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Fehlende Impfungen : Schulverbot wegen Masern-Gefahr

Eine Einmalspritze für 2,125 Millionen Dollar ist auf dem Markt. Bild: dpa

An einer Frankfurter Schule sind Jugendliche an Masern erkrankt. Nun muss das Gesundheitsamt die Impfausweise von 800 Oberstufenschülern prüfen. Schuld sind unvorsichtige Eltern.

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          Um eine Ausbreitung der Masern zu verhindern, hat das Frankfurter Gesundheitsamt den Impfstatus von rund 800 Schülern des Friedrich-Dessauer-Gymnasiums in Höchst überprüft. Jugendlichen ohne vollständigen Schutz gegen die Infektionskrankheit wurde der Schulbesuch bis zum Ende der nächsten Woche verboten. Zuvor waren bei zwei Schülern des Oberstufengymnasiums Symptome festgestellt worden, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Masern schließen lassen.

          Ingrid Karb
          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.
          Matthias Trautsch
          Koordination Reportage Rhein-Main.

          Am Dienstag hatte das Gesundheitsamt die Eltern über den dringenden Infektionsverdacht und die geplanten Maßnahmen informiert. „Bei Masern verstehen wir keinen Spaß“, sagt René Gottschalk, der Leiter der städtischen Behörde. Die Krankheit sei nicht nur leicht übertragbar, sondern auch äußerst gefährlich. Eine Ansteckung durch Tröpfchen, die beim Husten oder Sprechen freigesetzt würden, könne zu einer Gehirn- oder Lungenentzündung und somit zum Tod führen. Das Gesundheitsamt habe schon öfter zu solchen vorkehrenden Maßnahmen wie an dem Höchster Oberstufengymnasium gegriffen, diesmal seien jedoch außergewöhnlich viele Schüler betroffen.

          Belege der Impfungen nötig

          Die Überprüfungen am Dessauer-Gymnasium dauerten bis in den Nachmittag. Die Schüler mussten nachweisen, dass sie entweder zweimal gegen Masern geimpft sind, oder ein ärztliches Attest dafür vorlegen, dass sie schon daran erkrankt waren. Um das Schulverbot zu verkürzen, können nicht oder nur einmal geimpfte Schüler die Impfung bei niedergelassenen Ärzten nachholen. Wer erkrankt, darf erst nach Abklingen der klinischen Symptome, frühestens aber am fünften Tag nach Auftreten des typischen Hautausschlags wieder die Schule besuchen.

          Vom Robert-Koch-Institut wird empfohlen, dass Kinder im Alter von einem Jahr und noch einmal ein Jahr später gegen Masern geimpft werden. Laut dem Kindergesundheitsbericht der Stadt Frankfurt hat sich der Anteil der Jungen und Mädchen, die bis zur Einschulung alle empfohlenen Impfungen bekommen haben, in den vergangenen Jahren verbessert, für Masern lag die Impfrate 2016 bei knapp 90 Prozent. Das reicht allerdings noch nicht aus, um das Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu erreichen, die Masern auszurotten. Wie Udo Götsch, Infektiologe im Gesundheitsamt, sagt, ist dafür eine sogenannte Herdenimmunität von 95 Prozent notwendig. Eine Impfung schütze nicht nur den Einzelnen und die Allgemeinheit, sondern sei auch ein „Akt der Solidarität“ mit Kindern, die nicht geimpft werden könnten, etwa wegen einer Immunschwäche.

          14 Fälle von Masern 2016 registriert

          Anders als etwa Berlin ist Hessen von den Masern-Ausbrüchen der vergangenen Jahre weitgehend verschont geblieben. Nach Gottschalks Angaben sind 2015 etwas mehr als 70 Fälle im Land registriert worden, im vergangenen Jahr seien es 14 gewesen. Dass es nicht zu der befürchteten Ausbreitung in Flüchtlingsheimen gekommen ist, sei auch auf die Impfaktionen unter Asylbewerbern zurückzuführen. Allgemein seien Migranten oft besser geimpft als Deutsche, die teils sehr skeptisch gegenüber Impfungen eingestellt seien. Auf einen Schutz gegen Masern zu verzichten sei jedoch unverantwortlich. „Wenn Eltern ihr Kind nicht impfen und es stirbt an einer Gehirnentzündung, dann ist das in meinen Augen Körperverletzung mit Todesfolge.“

          Dass manche Eltern ihre ungeimpften Kinder auf sogenannte Masernpartys schickten, damit sie sich ansteckten, sei fahrlässig, sagt Sabine Wicker, Betriebsärztin des Frankfurter Universitätsklinikums und Mitglied der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut. Denn außer einer akuten Mittelohr-, Lungen- oder Gehirnentzündung könne als Spätfolge nach sechs bis 15 Jahren eine Infektion des Zentralen Nervensystems auftreten, die stets tödlich ende. Diese komme häufiger vor als bislang angenommen.

          Wicker ist auch Vorsitzende der deutschen Kommission zur „Verifizierung der Elimination von Masern und Röteln“ nach den WHO-Vorgaben. Dass das Ziel, die Masern bis 2015 in Europa auszurotten, nicht erreicht worden sei, liege auch an Deutschland, in dem 2015 mit 2464 Erkrankungen 60 Prozent der gemeldeten Masernfälle in der EU auftraten. Um die Kriterien zu erfüllen, dürften es maximal 80 Fälle im Jahr in ganz Deutschland sein.

          Wie viele Deutsche sich geschützt hätten, sei unbekannt, da es kein Impfregister gebe. Gefährdet seien vor allem junge Erwachsene, die 30 Prozent der Erkrankten stellten. Von den Frankfurter Studienanfängern in Medizin seien 20 bis 30 Prozent nicht ausreichend geimpft. Dies wird von der Betriebsärztin nachgeholt. Um die Masern auszurotten, seien mehr Anstrengungen, Geld und Personal nötig, fordert Wicker, das gelinge nicht „einfach so nebenbei“.

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