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Schneiderinnen aus Wiesbaden : Ins kalte Wasser gesprungen

  • -Aktualisiert am

Fast wäre es Zahnmedizin geworden: Lara Renner Bild: Frank Röth

Die Welt besser machen. Die Kleider schöner, die Textilien nachhaltiger, die Kundinnen glücklicher. Ein Handwerk pflegen: Maßschneiderei. Vier junge Wiesbadenerinnen tun das.

          Schon in der Kindheit hatte Lara Renner zu nähen begonnen. Beide Großmütter waren Schneiderinnen, ihre Eltern aber seien „eher akademisch“, sagt sie, ihr Stirnrunzeln hätte sie beinahe dazu gebracht, Zahnmedizin zu studieren. In der Warteschleife für die Zulassung zum Studium vertrieb sie sich die Zeit beim Kostümbild im Wiesbadener Staatstheater. Dort berichtete ein anderes Mädchen von einem Haute-Couture-Atelier noch düsterer, als es die Prophezeiungen der Eltern gewesen waren: Gnadenlose Härte herrsche dort, im Salon Topell an der Wiesbadener Wilhelmstraße, die Chefin führe ein strenges Regiment. Für Lara Renner klang das nicht abschreckend, sondern interessant. Sie packte ihre schönsten Kreationen, erschien bei Lollo Grund, der Designerin von Topell, breitete alles vor ihr aus. Die eine schwieg und prüfte, die andere schwieg und wartete. Schließlich sah Lollo Grund auf und sagte: „Kommen Sie morgen für eine Probewoche.“ Renner kam und blieb neun Jahre lang, die letzten vier davon als Meisterin mit der Auszeichnung „Beste des Jahrgangs“. Nach einem Intermezzo bei „Pio O’Kan Couture“ in Düsseldorf („dort habe ich eher verlernt, als dazugelernt“) eröffnete sie 2013 ihren Laden „Lara Loca Couture“ an der Hermannstraße.

          Hin- und hergerissen scheint Renner zwischen Goethes „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“ und Coco Chanels Maxime vom richtigen Weglassen. Mit ungeheurem Fleiß entwirft sie Abendroben und Hosenanzüge, besonders aber Chanel-Varianten in verschwenderischem Umgang mit Bordierungen. Für Unentschlossene hält sie einen üppigen Vorrat an Stoffen in allen Farben parat, und so stressverliebt sie sonst auch sein mag, das erste lange Gespräch mit einer Kundin über das Was und Wie absolviert sie mit großer Geduld. Am Wochenende ruhen? Um Himmels willen.

          Hauptanliegen: Nachhaltigkeit

          Galatea Ziss mag weder Pailletten noch Perlen und auch keinen Chiffon. In dieser ihrer zweiten Saison orientiert sie sich an Bauhaus-Ideen: klare Linien, mutige Ornamente und nur wenige Farben je Kollektion. Geboren in Wuppertal, wuchs Ziss in Wiesbaden auf. Zielstrebig absolvierte sie nach dem Abitur ihre Ausbildung bei Heike Rahusen-Marsch, Obermeisterin der Maßschneiderinnung Rhein-Main, und machte sich dann auf nach Paris. Erste Station Atelier Caraco-Canezou, das vor allem für Dior, Givenchy, Chanel und Gaultier arbeitet, sobald die Haute-Couture-Schauen bedrohlich näher rücken. Akribisch hatte sich die Atelierchefin Claudine Lachaud auch in die Geschichte der Mode eingearbeitet und damit für historische Garderoben von Film- und Theaterproduktionen wie auch für Shows profiliert. Holiday on Ice zum Beispiel überlässt Caraco-Canezou regelmäßig große Aufträge.

          Leiser Witz und klare Formen: Galatea Ziss

          Ziss war von der kreativen Atmosphäre und der handwerklichen Herausforderung hingerissen, doch während der Wochen, in denen sie mit einer anderen Praktikantin auf eine Haute-Couture-Robe Glitzer stichelte, schwante ihr doch, Frankreich sei von Fernost nicht allzu weit entfernt. Die Robe würde für eine hohe fünfstellige Summe verkauft werden, an die Praktikantinnen aber würde kein Cent fließen. Die wenigsten ihrer französischen Kolleginnen waren festangestellt - weltweit prekäre Arbeitsverhältnisse in der Modebranche. Und dennoch: Paris war Paris! In London ließ sich Vivienne Westwood von Ziss’ Talent überzeugen und ließ sie im Bereich der Showpieces arbeiten, dem „Gold Label“ Westwoods. Ziss genoss die enge Zusammenarbeit der Designerin und ihres Mannes Andreas Kronthaler mit den Mitarbeitern. Bezahlung? Siehe Paris. Doch Westwood hatte sich die begabte Deutsche gemerkt: Vor der nächsten Show holte sie Ziss zurück und beschäftigte sie ganz offiziell als freie Mitarbeiterin, eine große Ehre und sogar bezahlt. Schüler des Central Saint Martins College of Art and Design wurden auf sie aufmerksam, und da die Studenten dieser renommierten Mode-Schule vollendete Entwürfe beim Examen vorzeigen, aber nichts davon selbst nähen müssen, engagierten etliche von ihnen Ziss direkt von Westwood weg.

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