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Schulen : Uniformen und Vereinbarungen sollen Identität stiften

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Wenn Heimo Schulz Meinen daran denkt, daß seine fünf Jahre alte Tochter bald in die Schule kommt, hat er ein Bild vor Augen: Das Mädchen steht auf dem Hof, inmitten seiner Klassenkameraden, und alle haben das gleiche an.

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          Wenn Heimo Schulz Meinen daran denkt, daß seine fünf Jahre alte Tochter bald in die Schule kommt, hat er ein Bild vor Augen: Das Mädchen steht auf dem Hof, inmitten seiner Klassenkameraden, und alle haben das gleiche an. Schuluniformen, sagt Schulz Meinen, stärkten das Zusammengehörigkeitsgefühl der Kinder und entlasteten Eltern finanziell. In Frankfurt hat er deshalb eine Initiative "Eltern für Schulkleidung" ins Leben gerufen. Für diese erhofft er sich Rückenwind durch einen Beschluß der Hamburger CDU, laut dem der von ihr geführte Senat die Bildungseinrichtungen an der Elbe auffordern soll, Schüler einheitlich einzukleiden.

          Spätestens seitdem Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert vor zehn Jahren ein Buch "Über den Verlust der Werte" schrieb und öffentlich über den Nutzen von Schuluniformen philosophierte, wird der Sinn oder Unsinn ebenjener auch hierzulande diskutiert. Befürworter glauben an die identitätsstiftende und befriedende Wirkung gleicher Kleidung für alle; Kritiker, auch wenn sie die dahintersteckende Idee im Grunde gutheißen, lehnen sie als nicht zielführend ab. Immer wieder geäußert wird die Vermutung, mit Uniformen lasse sich eine Fixierung der Jugendlichen auf teure Markenkleidung vermeiden, und so blieben die Konflikte aus, die sich aus unterschiedlich verteiltem Wohlstand ergeben können. Viele sind skeptisch; die hessische Kultusministerin Karin Wolff (CDU) beispielsweise hat in Interviews gesagt, sie glaube nicht so recht an die egalisierende Kraft der Uniformen, weil Statusunterschiede immer noch sichtbar gemacht werden könnten, beispielsweise über Accessoires.

          Auch Helmut Deckert, der hessische Landesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung, zweifelt. "Die Uniform löst nicht alle Probleme, die man glaubt, damit lösen zu können", sagt er. Die Klage vieler Lehrer und Erziehungsberechtigter, schon Erstkläßlern seien die neuesten Jeansmodelle wichtiger als das Einmaleins, ist ihm gleichwohl nicht fremd und auch nicht die Hoffnung, das könne anders werden, wenn alle das gleiche trügen. "Das ist aber zu kurz gedacht", sagt er. "Denn gerade in den Grundschulen sind es ja nicht nur die Kinder, die auf Marken fixiert sind", fügt er hinzu - es seien auch die Eltern. Die hätten auf Kinder in diesem Alter durchaus genug Einfluß, um dem Konsum-Interesse gegenzusteuern, sie müßten das nur wollen.

          Ähnlich sieht das Sibylle Goldacker, die Vorsitzende des Landeselternbeirats. "Die Idee, Gleichheit über Uniformen herzustellen, läßt sich nicht verwirklichen", sagt sie. Schulz Meinen hingegen hält das für möglich, wenn nur früh genug damit begonnen werde. Daß viele Schulen, die mit Schulkleidung experimentiert hätten, zur liberalen Kleiderordnung zurückgekehrt seien, hänge wohl damit zusammen, "daß die Kinder es nicht von Anbeginn gewohnt waren", also Uniformen nicht von der Grundschule an getragen hätten. Schulz Meinen ist selbst Lehrer, an der Hindemith-Schule im Frankfurter Gallusviertel. Ein halbes Jahr hat er auch in Argentinien unterrichtet, einem Land, in dem Schuluniformen selbstverständlich sind, ebenso wie in Japan, wo sie von der ersten Klasse bis zur Mittelstufe getragen werden. Ähnlich wünscht Schulz Meinen sich das in Deutschland. Wie die Schulkleidung aussehen sollte, müsse die Schulgemeinde entscheiden, sagt er, "das muß alles freiwillig geschehen". Die Vorteile von Hosen, Röcken und Jacken für alle lägen doch auf der Hand. "Man schaut den Mitschülern eher ins Gesicht als auf die Klamotten. Schüler, deren Eltern nicht so viel Geld haben, werden nicht zu Außenseitern."

          "Ein Zeichen gegen den Markenterror setzen" wollte vor zwei Jahren der Landrat des Main-Kinzig-Kreises, Karl Eyerkaufer (SPD), weshalb er mit viel Aplomb für Schuluniformen warb. An der Kreisrealschule in Bad Orb wurde die Idee diskutiert, mit Begeisterung und Energie, wie Schulleiterin Ute Lehmann sagt. "Und dann haben wir uns doch dagegen entschieden." Viele Nachmittage und Elternabende lang sei über die Einheitskleidung gesprochen worden - sollen alle sie tragen oder nur ein Jahrgang? Wie soll sie aussehen? Was darf sie kosten? Am Ende, so Lehmann, "wäre das, was allen gefallen hätte, so teuer gekommen, daß mit der Anschaffung der Sinn des Ganzen verfehlt worden wäre". Angefangen Schulkleidung zu tragen und bald wieder damit aufgehört haben vor zwei Jahren eine zehnte Klasse der Albrecht-Dürer-Realschule in Wiesbaden und eine sechste Klasse des Elly-Heuss-Gymnasiums. "Schulkleidung bleibt halt etwas Äußerliches", sagt Helmut Deckert, "für viele ist der Reiz des Neuen dann schnell weg." Deckert hält Schulordnungen, in denen Verhaltensnormen festgelegt sind, für geeigneter als Uniformen, ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen.

          Korpsgeist und Verantwortungsbewußtsein - hier aber vor allem der Eltern - sollen auch die sogenannten Erziehungsverträge wecken. In einer "Wiesbadener Erklärung" haben Kultusministerin und Landeselternbeirat, ebenfalls 2001, dafür plädiert, daß bis 2006 an allen hessischen Schulen solche Verträge formuliert werden. Eltern sollen sich unter anderem verpflichten, sich um die schulischen Belange ihrer Kinder und deren körperliches und seelisches Wohl zu kümmern.

          Weil das manchem stark nach verordneter Regulierung von Familienangelegenheiten riecht, ist das Erziehungsvertragsmodell, obwohl in Hessen noch kaum über das Stadium der Ankündigung hinaus, oft kritisiert worden, am schärfsten von der Vorsitzenden des Bundeselternbeirats Renate Hendricks. Karin Wolff, die scheidende Präsidentin der Kultusministerkonferenz, will am 3.Dezember bei einer Veranstaltung in Bonn noch einmal laut für die Erziehungsverträge werben. Hendricks bekräftigt im Gespräch mit dieser Zeitung ihre Skepsis. "Solche Verträge sind das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben sind, sie sind ja nicht einklagbar", sagt sie. Selbst für Brennpunkt-Schulen, die häufig unter mangelndem Interesse der Eltern am Schulgeschehen litten, seien "vorgefertige Papiere" wenig sinnvoll, wenn nicht gleichzeitig in die Elternarbeit investiert werde, meint sie. "Man kann nicht die Landschaft mit Verträgen zupflastern und meinen, jetzt ist das Problem gelöst." Jacqueline Vogt

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