https://www.faz.net/-gzg-7yhz0

Translationale Medizin : Schneller und billiger zu neuen Arzneien

Probenlabor: Das Institut für Klinische Pharmakologie der Uni Frankfurt erforscht die Wirkung von Arzneien Bild: Röth, Frank

In Frankfurt hat das Loewe-Zentrum für Translationale Medizin seine Arbeit aufgenommen. Seine Forschungen sollen Patienten Leid und Pharmakonzernen Milliardenkosten ersparen.

          3 Min.

          Alexander Fleming hat das Penicillin entdeckt, weil er über die Sommerferien schlampigerweise eine Staphylokokkenkultur in seinem Labor verschimmeln ließ. Damit aus dem bakterientötenden Pilzgift ein Medikament wurde und das erste Antibiotikum nicht das einzige blieb, war allerdings eine Menge sorgfältiger Laborarbeit nötig. So funktioniert die Entwicklung neuer Arzneimittel - als eine „Mischung aus zielgerichteter Forschung und Zufall“, wie Gerd Geisslinger erklärt.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie am Frankfurter Uniklinikum hat es sich zur Aufgabe gemacht, dem Zufall auf die Sprünge zu helfen. Jetzt auch mit Geld aus der hessischen Forschungsinitiative Loewe: Geisslinger ist Sprecher des neuen Loewe-Zentrums für Translationale Medizin und Pharmakologie, das bis 2017 vom Land mit rund 20 Millionen Euro gefördert wird. Wissenschaftler der Universität, der Fraunhofer-Gesellschaft und des Max-Planck-Instituts für Herz- und Lungenforschung in Bad Nauheim suchen dort gemeinsam nach medikamententauglichen Wirkstoffen und entwickeln Methoden, mit denen sich die Brauchbarkeit solcher Substanzen vorhersagen lässt.

          Eine Milliarde Dollar für neue Arznei

          Translationale Medizin wird im Grunde betrieben, seit Menschen systematisch Arzneien herstellen. Es geht dabei um den Weg von der Therapie-Idee über den Reagenzglasversuch und das Tierexperiment hin zur klinischen Erprobung. Ein mühsamer und vor allem enorm teurer Weg, wie Geisslinger deutlich macht: „Schon heute kostet eine Arzneimittel-Innovation mehr als eine Milliarde Dollar.“ Und die Ausgaben je neues Medikament stiegen weiter, vielleicht bald auf bis zu vier Milliarden. Diesen Entwicklungsprozess effizienter zu machen ist das Ziel der Forscher, die sich heute mit translationaler Medizin befassen.

          In Deutschland gibt es auf diesem Gebiet großen Nachholbedarf. „In den vergangenen Jahren kamen ungefähr 50 Prozent der Pharma-Innovationen aus den Vereinigten Staaten“, sagt Geisslinger. „Und davon wiederum haben rund 60 Prozent ihren Ursprung aus den Universitäten heraus.“ Überraschend ist das nicht: In Amerika gibt es nach den Worten des Professors über das Land verteilt 62 Zentren für translationale Medizin, die vom Staat über fünf Jahre jeweils bis zu 100 Millionen Dollar bekommen.

          Auch wenn das Loewe-Zentrum nicht so üppig ausgestattet wird, ist Geisslinger dem Land Hessen nach eigenen Worten sehr dankbar für dessen Unterstützung. Er hofft, dass nun vor allem das Potential der Universitäten besser genutzt werden kann: Uni-Forscher hätten den Vorteil, dass sie sich nicht an so strikte Zielvorgaben halten müssten wie die Kollegen in den Labors der Pharmakonzerne. So könnten sie jenseits abgesteckter Pfade wissenschaftliches Neuland entdecken.

          Forschung an Substanz gegen MS

          Manchmal führen solche Seitenwege zu der Erkenntnis, dass ein altbekanntes Medikament auch gegen eine ganz andere Krankheit wirkt. Wie Geisslinger berichtet, experimentieren Loewe-Forscher gerade mit einer Substanz, die womöglich gegen Multiple Sklerose wirkt, aber schon länger als Therapeutikum zu anderen Zwecken im Einsatz ist - welchen, darf er aus Patentschutzgründen nicht sagen. Ebenfalls getestet werde ein Verfahren, das zum Beispiel Brustkrebspatientinnen eines Tages die Chemotherapie erträglicher machen solle: Ziel sei, die starken Nervenschmerzen zu unterbinden, die oft bei der Behandlung mit Zellgiften der Taxan-Klasse aufträten.

          Ob ein Arzneimittel überhaupt solche unerwünschten Effekte hat, wollen Forscher möglichst früh im Entwicklungsprozess herausfinden. Schlimmstenfalls kann es laut Geisslinger passieren, dass sich die Unverträglichkeit eines Medikaments oder gravierende Nebenwirkungen erst in den letzten klinischen Studien vor der Zulassung zeigen - dann habe der Hersteller möglicherweise einen Milliardenbetrag umsonst ausgegeben. Im Loewe-Zentrum sollen deshalb neue Modelle entwickelt werden, mit denen die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Substanzen vorausgesagt werden kann. Ein Projekt zielt darauf, die Entstehung von Schmerzen an Testpersonen im Labor nachzuvollziehen und die Resultate mit klinischen Befunden zu vergleichen. Auch Geisslinger selbst befasst sich mit solchen Schmerzforschungen.

          Neues Fraunhofer-Institut im Sinn

          Noch arbeiten der Pharmakologe und seine am Loewe-Zentrum beteiligten Hochschulkollegen in den medizinischen und pharmazeutischen Instituten der Goethe-Universität. Wenn alles gutgeht, können manche von ihnen aber in ein paar Jahren in ein eigenes Institut umziehen. Schon jetzt gibt es innerhalb des Zentrums eine Fraunhofer-Projektgruppe mit rund 35 Mitarbeitern. Sie soll Geisslinger zufolge dank des Loewe-Geldes auf 80 bis 90 Köpfe wachsen; auch an die Einrichtung zweier neuer Professuren sei gedacht. In zwei Jahren werde abermals geprüft, ob die Gruppe den Fraunhofer-Kriterien für anwendungsorientierte Forschung genüge. Falls ja, könnte sie in ein neues Fraunhofer-Institut in Frankfurt überführt werden, das irgendwann um 2020 eröffnet werden könnte. Einen Standort für das Institutsgebäude gebe es schon: das Gelände der alten Uniklinik-Wäscherei, die bald abgerissen werde.

          Alle Gebiete der translationalen Medizin werden weder das Loewe-Zentrum noch ein künftiges Fraunhofer-Institut abdecken können. Forschungsschwerpunkte des Zentrums seien Entzündung, Autoimmunkrankheiten und Schmerz, sagt Geisslinger. Die Krebsmedizin überlassen er und seine Kollegen ebenso anderen Einrichtungen wie die Suche nach neuen Antibiotika. Doch wenn irgendwann ein Fehler im Labor zu einem kuriosen Ergebnis führt, werden sie vielleicht trotzdem an Alexander Fleming denken.

          Weitere Themen

          Nordisch by nature

          Norwegische DJs in Frankfurt : Nordisch by nature

          Das Gastland der Buchmesse zieht so einige berühmte Künstler in die Stadt. Nun legen norwegische DJs wie Todd Terje und Prins Thomas in Frankfurt auf. Und sorgen für schräge Partys.

          Topmeldungen

          „Märsche für die Freiheit“ : Barcelona im Ausnahmezustand

          Die Proteste gegen das Urteil im Separatistenprozess legen die Stadt und weite Teile Kataloniens lahm. Die „Sagrada familia“ wurde geschlossen, dutzende Flüge abgesagt – und eines der wichtigsten Fußballspiele Spaniens verschoben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.