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Schule für Clowns in Hofheim : Staatlich anerkannt zur roten Nase

Mit klarer Rollenverteilung: Malu Lehner und Sebastian Russ treten als Musculus und Karlo auf. Bild: Cornelia Sick

Die Schule für Clowns in Hofheim feiert ihren 25. Geburtstag. Ihre Absolventen treten nicht nur auf Varietébühnen auf. Auch Manager werden geschult.

          Paul redet ununterbrochen. Ohne ein einziges Wort zu verstehen, weiß man sofort, was er meint. Er doziert, er schimpft. Selbst wenn er trinkt oder schläft, lässt der Geräuschpegel nicht nach. Dann sind Glucksen und Schnarchen nicht zu überhören. Obwohl allein auf der Bühne, füllt die Figur, die sich Conny Schmidt als ihr Alter Ego ausgedacht hat, den am Vormittag leeren Saal aus. Wenig später sitzt sie mit den anderen diesjährigen Absolventen der Schule für Clowns, zusammen ein halbes Dutzend, vor der Bühne auf den Zuschauerstühlen.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Richard Weber, seit zehn Jahren Dozent und inzwischen Künstlerischer Leiter der Profi-Ausbildung, hat sich während der Generalprobe Notizen gemacht. Jetzt geht er mit den fünf Frauen und dem einen Mann durch, was ihm aufgefallen ist. Muss die Perücke sein, oder wäre es nicht besser ohne? Bei einer Duo-Nummer möchte er eine klarere Rollenverteilung zwischen energischer und zurückhaltender Figur. Die Übergänge könnten fließender sein. Aber Weber wird auch grundsätzlich: „Ihr dürft auf der Bühne nicht denken. Ihr sollt am Tun Spaß haben.“

          Ausbildung zum Clown-Schauspieler

          Das sagt sich leicht, denn für die Absolventen ist die Aufführung am morgigen Abend zugleich der Abschluss ihrer Vollzeitausbildung. Unter den bis zu 200 Zuschauern im Saal werden zwei Vertreter des Wissenschaftsministeriums sitzen. Denn in vier Jahren kann man sich in Lorsbach ganz offiziell zum Clown-Schauspieler ausbilden lassen.

          Manöverkritik: Leiter Richard Weber und der Gründer Michael Stuhlmiller, mit Clown Christine Bublack

          Noch in Mainz, wo Michael Stuhlmiller die Schule 1994 gegründet hat, bekam er dafür die staatliche Anerkennung. 2012 ist die private Berufsfachschule vom ehemaligen Militärflugplatz in Mainz-Finthen in den Hofheimer Stadtteil umgezogen. Stuhlmiller und seine Frau kauften das Gasthaus zum Löwen, dessen Festsaal eine Bühne und die nötige Kapazität für Aufführungen hat.

          „Die waren gar nicht so einfach zu bekommen“

          Die Abschlussaufführung am Freitag um 20 Uhr ist zugleich der Auftakt des Jubiläumswochenendes, mit dem der 25. Geburtstag gefeiert wird. Am Samstagabend zeigen ehemalige Absolventen zur gleichen Uhrzeit eine Alumni-Gala. „Die waren gar nicht so einfach zu bekommen“, sagt Stuhlmiller. Das ist für ihn ein gutes Zeichen. Denn die Clowns sind gut gebucht, in Varietés oder auf Kreuzfahrtschiffen. Ein früherer Schüler ist beim Cirque du Soleil gelandet, ein anderer beim Zirkus Roncalli. Die meisten der Wiesbadener Clown-Doktoren hätten er und die übrigen Lehrer ausgebildet, sagt der Schulgründer.

          Er selbst lädt für Sonntag um 18 Uhr zu einer „Clownesken Vortrags-Show“ ein. Thema: „Die Kunst des spielerischen Scheiterns“ – auch Titel eines von ihm verfassten Buchs. Stuhlmiller ist inzwischen viel als Vortragsreisender unterwegs, spricht an Akademien und vor Führungskräften. „C2B“ nennt er das, „Clown to Business“, und meint das nur halb im Scherz. Mit Atem- und Körperübungen könnten die Teilnehmer lernen, auf unberechenbare Situationen spielerisch zu reagieren. „Positives Denken und laut ,tschakka tschakka‘ rufen reicht nicht“, sagt Stuhlmiller. Während ehemalige Leistungssportler Manager das Fokussieren auf ein Ziel lehren, lautet die Weisheit des Clowns: „Wer führen will, muss kippen können.“ Damit ist die Alternative zum Fallen mit hartem Aufschlag gemeint. Kippen setzt Energie für Unerwartetes frei.

          Anfangs viel Beachtung

          Die Clownschule fand anfangs viel Beachtung, weil der Name nach Slapstick im Hauptfach klingt. Aber der Spaßmacher, der beim Kindergeburtstag Luftballons aufbläst und im Zirkus den dummen August spielt, ist für Stuhlmiller ein falsches Klischee. „Die gesellschaftliche Funktion des Clowns hat uns von Anfang an begleitet.“ Schon in Finthen habe er mit Sigrid Karnath keine typischen Clown-Stücke entwickelt. Der Schauspieler und Musiker hat zuvor unter anderem mit der Künstlergruppe Heinrich Mucken an der Documenta teilgenommen.

          Mittlerweile sind die Fähigkeiten des Clowns jenseits von Klamauk viel stärker ins Bewusstsein gerückt. Clown-Doktoren, die in Krankenhäusern mit Kindern arbeiten, kennt heute jeder. Auch Schmidt ist in dieser Funktion in Kliniken unterwegs. Außerdem will die examinierte Altenpflegerin mit Hilfe ihrer Ausbildung Menschen mit und ohne Behinderung „Freiheit durch Spiel und Spaß“ vermitteln. Die Arbeit mit alten und dementen Menschen ist ein weiteres Feld, auf dem Clowns inzwischen tätig sind. An der Clownschule gibt es neben der Profi-Ausbildung auch Weiterbildungsangebote und Kurse zur Kommunikation.

          Mehr als 1000 Clowns haben in den vergangenen 25 Jahren die Schule besucht. Andere zum Lachen zu bringen oder ihnen zumindest ein Lächeln zu entlocken zählt dabei nach wie vor zum Grundprinzip. Wenn die Absolventen morgen ihre Show zeigen, soll ihnen die Ausbildung dafür nicht nur die schauspielerischen und pantomimischen Techniken vermittelt haben. Stuhlmiller beschreibt das so: „Sie spielen nicht, weil sie motiviert, sondern weil sie inspiriert sind.“

          Für die Abschlussshow, die Alumni-Gala und den Vortrag gibt es noch Karten an der Abendkasse. Reservierungen unter info@clownschule.de oder der Telefonnummer 06192/9613746.

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