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Landwirtschaft : Schritt für Schritt zum Mindestlohn für Erntehelfer

Ferienjob: Viele Saisonarbeiter nehmen in ihrer osteuropäischen Heimat für die Weinlese eigens Urlaub – auch sie würden vom Mindestlohn profitieren. Bild: Kretzer, Michael

8,50 Euro in der Stunde für Erntehelfer – das wären gut 20 Prozent mehr als jetzt. „Einen solchen Aufschlag bei einer Flasche Wein zahlt kein Kunde“, sagt ein Winzer aus dem Rheingau. Doch die Politik weist nun auf einen Ausweg hin.

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          Etwa 10.000 Flaschen Wein je Hektar: Diese Zielvorgabe setzt sich Ulrich Allendorf für eine normale Ernte in seinen Weinbergen im Rheingau. Um die entsprechenden 7500 Liter erreichen zu können, müssen der Winzer aus Oestrich-Winkel und seine Mannschaft eine Menge Arbeitsstunden aufbringen. Übers Jahr gerechnet, kommen bis zu tausend zusammen. Stunden, die seinen Betrieb bares Geld kosten, bevor der Verkauf ihm etwas einbringt. Deshalb verfolgt Allendorf die seit Wochen laufende Diskussion über einen flächendeckenden Mindestlohn genau. Er weiß: Kommt der geplante Mindestlohn von 8,50 Euro in der Stunde auch für Erntehelfer, dann wird er 21,4 Prozent höhere Lohnkosten schultern müssen als gegenwärtig. Wie er das schaffen soll, steht dahin. Eines weiß er aber durchaus: „Das kann man nicht zu Lasten der Marge machen.“

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Derzeit gilt für Winzer ebenso wie für die Land- und Forstwirtschaft ein Tariflohn von sieben Euro für eine Stunde. Seit dem Juli vergangenen Jahres zahlt Allendorf als Mitglied des land- und forstwirtschaftlichen Arbeitgeberverbands Hessen diesen Betrag, ebenso wie alle anderen ihm bekannten Winzer im Rheingau, wie er sagt. Zuvor hatte der Stundenlohn bei lediglich sechs Euro gelegen. Anders gesagt: Allendorf und Kollegen müssen ihren Aushilfen seit dem vergangenen Juli ohnedies schon 16,6 Prozent mehr zahlen. Und er beschäftigt 70 Erntehelfer. Sollte, wie geplant, zum 1.Januar 2015 der Mindestlohn von 8,50 Euro eingeführt werden, stiegen die Kosten für 70 Helfer je Acht-Stunden-Tag von 3920 Euro auf 4760 Euro.

          Missverhältnis zum Lehrlingsgeld

          Das bereitet dem Winzer nicht nur deshalb Kopfzerbrechen, weil er die Preise für seinen Wein nicht in gleichem Maße anheben kann: „Eine Flasche, die jetzt knapp zehn Euro kostet, für zwölf Euro anzubieten – das zahlt kein Kunde.“ Wein sei ein „preissensitives“ Produkt. „Es gibt Preisschwellen, die wandern nur ganz schwer nach vorne“, gibt er zu bedenken. Zudem ernte ein Winzer nicht in jedem Jahr die gleiche Menge. Sinke die Menge im Vergleich zum Vorjahr, stiegen die Kosten je Flasche – ohne aber dass die Preise Schritt hielten.

          Dessen ungeachtet zweifelt Allendorf den Sinn eines Mindestlohns für alle Aushilfen an. Viele seiner Saisonarbeiter kämen aus Polen und nähmen sich einige Wochen Urlaub, um Trauben zu ernten. „In diesen Fällen geht es nicht um den Erstlohn, mit dem jemand seinen Lebensunterhalt und den seiner Familie verdient – es geht um einen Zusatzverdienst“, erläutert er. Diese Mitarbeiter seien mit jungen Leuten aus dem Ort vergleichbar, die sich Geld bei einem Ferienjob verdienten. Einen auskömmlichen Lohn für langfristige Mitarbeiter festzulegen sei dagegen aus seiner Sicht in Ordnung. Außerdem sieht er ein drohendes Missverhältnis bei der Entlohnung von Saisonarbeitern einerseits und Auszubildenden andererseits: „Ein Lehrling, der mehr Verantwortung hat, soll weniger kriegen als eine Aushilfe?“

          Spargel nicht mehr konkurrenzfähig

          Der hessische Bauernverband sieht auch und gerade die Spargel- und Erdbeerbauern als mögliche Verlierer des geplanten Mindestlohns. Sie setzen eine große Zahl der insgesamt 3250 Erntehelfer ein, die zuletzt von den Arbeitsagenturen in Hessen gezählt worden sind. Ein Gesetz ohne Ausnahmeregelung für Saisonarbeiter sei „für die Praxis untragbar“, kritisiert Bauernpräsident Friedhelm Schneider. Kaum eine Branche sei so sehr von den aktuellen Marktverhältnissen abhängig wie die der Sonderkulturbetriebe, führt er zur Begründung an. Spargel aus Südhessen würde deutlich teurer und wäre nicht mehr konkurrenzfähig im Vergleich zu Ware etwa aus Griechenland.

          Schon heute schauten viele Kunden sehr genau auf den Preis, heißt es dazu auf dem Spargelhof Görlich in Groß-Gerau. 1-A-Ware zu 6,50 bis 8,50 Euro für das Kilo kauften am Ort nur die wenigsten Kunden. „Spargel ist eben kein Grundnahrungsmittel.“ Die Familie Görlich beschäftigt nach eigenen Angaben derzeit zwar nur zwei Aushilfen, aber auch sie bekämen im Fall eines Mindestlohns ein gutes Fünftel mehr für ihre Arbeit als jetzt. Die Saison erstrecke sich über bis zu sieben Wochen, wobei die Kräfte je nach Wetterlage zwischen vier und 14 Stunden auf den Feldern seien.

          Fleischer können 8,50 Euro unterschreiten

          Damit Spargelbauern und Winzer nicht in die Lohnkostenfalle laufen, schwebt dem Bundesarbeitgeberverband und der Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt eine Tariftreppe vor: Demnach soll der Stundenlohn für Saisonarbeiter bis zum 1.Juli 2016 in drei Schritten auf 7,90 Euro klettern, bevor dann 8,50 Euro erreicht würden. Um den Stufenplan zu verwirklichen, müssen die Tarifpartner aber einige Bedingungen erfüllen, wie es im Bundesarbeitsministerium heißt. Als Erstes müsse ein bundeseinheitlicher Tarifvertrag abgeschlossen werden, der per Entsendegesetz allgemeinverbindlich erklärt würde. Dazu müsse erst einmal die gesamte Landwirtschaft in dieses Gesetz aufgenommen werden – was die Bundesregierung ermöglichen wolle.

          Landwirte und Winzer könnten dem Beispiel der Friseure und der Fleischer folgen. Der einheitliche Fleischer-Tarifvertrag werde im Sommer für allgemeinverbindlich erklärt, heißt es, auch für Mitarbeiter aus dem Ausland. In der Folge dürften die Fleischer bis Ende 2016 den Mindestlohn unterschreiten. Ganze Branchen von der Mindestlohnregel ausnehmen will das Arbeitsministerium aber einem Sprecher zufolge auf keinen Fall.

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