https://www.faz.net/-gzg-7ryi2

Schnakenplage : Taugenichts mag Regen und tropische Wärme

  • -Aktualisiert am

Quälgeisterkinder: Mückenlarven aus einem Schilfgraben in Lampertheim Bild: Michael Kretzer

Mit jeder Hochwasserwelle geht die Arbeit von vorne los: Die Bekämpfer der Schnakenplage am Rhein haben es jährlich mit zwei Billionen Mückenlarven zu tun. Auch in den Nidderauen vermehren sich Schnaken über Gebühr.

          3 Min.

          Monsunartige Regenfälle in Kombination mit tropischen Temperaturen: Das ist eine Wettermischung, die den Stechmückenbekämpfern am Rhein gar nicht gefällt. Vor wenigen Tagen erst sind die Hubschraubereinsätze zu Ende gegangen, bei denen der für Schnakenlarven tödliche Eiweißstoff Bacillus thuringiensis israelensis (BTI) aus der Luft über einer Fläche von rund 6000 Quadratkilometern abgeworfen wurde. Da rollt schon die nächste Hochwasserwelle den Fluss hinab. So dass in den Brutgewässern links und rechts des Stroms, in denen die dort abgelegten Eier durchaus bis zu zehn Jahre auf den für sie „richtigen Moment“ warten können, abermals neue Plagegeister heranwachsen.

          Markus Schug
          Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Deshalb werden die Helikopter bald wieder aufsteigen, um das von ihnen mitgeführte BTI-Eisgranulat entlang der 300 Kilometer langen Strecke von Bingen bis zum Kaiserstuhl zu verteilen. Weil das allein aber nicht reicht, dürften sich in den nächsten Tagen zusätzlich bis zu 300 mit Sprühgeräten ausgestattete Helfer zu Fuß an der als umweltfreundlich geltenden Stechmückenbekämpfung beteiligen.

          Seit 1976 im Abwehrkampf vereint

          Wenngleich das längst nicht allen Naturschutzgruppen gefällt, haben sich seit 1976 rund 100 Rheinanlieger - Städte, Gemeinden, Kreise und Länder - im Verein „Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage“ (Kabs) zusammengeschlossen. Zwischen drei und vier Millionen Euro stünden jährlich zur Verfügung, um zwischen März und September möglichst viele der schätzungsweise zwei Billionen Überschwemmungsmücken zu töten, ehe sie zu nervenden Blutsaugern werden, erklärte Kabs-Direktor Norbert Beckerim Gespräch mit dieser Zeitung. Er jedenfalls könne sich noch gut an die siebziger Jahre erinnern, als entlang des Rheines vielerorts nicht an Draußensitzen zu denken war und sich Anlieger in höchster Not gar in Neoprenanzügen in ihren Gärten aufhielten.

          In den vergangenen Jahren habe man gelernt, zwischen 95 und 98 Prozent der Mückenlarven dadurch zu töten, dass der einmal von ihnen aufgenommene Eiweißstoff deren Darm zerstöre; dies geschehe, ohne andere Tiere zu gefährden. Den Vorwurf, man nehme Fröschen und Vögeln dadurch Nahrung weg, will Becker, der an der Universität Heidelberg als Dozent für Ökologie tätig ist, nicht gelten lassen. Der schleichende Rückgang der Landwirtschaft sei da sicher gravierender, denn die Larven der Rheinschnake „Aedes vexans“ stünden den Fröschen und Vögeln in den Auengebieten ja ohnehin nur während der meist doch recht kurzen Überschwemmungszeiten zur Verfügung.

          120 Tonnen Eiskristalle

          Einmal groß geworden könne der „Quälende Taugenichts“ - so die Übersetzung des lateinischen Begriffs - den Menschen dann ganz schön zusetzen. Weshalb sich auch die Stadt Mainz ihre Kabs-Mitgliedschaft etwa 80.000 Euro im Jahr kosten lässt. Umgerechnet auf rund drei Millionen Anwohner des Ober- und Mittelrheins schlage die Bekämpfung der Stechmücken pro Saison etwa mit 1,30 Euro je Person zu Buche, so Becker. Bis Juli seien bereits 120 Tonnen Eiskristalle zum Einsatz gekommen. Dabei könnte dieser „Sommer der Wetterextreme“ den Kabs-Mitarbeitern wohl noch einige Hochwasserlagen bescheren. Für die eher standorttreuen Waldstechmücken sowie die gerne in Teichen, Regentonnen, verstopften Dachrinnen und der Kanalisation brütenden Hausschnaken ist der Verein laut Becker übrigens nicht zuständig. In diesen Fällen müsse jeder Bürger selbst sehen, wie er mit den penetranten Plagegeistern allein fertig werde.

          Larven großflächig bekämpft

          Doch nicht nur am Rhein plagen Stechmücken die Anlieger: Nach den starken Regenfällen in den vergangenen zwei Wochen haben sich die Stechmücken in den Nidderauen massenhaft vermehrt. Nach einer Mitteilung des Altenstädter Bürgermeisters Norbert Syguda (SPD), der Vorsteher des 1988 gegründeten Zweckverbands zur Bekämpfung der Schnaken in den Nidderauen ist, konnte wegen zwei Hochwasserwellen die Plage nicht rechtzeitig eingedämmt werden. Dem Zweckverband gehören die Wetteraukommunen Altenstadt und Limeshain sowie die Gemeinde Schöneck und die Stadt Nidderau im Main-Kinzig-Kreis an.

          Als nach einem ersten Hochwasser großflächig die Larven mit einem speziellen Wirkstoff bekämpft werden sollten, sei die Nidder abermals an vielen Stellen über die Ufer getreten und habe die Schnakenlarven über mehrere hundert Hektar verteilt. Danach seien die Temperaturen auf mehr als 30 Grad gestiegen, so dass sich die meisten Larven verpuppt hätten und daher nicht hätten bekämpft werden können.

          In den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten ist es dem Zweckverband nach den Worten Sygudas durch das großflächige Verteilen des zur Verfügung stehenden Wirkstoffs meist gelungen, Schnakenplagen zu vermeiden oder zumindest einzudämmen. Die derzeitige Schnakenplage habe jedoch nicht vermieden werden können. Die derzeitige massive Beeinträchtigung könne nun auch nicht mehr spürbar beeinflusst werden.

          Weitere Themen

          Falschfahrer verursachte Unfall auf A5

          Vier Tote : Falschfahrer verursachte Unfall auf A5

          Nach dem Unglück mit vier Toten gilt ein 33 Jahre alter Mann als Schuldiger. Ungeklärt ist jedoch, warum er in falscher Richtung unterwegs war. Ein Verkehrsexperte der Polizei erklärt, wie kompliziert die Spurensuche ist.

          Wie man eine Bierflasche auftreten kann Video-Seite öffnen

          Geht doch : Wie man eine Bierflasche auftreten kann

          Es gibt viele Möglichkeiten, Bierflaschen aufzumachen. Mit dem Feuerzeug, am Bierkasten oder auch mit dem zwölfer Schraubschlüssel aus der Werkzeugkiste. Es geht aber auch spektakulärer, wie F.A.Z.-Redakteurin Marie Lisa Kehler zeigt.

          Topmeldungen

          Mitarbeiter einer lokalen Wahlkommission leeren am Sonntag eine Wahlurne in einem Wahllokal in Moskau.

          Duma-Wahl : Ließ Putin mit E-Voting das Wahlergebnis fälschen?

          Einiges Russland ist laut offiziellen Zahlen der klare Sieger der Duma-Wahl. Doch die Auszählung der online abgegebenen Stimmen deutet auf Betrug hin. Die Opposition spricht von „irrwitzigen Ergebnissen“.
          Präsident Joe Biden am Freitag

          Ab November : USA heben für Geimpfte Einreisestopp auf

          Lange hatte Joe Biden an den strengen Einreisevorschriften festgehalten, die sein Vorgänger wegen der Pandemie erlassen hatte. Doch von November an sollen Reisen wieder leichter möglich sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.