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Schnaps aus Kriftel : Erdbeerbrand als lokale Pflicht

  • -Aktualisiert am

Prost: Ralf (links) und Holger Henrich lassen es sich schmecken. Bild: Sick, Cornelia

Holger und Ralf Henrich, Aromaschnüffler aus Kriftel, produzieren gut 30 verschiedene Brände und Liköre. Bei der internationalen Edelbrandmeisterschaft in Wien gewannen sie jüngst die Bronzemedaille als „Edelbrenner des Jahres 2013“

          Jüngst stand auf dem Obsthof am Berg eine Woche lang die Arbeit am Brennkessel still. Holger Henrich lag buchstäblich auf der Nase, und das Riechorgan seines Bruders Ralf war wegen einer Erkältung ebenso schwer in Mitleidenschaft gezogen. Ohne ihren Geruchsinn aber sind die beiden 32 und 35 Jahre alten Aromaschnüffler quasi berufsunfähig. Denn Voraussetzung für einen qualitativ hochwertigen Edelbrand ist dessen „sensorische Beurteilung“, wie die Künstler an der Destille sagen. Kein Computer könne die eigene Nase oder die Geschmacksnerven ersetzen.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Wie gut ihre für die Arbeit wesentlichen Sinne funktionieren, haben die Krifteler jüngst abermals unter Beweis gestellt. Bei der internationalen Edelbrandmeisterschaft in Wien gewannen sie die Bronzemedaille als „Edelbrenner des Jahres 2013“. Und in vier Kategorien holten sie gegen die Konkurrenz aus 163 Brennereien aus der ganzen Welt die Goldmedaille.

          Obst in der dritten Generation

          Höchstnoten gab es für die beiden im Cognacfass gereiften Brände „Alter Apfel“ und „Alte Zwetsche“, aber auch der hauseigene Whisky „Gilors“ - was im Gälischen goldenes Wasser bedeutet - kam bei den Prüfern ob seiner dreijährigen Reifung in Portwein- und Sherryfässern gut an. Und was andere Aroma-Meister wegen des schnell verfliegenden Aromas ungern tun, war für die Bürger der Erdbeergemeinde wohl eine Pflicht: Sie experimentierten solange mit den auf eigenen Feldern gezogenen Früchtchen, bis sie einen Erdbeerbrand destillieren konnten, der ebenso mit Gold prämiert wurde. „Nach dieser Ehrung fühlte ich mich wie im siebten Brennerei-Himmel“, gesteht Ralf, der jüngere der Henrich-Brüder.

          Den Krifteler Obsthof am Berg gibt es schon in dritter Generation, aber erst die beiden Diplom-Ingenieure für Getränketechnologie spezialisierten sich auf das in Hessen rare Geschäft. Landesweit gebe es nur etwa 30 Brennereien, sagen sie. Da sich der 1970 an den Ortsrand ausgelagerte Betrieb hervorragend für eine Brennerei eignete, habe der Vater schon 1983 einem Odenwälder Bauern dessen Brennrecht abgekauft. Dies galt allerdings lediglich für die Produktion von 300Litern Edelbrand im Jahr, was „unser beider Familien nicht ernährt hätte“, sagt Holger Henrich. Der Zoll habe Anträge auf eine zweite Brennerei zunächst abgelehnt, nach zwei Jahren des Nachhakens aber doch zugestimmt.

          „Auf die Zutaten kommt es an“

          Heute produzieren Henrichs bis zu 2000 Liter jährlich und gut 30 unterschiedliche Brände und Liköre. Im Frühsommer öffnen sie eine Apfelwein-Straußenwirtschaft am Hang, und der Hofladen, gefüllt mit jeder Menge Hochprozentigem, kann täglich besucht werden. Die Kunden kommen überwiegend aus dem Rhein-Main-Gebiet, aber auch Italiener oder Österreicher ordern ihre Lieblingsschnäpse online.

          Das Geheimnis ihres Handwerks verraten die Brüder gerne: „Auf die Zutaten kommt es an.“ Früchte müssten nicht schön aussehen, aber gereift sein und einen sehr guten Geschmack haben. Der Vorgang des Destillierens mit dem Erhitzen der Früchte und dem Auffangen des Konzentrats sei vom Prinzip her zwar kinderleicht. Aber die wirkliche Arbeit beginne erst danach.

          Das „Herzstück“ statt „Fusel“ und „Gesöff“

          So werde der Vorlauf, der aus giftigem Methanol bestehe, und der Nachlauf, der tatsächlich im Fachjargon „Fusel“ genannt werde, stets weggeschüttet. Dem Fachmann gehe es um das „Herzstück“, den Mittellauf. In einer soliden Brennerei sei Qualität immer wichtiger als Masse. Eindringlich warnen die Brüder vor „Selbstgebranntem“, wie er gerne an Urlaubsorten im ehemaligen Jugoslawien kredenzt werde. Dabei handele es sich meistens um Schnaps mit hohen Methanolanteilen - und ein solches „Gesöff“ könne tatsächlich blind machen, sagt Holger Henrich.

          Ihre eigenen Produkte genießen Henrichs nur sehr maßvoll. Wie der Winzer bei der Geschmacksprobe den Wein so spukten auch sie den Brand hinterher aus. Höchstens mit Freunden ließen sie sich ab und zu einmal ein Schlückchen aus eigenen Beständen schmecken. Holger Henrich greift am liebsten zum Apfelweinbrand, Ralf mag den exotischen Orangenschnaps. Den hauseigenen Whisky können beide derzeit nicht genießen - das „goldene Wasser“ aus Kriftel ist ausverkauft, es gibt Wartelisten. Aber es winkt den Kunden ohnehin schon wieder etwas Neues: Die Aromaschnüffler wollen sich demnächst an einem Vogelbeeren-Brand versuchen.

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