischen Grenze und schlägt „alternative Vereinbarungen“ vor. Er stößt jedoch auf wenig Gegenliebe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.