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Schwimm-WM in Barcelona : Tauchen für den Höhenflug

  • -Aktualisiert am

In seinem Element: Marco di Carli ist bereit für weltmeisterliche Prüfungen. Bild: dpa

Marco di Carli von der SG Frankfurt ist bereit für die Schwimm-WM in Barcelona. Nach seinen zuletzt schwankenden Leistungen geht er motiviert, aber gelassen ins Rennen.

          Die Flasche Champagner hat Marco di Carli verloren. „Die steht jetzt beim Trainer auf dem Tisch“, sagt der 28 Jahre alte Schwimmer schmunzelnd. Vor zwei Wochen haben er und Michael Ulmer, der Coach und Sportdirektor bei der SG Frankfurt, um einen feinen Tropfen gewettet. Di Carli glaubte, dass Ulmer keinesfalls mehr 50 Meter am Stück tauchen könne. Nach einigen Tagen, an denen Ulmer angeblich immer seine Badehose vergessen hatte oder sich nicht so recht fühlte, glitt der Trainer vor drei Tagen ins Wasser - und schaffte die 50 Meter. „Er hat danach ganz schön nach Luft gejapst“, erzählt di Carli, der in Bezug auf seine Leistungen im Becken aber schon länger nicht mehr in Champagnerlaune gewesen ist. Nach den verpatzten Olympischen Spielen 2012 in London ist der Schwimm-Sprinter mit dem Fokus auf die 100 Meter Freistil selbst auf Tauchstation gegangen.

          Di Carlis Karriere ist frei von Kontinuität, es geht stets wellenartig auf und ab. Der gebürtige Niedersachse, sagte sein früherer Haus- und jetziger Bundestrainer Dirk Lange mal, sei „ein Killer im Wasser“. Sicher scheint indes nur: dass er nicht entsprechend den Vorhersagen abschneidet. Dass er schon so manche Hoffnungen „gekillt“ hat. In seiner Laufbahn changiert er bisweilen zwischen Toptalent, Hallodri, Zukunftsversprechen des Deutschen Schwimm-Verbandes auf der prestigeträchtigen 100-Meter-Strecke, Sprücheklopfer und Wellenschläger. Einer, der das nötige Rüstzeug für Großtaten hat, es aber zu selten abruft.

          Es soll noch mal richtig „rumsen“

          2011 reiste di Carli mit frischem (und immer noch gültigem) deutschen Rekord von 48,24 Sekunden als Weltjahresbester zur Weltmeisterschaft nach Schanghai - und scheiterte im Vorlauf. Im Olympiajahr trainierte er so lange, verbissen und frei von gesundheitlichen Rückschlägen wie nie, so dass er sich in der Form seines Lebens wähnte - und scheiterte im Vorlauf. Infekte, Krankheiten und Motivationsprobleme, die den emotionalen Typen di Carli immer mal wieder heimsuchen, vermasselten das Frühjahr 2013. Rechtzeitig zu den Deutschen Meisterschaften im April tauchte der Rotschopf dann wieder auf und qualifizierte sich als Drittplazierter (49,37 Sekunden) für Starts im Einzel und in der Staffel bei der WM in Barcelona. Die Beckenwettbewerbe beginnen an diesem Sonntag.

          „Es wäre schön, wenn es bei mir noch mal richtig rumsen würde“, sagt di Carli, der seit siebeneinhalb Jahren in Frankfurt trainiert und für die SG an den Start geht. Seine Rekordzeit (48,24) schwebe zwar stets über ihm, aber diese sei „im Moment noch Wunschdenken“, sagt er. „So realistisch bin ich. Aber ich sage auch: Da soll es wieder hingehen.“ Zehn Wochen hat er nun vor dem Saisonhöhepunkt am Stück trainieren können im Becken des Landessportbunds Hessen an der Otto-Fleck-Schneise. Sein Ziel auf der Einzelstrecke sollte das Halbfinale sein mit einer schnelleren Zeit als bei den deutschen Titelkämpfen, so Trainer Ulmer. Di Carli sei in den vergangenen Jahren ruhiger geworden. „Aber er ist die Wettkampf-Sau geblieben, die alles in ein Rennen pusht“, sagt Ulmer, der die WM mit „einem Bier in der einen und der Stoppuhr in der anderen Hand“ im Urlaub im Fernsehen verfolgen wird.

          Weniger Training, gelassenere Herangehensweise

          Di Carli strahle wieder viel „Selbstvertrauen und Stärke“ aus. Im fortgeschrittenen Schwimmeralter bleiben ihm, der sich als Mitglied der Sportfördergruppe der hessischen Polizei voll auf seinen Sport konzentrieren kann, auch nicht mehr viele Chancen für eine lange nachhallende Großtat im Wasser. Sein „Fixpunkt“ wie er sagt, sei die Heim-EM in Berlin im kommenden Jahr. Diese könnte für ihn Schlusspunkt der Karriere oder Schwungrad für die Olympischen Spiele 2016 in Rio werden.

          Doch schon die Gelegenheit in Barcelona scheint günstig, weil im nacholympischen Jahr die Stärke und Dichte der Konkurrenz traditionell schwer einzuschätzen ist. „Ich gehe diese WM gelassen an“, sagt di Carli. Im Olympiajahr habe er alles „unbedingt erzwingen wollen und wahrscheinlich in der Summe zu viel gemacht“. Nun hofft er, „das Weniger im Training zu einem Mehr im Wettkampf“ modellieren zu können.

          Die Fiaskos von Schanghai und London schleppe er zwar schon mit sich herum, gibt di Carli zu. „Aber positiv, weil ich konkreter weiß, wo ich was optimieren muss. Es gibt unendlich viele Stellschrauben. Wenn ich an allen drehte, würde ich noch langsamer sein.“ In den vergangenen Monaten hat der zweimalige Olympiateilnehmer (Finalteilnehmer 2004 in Athen) zwei Stunden je Woche an seinem Start gewerkelt. An den Start gehen in Barcelona mit der Frankfurterin Sarah Köhler (400 und 800 Meter), der Wiesbadenerin Jenny Mensing (100 Meter Rücken), dem Darmstädter Brustspezialisten Marco Koch und dem gebürtigen Darmstädter Yannick Lebherz (200 Meter Rücken, 400 Meter Lagen), der mittlerweile für Potsdam startet, insgesamt fünf Hessen.

          Di Carli kann in Barcelona zeigen, dass es auf seiner Karriere-Achterbahnfahrt wieder aufwärtsgeht. Wenn er in Spanien schnell schwimme, will di Carli die Wette mit Ulmer „zur Institution machen“. Dann soll der Coach vor jedem großen Wettkampf tauchen. Es wäre der Beginn des Ulmer-Orakels und eines neuen Di-Carli-Höhenflugs.

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