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Schwule Väter : Papa zieht aus

  • -Aktualisiert am

Auf Augenhöhe: Holger Heckmann und sein Sohn Marcel sind nicht nur ähnlich groß, sie verstehen sich auch ziemlich gut - Outing hin oder her. Bild: Wonge Bergmann

Wenn sich Väter als schwul outen, bricht für sie und ihre Angehörigen eine Welt zusammen. Holger Heckmann ist den Schritt gegangen. Und Anna-Lena Wingerter musste sich damit abfinden, dass ihre Familie aus diesem Grund nicht mehr die gleiche ist.

          Mann, ist der peinlich: Holger Heckmann steht auf der kleinen Bühne, die zum Christopher Street Day auf der Zeil aufgebaut ist, der Moderator will von ihm wissen, ob sein Sohn nun schon älter sei. Ja, antwortet Heckmann: „Er kann schon sitzen, sprechen und allein aufs Klo gehen.“

          Um genau zu sein, kann Marcel auch schon alleine stehen, sich Zigaretten anzünden, ist ungefähr zwei Meter groß und überragt damit seinen Vater um eine Winzigkeit. Er steht in der ersten Reihe der Zuhörer und nimmt gelassen hin, was sein Vater oben sagt. Er kennt ihn ja schon seit 19 Jahren, wobei sich sein Blick auf ihn zweimal grundlegend geändert hat.

          Heckmann führte ein Doppelleben

          Zum ersten Mal, da war Marcel drei Jahre alt, hieß es, dass Papa nun ausziehen werde. Sieben Jahre später wurde dem dann Zehnjährigen schließlich klar, warum sich seine Eltern getrennt hatten: Papa war jetzt offiziell schwul.

          Der Einzige, für den das alles nicht völlig überraschend kam, war Vater Heckmann selbst. Schon in seiner sexuellen Findungsphase hatte er gemerkt, dass für ihn auch Männer als Partner in Frage kommen. Ausprobiert hat er es recht früh, verliebt hat sich der heute 47 Jahre alte Autor dann trotzdem in eine Frau. „Und ich musste mich nie zu irgendwas überwinden“, sagt er. Sein Leben fand den Gang in geordnete Bahnen, Marcel kam auf die Welt und machte die Kleinfamilie komplett. Nur dem Vater fiel immer mehr auf, dass ihm etwas fehlte. Ein wahres Doppelleben sei es gewesen, sagt er. Und irgendwann sei das Fass übergelaufen.

          Offenes Ohr bei der Gruppe „Schwule Väter“

          Im Rückblick sagt Heckmann, dass die Ehe mit seiner Frau ohnehin in der Endphase war, als in ihm der Entschluss reifte, die Seiten zu wechseln. Nach und nach entstand ein Ausstiegsplan, eine Exit-Strategie. Sein Bruder erfuhr als Erster davon, sein Versprechen, ihn zu unterstützen, war eine große Hilfe. Dann ging alles sehr schnell. Donnerstags sagte er es in einem Streit seiner Frau, am Sonntag traf er die ersten Männer. Noch anderthalb Monate dauerte es, bis er seine eigene Wohnung hatte. Im Mietvertrag war die Rede von 27,89 Quadratmetern Wohnfläche. „Super“, dachte sich Heckmann. „Das war mein neues Stück Freiheit.“ Mit 30 Jahren durfte, musste, konnte er noch einmal neu anfangen.

          Die Befreiung ist die eine Seite der Medaille, die Angst vor dem Zusammenbruch des geregelten, bekannten Lebens für alle Beteiligten die andere. Erst nach seinem Outing ging Heckmann zum ersten Mal zu einem Treffen der Gruppe „Schwule Väter“. Zweimal im Monat sitzen sie zusammen, einmal zum eher lockeren Stammtisch, einmal zum Selbsthilfegespräch. Immer wieder hört er seither die Bedenken der Männer: Kann ich das meiner Familie antun? Unser Haus ist nicht einmal abbezahlt. Wie sag ich’s den Kindern?

          Das lange Hadern mit den eigenen Gefühlen

          Der Vater von Anna-Lena Wingerter dürfte sich dieselben Fragen gestellt haben. Am Ende war es seine Frau, die es der Tochter sagte: „Pass auf, deinem Vater ist aufgefallen, dass er schwul ist.“ Zehn Jahre ist das nun her, es war ein warmer Sommertag. Wingerter ist nun 23 Jahre alt und für ihre Ausbildung in der Buchbranche nach Frankfurt gezogen. Dass ihr Vater sich als homosexuell geoutet habe, sei gar nicht das Schlimme gewesen, sagt sie. Traurig fand sie, dass die Familie überhaupt auseinanderbrach und sie die Letzte war, die davon erfuhr. Andererseits taugte der damals Dreizehnjährigen das Outing als plausible Erklärung für die Trennung und bewahrte sie davor, sich falsche Hoffnungen zu machen, dass doch noch alles wieder gut werde.

          Ihr Vater hatte lange mit sich gehadert, ob er wirklich schwul sei. Vielleicht, meinte er, seien das ja nur Episoden, in denen er sich zu Männern hingezogen fühle, vielleicht lege sich das ja wieder. So erzählte er es später seiner Tochter. Nein, es waren keine Phasen, und im Nachhinein und mit einem Augenzwinkern lassen sich schon frühe Belege dafür finden: Neulich berichtete Anna-Lena ihrem Vater, dass sie in Berlin über den Ku’damm geschlendert sei, als er sich erinnerte, wie er genau dort einmal als junger Mann eine Hose mit Blümchenmuster gekauft hatte. „Echt, Papa, dir ist damals noch nichts aufgefallen?“, fragte ihn daraufhin seine Tochter.

          Wingerter und ihre neue Regenbogenfamilie

          Der Dialog beschreibt das Verhältnis zwischen ihr und ihrem Vater ganz gut: Sie gingen sehr offen miteinander um, der Kontakt sei heute intensiver, enger als zur Zeit, als sie noch eine kleine, heile Familie waren. Der Mut ihres Vaters tauge für sie zum Vorbild, sagt Wingerter: „Ohne ihn wäre ich sicher nicht allein nach Frankfurt gezogen, um dort meine Ausbildung zu machen.“

          Sie würde sich freuen, wenn sie ihre neue Großfamilie eines Tages gemeinsam an einen Tisch bekäme. Es sei aber auch kein Beinbruch, wenn das nicht gelänge, sagt sie. Vergangenes Weihnachten sei auch mit viel Reiserei schön gewesen. Immerhin hatte sie es geschafft, Heiligabend mit ihrer neuen Regenbogenfamilie zu verbringen, also mit ihrem Vater, seinem Freund und dessen Tochter.

          Outing sei heute leichter als früher

          Der Kontakt zu ihr habe ihr ohnehin geholfen. „So wurde mir gleich klar, dass ich nicht allein bin in meiner Situation.“ Noch klarer wurde ihr das, nachdem sie begonnen hatte, ihre Erlebnisse mit ihrem schwulen Vater in einem Weblog zu beschreiben. Die Reaktionen darauf seien fast ausschließlich positiv. Unter der Adresse www.papaistschwul.com schreibt sie aber auch über ihre Lieblingsbücher und über die politischen Diskussionen über die rechtliche Gleichstellung homosexueller Partnerschaften.

          Um diese Debatten geht es auch dem homosexuellen Vater Heckmann. Auf besagter Bühne am Christopher Street Day steht er, um seine Selbsthilfegruppe bekannter zu machen. Er glaubt, dass es Männer heutzutage mit ihrem Outing leichter haben als früher. Aber wie viele andere Schwule treibt ihn die Sorge um, dass die Tendenz zu mehr Offenheit gegenüber Homosexuellen nicht von Dauer sein könnte.

          Gefahr, dass sich die Familie abwendet

          In seiner Gruppe habe er aber wenige Fälle erlebt, in denen das späte Outing komplett schiefgegangen sei. Doch auch die gibt es. Dann entstehen Konflikte mit der Mutter, die Väter dürfen ihre Kinder nicht mehr sehen, und andere Familienmitglieder wenden sich ab.

          Für sein eigenes Outing würde sich Heckmann im Rückblick eine glatte Drei geben. Die neue Freiheit, die Klarheit in seinem Leben, das war es, was er sich erhofft hatte, ein wahrer Befreiungsschlag, wie er sagt. Den Kontakt zu seinen eigenen Eltern hat er aber verloren. Zu seiner Verpartnerung mit seinem Mann wollten sie nicht kommen, auf der Hochzeit seines Bruders war sein Mann auf deren Drängen nicht erwünscht.

          „Kinder interessiert das Sexualleben der Eltern nicht“

          Zu den Treffen der schwulen Väter kommen in der Regel zehn bis 20 Männer, die einen haben das Outing schon hinter sich, den anderen steht der Tag X noch bevor. Die meisten Männer sind verunsichert, manche sind schon seit Jahren in der Szene unterwegs, ohne dass es jemand aus ihrem Umfeld weiß, andere unterdrücken ihre Neigungen aus Angst vor den Reaktionen. „Wer zu uns in die Gruppe kommt, hat meist schon einen großen Leidensdruck aufgebaut“, sagt Heckmann. Im Zentrum steht die Frage, wie es am besten der Frau beizubringen ist. Es den Kindern zu erklären, kommt eher an zweiter Stelle. Heckmann findet das nicht schlimm. „Kinder interessieren sich nicht für das Sexualleben ihrer Eltern.“ So sei es ihm früher gegangen, mit seinem eigenen Sohn sei es nicht anders.

          Marcel scheint es keine Probleme zu bereiten, einen homosexuellen Vater zu haben. Klar, es wäre schön, wenn seine Eltern noch zusammen wären, sagt er. Aber so geht es auch. Seinen Vater hat er in diesem Jahr zum Christopher Street Day begleitet. In der Parade trennten sie nur wenige Zugnummern. Hinten lief der Vater im blauen T-Shirt der Selbsthilfegruppe, weiter vorne stand Marcel und legte Platten auf. Die FDP hatte ihn engagiert, um auf ihrem Wagen die Musik zu machen. „Aber bitte nicht als politisches Statement für die Partei verstehen“, sagt er. Er kennt sich nun einmal mit Tontechnik aus und hat sich von den Liberalen für diesen Tag engagieren lassen.

          Nachmittags, nach der schrillen Parade, erinnern sich Vater und Sohn an eine Episode von vor einigen Jahren. Mit den Worten „das darf in keinem schwulen Haushalt fehlen“ überreichte Marcel seinem Vater eine liebevoll verpackte Prinzessin-Lilifee-Backmischung, die in einem lila Päckchen verkauft wurde. Nun ja, auch Kinder können peinlich sein. Und auch schwule Väter verstehen Spaß.

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