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Kontroverser Regisseur : Destruktive Energie am Frankfurter Theater

Im Zentrum einer Kontroverse: Regisseur Ulrich Rasche Bild: dpa

Damit eine Theaterinszenierung gelingt, müssen die Beteiligten viel Zeit und Mühe investieren. Doch mit seinem Verhalten soll es Regisseur Ulrich Rasche zu weit getrieben haben. Der Frankfurter Schauspiel-Intendant hat nun reagiert.

          Eines ist sicher: Solange Anselm Weber Intendant des Frankfurter Schauspiels ist, wird Ulrich Rasche, der mit seiner Inszenierung der „Perser“ von Aischylos bei Publikum und Kritik zu Beginn der Spielzeit 2018/19 einen großen Erfolg erzielt hat, hier nicht mehr inszenieren. „Wir schätzen den Künstler Ulrich Rasche sehr“, sagte der Schauspielchef, der das Sprechtheater 2017 übernommen hatte, gestern im Gespräch mit dieser Zeitung. „Aber es hat in der Zusammenarbeit massive Schwierigkeiten gegeben in der Art und Weise, wie er Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hauses behandelt hat. Das ist dokumentiert.“

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Rasche sei eine Person mit zwei Gesichtern. „Er kann sehr charmant sein, wenn er etwas will, und wenn er es nicht bekommt, schlägt er um sich.“ Diese destruktive Energie hätten dann sowohl sein Team als auch die Mitarbeiter des Hauses erfahren. Es seien, sagte Weber, der allerdings keine Details nannte, zwei Fälle von Übergriffen bekanntgeworden, was letztlich den Ausschlag dafür gegeben habe, Ende vorigen Jahres einen „Wertebasierten Verhaltenskodex zur Prävention von sexuellen Übergriffen und Machtmissbrauch“ zu erstellen und allen Regisseuren zur Unterschrift vorzulegen, die seither am Haus inszenieren. Im Fall von Rasche habe es sich aber nicht um sexuelle Übergriffe gehandelt, verdeutlichte Weber.

          Rasche habe schon 2017, als die Zusammensetzung des Ensembles unter der neuen Leitung noch gar nicht endgültig festgestanden habe, deutlich gemacht, dass er mit von ihm ausgewählten Gästen arbeiten wolle, sagte ein Schauspieler aus dem Ensemble. Dennoch habe der Regisseur ein Jahr später ein internes Casting mit Ensemble-Mitgliedern veranstaltet, was der Darsteller als „äußerst befremdlichen Vorgang“ empfunden habe. „Das ist mir in 14 Jahren Beruf noch nie begegnet und wurde seitdem auch von renommierten Regisseuren wie Luk Perceval, Andreas Kriegenburg, Jan Bosse oder David Bösch nicht wieder so in Frankfurt praktiziert.“ Einige Schauspieler hätten es als extrem respektlos und teilweise demütigend empfunden, wie Rasche sie „dabei weniger im Hinblick auf seine Ästhetik, sondern als Schauspieler ganz allgemein bewertete und auf diese Weise quasi auch grundsätzlich in Frage stellte“. Rasche habe schließlich einige Frankfurter Ensemble-Mitglieder in der Koproduktion mit den Salzburger Festspielen für den Chor besetzt, der in seiner Inszenierung einen tragenden Part spielt. Er soll sich dennoch immer wieder abfällig über das Ensemble und die Leitung des Frankfurter Schauspiels geäußert haben.

          „Für das Frankfurter Publikum“

          Weber führte aus, dass er die Situation während der Proben stets aufs Neue beruhigen musste: „Die Premiere hat nur stattgefunden, weil ich mich mit den Technikern solidarisiert und sie gebeten habe, die Produktion für das Haus zu machen und für das Frankfurter Publikum.“ Und er nimmt seine Schauspieler gegen die Anwürfe Rasches in Schutz: „Es gibt viele Regisseure, die mit dem Frankfurter Ensemble sehr, sehr gerne zusammenarbeiten.“

          Zuletzt hatte Rasche heftige Kritik an dem Schauspielchef geübt, weil dieser sich nicht bemüht habe, weitere Aufführungen des Stücks auf die Bühne zu bringen. Dem widerspricht Weber. Ungeachtet aller Schwierigkeiten mit der Person Rasches habe er alles versucht, um „Die Perser“ weiterhin in Frankfurt zu zeigen. Er kann mit einer Reihe von E-Mails belegen, dass das Schauspiel intensiv versucht hat, weitere Vorstellungen am Ende der vorigen Spielzeit und in der jetzt laufenden Saison zustande zu bringen, aber daran scheiterte, Termine zu finden, an denen die zahlreichen an der Produktion beteiligten Gäste alle zur Verfügung gestanden hätten. So heißt es in einer Nachricht von Chefdisponentin Barbara Biel von Mitte Dezember vorigen Jahres: „Meine Hoffnung liegt immer noch im Juni und/oder September/Oktober, wo mir noch einige Rückmeldungen fehlen.“ Aber auch daraus wurde nichts.

          Im Februar schrieb Anselm Weber an die bei den „Persern“ mitwirkenden Darsteller: „Wir sind nunmehr seit Wochen unermüdlich daran gewesen, eine Wiederaufnahme in dieser und der nächsten Spielzeit hinzubekommen. Zu unserem großen Bedauern konnten keine terminlichen Überschneidungen von allen gefunden werden.“

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