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Schulserie : Der Trend geht zum Abitur für alle

Rund 5000 Frankfurter Kinder stehen vor dem Wechsel auf eine weiterführende Schule. Das Angebot ist groß und die Entscheidung dementsprechend schwierig. Teil eins der Schulserie.

          Etliche Eltern von Viertklässlern haben derzeit schlaflose Nächte. Auf welche Schule soll das Kind nach den Sommerferien gehen? Die Auswahl in Frankfurt ist vielfältig; es gibt jeweils mehr als ein Dutzend Gymnasien, Integrierte und Kooperative Gesamtschulen, Real- und Hauptschulen. Hinzu kommt ein breites Angebot von privaten Bildungsstätten, die eine besondere pädagogische Prägung haben oder eine spezielle Klientel ansprechen. Nicht gerade erleichtert wird die Entscheidung durch die unklare Lage in Wiesbaden. Zwar steht seit der Landtagswahl fest, dass eine Koalition aus CDU und FDP die künftige Regierung stellen wird, doch wer dann das Kultusministerium führt und welche Bildungspolitik daraus folgt, ist noch nicht absehbar (Kommentar: Was will die FDP? ).

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der von der Landeshauptstadt aus vorgegebene Kurs wird zweifellos Auswirkungen auf Frankfurt haben. Umstritten war zuletzt besonders die Zukunft der Hauptschulen. Die meisten Lehrer, Schulleiter und Fachleute sehen die Schulform am Ende – nicht wegen der dort geleisteten Arbeit, die oft vorbildlich ist. Das Problem ist das miserable Image der Hauptschule, die zum Auffangbecken für all jene geworden ist, die wegen Defiziten im Lern- und Sozialverhalten nirgendwo sonst mehr unterkommen. Dass ihr Kind auf eine solche Schule geht, wollen Eltern wenn irgend möglich vermeiden (Rheinland-Pfalz: Hauptschulen sind ein Auslaufmodell ).

          Gymnasien personell und räumlich am Limit

          Einen etwas besseren Ruf haben die Realschulen. Dort besteht aber das Problem, dass die guten Schüler auf Gymnasien und Integrierte Gesamtschulen abwandern. Wegen sinkender Schülerzahlen fusionierten zuletzt die Bornheimer Real- und die Weidenbornschule zur Louise-von-Rothschild-Schule sowie die Friedrich-Stoltze- und die Gerhart-Hauptmann-Schule zur Haupt- und Realschule Innenstadt. Um dieser Entwicklung zu begegnen, wird im städtischen Schuldezernat an Plänen für eine Stadtteilschule gearbeitet, wie es sie so oder ähnlich schon in anderen Bundesländern gibt. Sie könnte an die Stelle von Haupt- und Realschulen treten und soll nach dem Vorbild Integrierter Gesamtschulen eine individuelle Förderung jedes Schülers ermöglichen.

          Schwierigkeiten gibt es freilich auch an der Spitze des Schulwesens, bei den Gymnasien. Sie werden mit Anmeldungen überhäuft, manche sind personell und räumlich am Limit. Von den rund 36.000 Kindern, die eine weiterführende Schule in Frankfurt besuchen, geht fast die Hälfte auf ein Gymnasium. Und der Trend zum Abitur für alle ist ungebrochen: Für dieses Schuljahr wurden 2286 Kinder am Gymnasium angemeldet, 200 mehr als im Vorjahr. So entwickeln sich die ehemaligen Oberschulen sozusagen zu Volksschulen, die Reifeprüfung wird zum Standardabschluss. Weil die Jahrgänge vielerorts ohnehin schon überfüllt sind, konnte dem Wunsch, auf ein bestimmtes Gymnasium zu gehen, zuletzt oft nicht entsprochen werden.

          Manche Kinder mussten entgegen dem Elternwillen sogar auf eine Kooperative Gesamtschule ausweichen. Eine gewisse Entspannung wird wohl erst in zwei bis drei Jahren einsetzen, wenn das am Riedberg geplante, naturwissenschaftlich ausgerichtete Gymnasium eröffnet wird. Für die Stadt wird dies ein nahezu historischer Moment sein: Seit mehr als 100 Jahren erhält Frankfurt zum ersten Mal ein neues öffentliches Gymnasium. Denn auch das muss gesagt werden: Die übervollen Klassen sind für Lehrer und Kinder zwar eine Belastung, allgemein kann sich die Stadt aber glücklich schätzen, dass die Schülerzahlen entgegen dem Bundestrend steigen.

          Geld aus dem Konjunkturprogramm könnte Schule zugute kommen

          Ähnlich wie die Gymnasien erfreuen sich die Gesamtschulen wachsender Beliebtheit. Mit rund 5600 Kindern an Integrierten und knapp 3600 Kindern an Kooperativen Gesamtschulen sind sie zur nach Zahlen zweitwichtigsten weiterführenden Schulform aufgestiegen. Ein Grund für den Boom ist die Unzufriedenheit vieler Eltern mit der G8-Reform (Hier keimt der Markt: Wer schützt die Bildungspolitik?). Sie schicken ihr Kind nicht auf ein Gymnasium, wo es in acht Jahren Abitur machen muss, sondern an eine IGS, wo ein Jahr länger Zeit bleibt. Aber auch die Idee, dass Kinder vom gemeinsamen Lernen bis zur zehnten Klasse profitieren, hat viele Anhänger. Und nicht zuletzt haben die Gesamtschulen pädagogische Neuerungen wie Lehrerteams, Projektarbeit oder Patensysteme etabliert, die erfolgreich sind und auch von Gymnasien übernommen werden.

          Die besten Konzepte helfen aber nicht, wenn die baulichen Voraussetzungen fehlen. Ein Beispiel dafür ist die Umstellung auf den Ganztagsbetrieb. Im Zuge der gymnasialen Schulzeitverkürzung ist Nachmittagsunterricht zur Regel geworden. Allerdings wurde nicht rechtzeitig bedacht, dass Kinder, die den ganzen Tag in der Schule sind, auch etwas essen müssen. Erst nach und nach werden Kantinen eingerichtet, Bibliotheken und Aufenthaltsräume eröffnet. Den Schulen geht dies freilich nicht schnell genug: So fürchtet die Helmholtzschule um den für das nächste Schuljahr geplanten Ganztagsbetrieb, weil sich die Bauarbeiten immer wieder verzögern.

          Das Schlimmste hinter sich haben unterdessen die Freiherr-vom-Stein-Schüler. Nach zwei Jahren im Container-Behelfsquartier sollen sie im Sommer zurück an den Südbahnhof ziehen. Der Neubau an alter Stelle wird dann das baulich modernste Gymnasium der Stadt sein. Womöglich nicht lange: Aus dem Infrastrukturprogramm, welches das Land zur Belebung der Konjunktur aufgelegt hat, fließen mindestens 97,4 Millionen Euro nach Frankfurt (Frankfurt: Investieren bis zum Gehtnichtmehr). Dieses Geld soll vor allem zur Sanierung von Schulgebäuden verwendet werden. So schlimm die Wirtschaftskrise also ist – für die Frankfurter Schüler könnte sie von Vorteil sein.

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