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Schlecker-Insolvenz : Neue Chancen nach dem Schlecker-Drama

Schöner neuer Arbeitsplatz: Manche Schlecker-Frau konnte mit Hilfe der Frankfurter Arbeitsagentur bei Rewe, im Bild der Markt an der Heidestraße, anfangen. Bild: Seuffert, Felix

Ganz so einfach, wie mancher zunächst glaubte, ist die Vermittlung der Schlecker-Frauen nach der Pleite der Drogeriekette nicht. Doch mit umtriebigen Vermittlern und guten Kontakten in die Wirtschaft lassen sich Erfolge erzielen. Beispiele aus der Frankfurter Arbeitsagentur.

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          Heike Jung kann mit Leuten. Die aufgeschlossene und sprachgewandte Frau, die zuletzt zehn Jahre im inzwischen liquidierten Reich von Anton Schlecker ihren Lebensunterhalt verdiente, hat nur ein Handicap. Sie ist keine Fünfundzwanzig mehr. Die Frau, die es gewohnt ist, auf eigenen Füßen zu stehen, kennt die Chancen einer Einundfünfzigjährigen auf dem Arbeitsmarkt genau. Sie weiß, dass sie eigentlich nicht gut sind und dass die Reden über die wertvollen, weil erfahrenen älteren Mitarbeiter nicht viel Wert haben, wenn es zum Schwur kommt. Wenn es tatsächlich darum geht, nicht mehr ganz jungen Frauen oder Männern einen neuen Vollzeitarbeitsplatz mit Einzahlungen in die Sozialversicherungen und fairer Bezahlung zu verschaffen. „Wenn man das Alter hat, ist es bei Bewerbungen erst einmal uninteressant, wie gut und fit man selbst sich fühlt oder wie jung man vielleicht aussieht. Das Alter steht schwarz auf weiß auf dem Papier, und so sind auch die Chancen“, sagt sie.

          Jochen Remmert

          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Umso mehr freut sich Jung, dass ihr die Handelskette Rewe trotzdem einen neuen Arbeitsplatz geboten hat, vermittelt von der Arbeitsagentur Frankfurt. Dass ihre neue Stelle in der Frische-Abteilung des Marktes an der Frankfurter Heidestraße nicht weit von ihrer Wohnung entfernt ist und sie noch dazu prompt das Angebot zu einer Abteilungsleiter-Fortbildung bekommen hat, lässt ihr Lob für den Lebensmittelkonzern und ihre neuen Chefs noch entschiedener ausfallen. Allzu verwunderlich ist das schon deshalb nicht, weil Jung zuvor den langsamen Niedergang von Schlecker mit allen Ängsten, allem Hoffen und dem Scheitern aller Rettungsbemühungen durchlebt und durchlitten hat, so wie viele ihrer gut 20000 Kolleginnen.

          Die Jobvermittler haben alles im Blick

          Auch was den Verdienst betrifft, gehört Jung zu den glücklicheren unter den ehemaligen Schlecker-Frauen, denn sie verdient im neuen Job kaum weniger als zuvor. Das ist nicht immer so im Handel, denn Schlecker galt zwar als ein Arbeitgeber, der seine Mitarbeiter gern kujonieren und unter Druck setzen ließ, er hat sie aber im Branchenvergleich zuletzt durchaus gut bezahlt - wenn auch erst auf Druck von Gewerkschaften und öffentlicher Meinung. Den Gründer der einstigen Nummer eins der Drogeriemarktketten und seine Gattin hat Heike Jung sogar persönlich kennengelernt - bei einem der fast legendären Kontrollbesuche, zu denen Anton Schlecker gern mit seiner Frau im Sportwagen vorfuhr. Jung hat ihn als freundlich und zuvorkommend in Erinnerung. Allerdings ist sie sich sicher, dass Schlecker schon früh gewusst habe, wie es wirklich um sein Unternehmen bestellt gewesen sei - lange bevor sie ihren Broterwerb verloren habe.

          Dass Jung so rasch einen so attraktiven Arbeitsplatz gefunden hat, ist gewiss wesentlich dem Arbeitgeber-Service der Frankfurter Arbeitsagentur zu verdanken. Dessen Vermittler haben immer im Blick, welche Stellen Rewe, Penny, Rossmann, dm und andere Handelsunternehmen im Bezirk zu besetzen haben. Sie prüfen dann, ob unter denen, die sich gerade arbeitslos melden, solche mit den richtigen Qualifikationen oder nur geringen Abweichungen sind. Fehlen bestimmte Kenntnisse, bieten sie dem Arbeitgeber Hilfen bei der Weiterbildung an, wie eine Sprecherin der Arbeitsagentur Frankfurt erläutert.

          Glück im Unglück für Mehtap Ertem

          Im Idealfall funktioniert die Vermittlung so schnell wie bei Mehtap Ertem. Sie hat knapp zehn Jahre bei Schlecker gearbeitet, bevor die Insolvenz und schließlich das Ende der Drogeriekette kamen. Noch an dem Tag, an dem sie sich arbeitslos meldete, ergab sich für die 40 Jahre alte Frau die Gelegenheit, mit einem Vermittler der Arbeitgeberservice-Abteilung zu sprechen, wie sie berichtet. Er habe noch am selben Tag einen Vorstellungstermin bei dm organisiert.

          Es folgten ein erster Probearbeitstag in derselben Woche und dann das Arbeitsplatzangebot. Mehtap Ertem ist froh, „Glück im Unglück“ gehabt zu haben. Nur in das computergestützte Warenwirtschaftssystem am neuen Arbeitsplatz muss sie sich noch etwas mehr einarbeiten, wie sie sagt. So moderne Hilfsmittel habe es bei Schlecker nicht gegeben.

          Dass die Vermittler im Arbeitgeber-Service der Frankfurter Arbeitsagentur besonders gute Kontakte etwa zu den Handelsunternehmen haben, ist inzwischen auch über die Grenzen des Agenturbezirks hinaus bekannt, wie die Sprecherin weiter berichtet. Über eine erfolgreich vermittelte Bekannte habe sich eine zuletzt bei Schlecker als Bezirksleiterin angestellte Frau aus dem Raum Gießen kurzerhand an die Frankfurter Arbeitsmarktexperten gewandt. Die haben dann tatsächlich rasch helfen können: Die Frau ist als Leiterin eines großen Penny-Marktes ebenfalls in die Rewe-Group eingestiegen.

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