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Kommentar : Der Witz in Tüten

Eine neue Statistik zur Schultüte verrät, die Tüten-Abdeckung liegt bei 100 Prozent - aber die Hessen sind knausriger als viele andere Deutsche. Bild: dpa

Was wäre der moderne Mensch ohne die Statistik. Nun gibt es auch ein Ranking über die Schultüte. Für die Hessen enthält sie eine gute, aber auch eine schlechte Nachricht. Oh Schreck!

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          Vor kurzem wurden an dieser Stelle überflüssige Bildungs-Rankings gerügt. Jetzt aber flattert eine echt relevante Rangliste auf den Redaktionstisch: der Schultüten-Vergleich 2016. Auftraggeber der selbstredend repräsentativen Studie ist Retailmenot. Sagen Sie jetzt bitte nicht, Sie hätten von einem Unternehmen solchen Namens noch nie gehört: Es handelt sich um den „führenden Marktplatz für digitale Angebote“. Steht in der Pressemitteilung.

          Das nur nebenbei. Viel wichtiger ist, dass die Studie eine erfreuliche Nachricht bereithält. Jedes hessische Kind, das nächste Woche eingeschult wird (wir schreiben bewusst nicht Abc-Schütze, weil das so militaristisch klingt), bekommt eine Zuckertüte. Die Studie, die ansonsten mit sehr vielen krummen Zahlen aufwartet, bleibt diesbezüglich völlig nachkommastellenfrei: Die Tüten-Abdeckung zwischen Odenwald und Kassel beträgt satte 100 Prozent.

          Sind Hessen knauserig bei Schultüten?

          Jetzt aber zur dunklen Seite der Statistik: Die hessischen Eltern sind Geizhälse. Im Schnitt geben sie für Tüte samt Inhalt nur 40,81 Euro aus. Knausriger sind nur die Rheinland-Pfälzer und Hamburger. Richtig krachen lassen es dagegen die Freunde im Osten. An der Spitze liegt Thüringen mit 80,71 Euro, Mecklenburg-Vorpommern folgt mit 77,14 Euro.

          Aufgeschreckt von diesen Daten, haben wir uns auf Ursachenforschung im Bekanntenkreis begeben. Die Ergebnisse sind (unser Bekanntenkreis zählt weniger als 1018 Eltern) zwar nicht repräsentativ, liefern aber einen Erklärungsansatz. Womöglich hängt das schlechte Abschneiden im Tüten-Ranking mit der verbreiteten Bastel-Leidenschaft der Hessen zusammen.

          Statt eine coole Kommerztüte mit Spiderman- oder Bushido-Aufklebern zu kaufen, lassen sich die Erziehungsberechtigten vom Ehrgeiz treiben, mit Prittstift und Krepp-Papier etwas „Besonderes“ oder gar „pädagogisch Wertvolles“ zu fabrizieren. Vermutlich nicht zuletzt, um selbst Eindruck zu schinden: Laut Studie glauben 59 Prozent, dass man sich bei der Einschulungsfeier anhand der Tüten ein erstes Bild von den anderen Familien machen kann. Also ran an den Basteltisch, ihr hessischen Bildungsbürger! Etwaiger Neid auf die Spiderman-Tüte hat sich schnell erledigt, wenn das Kind zu den glücklichen sechs Prozent gehört, die ein Smartphone in der Tüte finden.

          Matthias Trautsch
          Koordination Reportage Rhein-Main.

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