https://www.faz.net/-gzg-9ez7s

Apfelernte in Frankfurt : Apfelgespinstmotte verhindert Rekordernte

Erntehelfer: Freiwillige lesen Äpfel auf den Streuobstwiesen am Berger Nordhang auf. Bild: Marcus Kaufhold

Saftlos, frühreif und viel zu wenige. Das Mainäppelhaus klagt über einen schlechten Apfel-Sommer für Frankfurt. Schuld sollen der warme Sommer und ein Nachtfalter sein.

          2 Min.

          Die Mitarbeiter des Mainäppelhauses am Lohrberg haben sich Träumereien strikt verboten. Was gäbe es nicht alles zu ernten, hätte sich nicht im Mai die Apfelgespinstmotte in einem bis dahin unbekannten Ausmaß verbreitet. Im Taunus und im Spessart, wo die wärmeliebende Motte offenbar weniger stark die Obstbäume befallen hat, „ist man in diesem Jahr gesegnet mit Äpfeln“, sagt Gerhard Weinrich, Vorsitzender des Streuobstzentrums Mainäppelhaus. Aber die Realität in Frankfurt sieht anders aus. „Nein“, sagt er, die Ernte ist in diesem Jahr nicht gut.“ Er müsse förmlich nach Obst suchen, um es keltern und zu Most und Apfelwein verarbeiten zu können.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein Totalausfall ist diese Ernte allerdings nicht, schließlich waren Weinrich zufolge nur die Streuobstwiesen rund um Bergen-Enkheim und Seckbach von der Motte befallen. Der Berger Nordhang Richtung Bad Vilbel blieb fast verschont. Und selbst dort, wo sich im Frühsommer kahlgefressene Äste befanden, die mit braunen Gespinsten voller Raupen überzogen waren, gibt es trotzdem Äpfel. Nur eben nicht so viele. Wer wie das Mainäppelhaus insgesamt 2500 hochstämmige Obstbäume pflegt, der bekommt doch einiges für eine Ernte zusammen. Schließlich gibt es in diesem Jahr „furchtbar viele Birnen“, wie Weinrich sagt – und auch reichlich Zwetschen. Für Interessierte, die sich beim Mainäppelhaus melden, um Obst in der Natur aufzusammeln, statt es im Supermarkt zu kaufen, gebe es Arbeit genug, sagt Weinreich.

          Weniger Saft als sonst

          Der trockene Sommer hat noch weitere Auswirkungen auf die Apfelernte gehabt: Weinrich und sein Team von 25 Angestellten und zahlreichen Ehrenamtlichen haben schon Mitte August mit der Ernte anfangen müssen. „Die Äpfel sind einfach so vom Baum runtergefallen“, sagt Weinrich. Das sei ein Monat früher als normal.

          Viele Hobbygärtner hätten in den vergangenen Wochen geklagt, dass es in diesem Jahr kaum eine Chance gegeben habe, die Äpfel so zu ernten, dass sie länger gelagert werden können. Wer sich dann doch dazu durchgerungen habe, das Obst zu pressen und zu keltern, habe ebenfalls mit den Spätfolgen des heißen Sommers zu kämpfen. Das Obst gibt Weinrich zufolge wegen der großen Hitze und Trockenheit weniger Saft ab als sonst. Üblicherweise liege der Saftanteil bei einem Apfel bei 65 bis 70 Prozent, in diesem Jahr jedoch nur bei knapp 60 Prozent. „Das macht sich bemerkbar. “

          Auch Kirschen werden früher geerntet

          Hinzu kommt, dass einige Jungbäume, obwohl sie gewässert wurden, den Sommer nicht überstanden haben. Das sei ärgerlich, sagt Weinrich und macht für die gesamte Entwicklung den Klimawandel verantwortlich. Dass es den gibt, macht Weinrich an einer ganz persönlichen Erfahrung fest: Sein Großvater sei 1956 beim Ernten der Süßkirschen in Bergen vom Baum gefallen und wenige Tage später an den Folgen des Sturzes gestorben. Das sei im Juli gewesen. Heute würden die Kirschen in jedem Jahr, nicht nur in diesem viel zu heißen Sommer, schon vier Wochen früher geerntet.

          Um mehr darüber zu erfahren, was getan werden kann, um die für die Region so typische Streuobstwiesenkultur zu erhalten, hat das Mainäppelhaus mit einem auf drei Jahre angelegten Projekt begonnen. Auf 15 Wiesenparzellen wird beobachtet, welche Bewirtschaftung optimal für die Obstproduktion und für den Erhalt bedrohter Tier- und Pflanzenarten ist. Die Pächter führen dazu Protokoll, die Erhebung der Biodiversität übernehmen die Staatliche Vogelschutzwarte und das Forschungsinstitut Senckenberg. Das Projekt wird durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt und die Flughafen-Stiftung gefördert.

          Lotse und Börse für Streuobst Seit dem Jahr 2003 kümmert sich der Verein Mainäppelhaus Lohrberg Streuobstzentrum im westlichen Frankfurt um die Streuobstwiesenkultur. Doch in anderen Teilen der Stadt und in der Region finden die Pächter keine Unterstützung. Der Regionalverband Frankfurt/Rhein-Main hat sich deshalb vorgenommen, sich als „zentraler Akteur“ für die Streuobstwiesen in der Region einzusetzen. Konkret soll dies in fünf Schritten geschehen, wie es in der „Lohrberger Erklärung“ heißt. Es soll eine Datenbank aufgebaut und gepflegt werden, in der die Streuobstwiesen, die Zahl der Bäume, ihre Sorten und die Eigentumsverhältnisse erfasst werden. Zudem soll es Aufklärung und Schulungen geben, damit zumindest jeder Schüler erfährt, dass Streuobstwiesen Teil der Kulturlandschaft im Rhein-Main-Gebiet sind. Darüber hinaus will der Verband ein Informationsportal im Internet einrichten und einen Ansprechpartner benennen – einen sogenannten Streuobstlotsen. Eine Streuobstbörse soll die Grundstücke aufnehmen, die man pachten und pflegen kann, wie die Börse auch umgekehrt Nachfragen nach Grundstücken registrieren soll. Der Verband will überdies mit einem einheitlichen Marketing die Streuobstwiesen als Räume des Erlebens und Erholens bekannter machen. (mch.)

          Weitere Themen

          „Derzeit planen alle nur auf Sicht“

          Abschied von Stephan Pauly : „Derzeit planen alle nur auf Sicht“

          Stephan Pauly, der zum 1. Juli nach Wien wechselt, blickt auf achteinhalb erfolgreiche Jahre als Intendant der Alten Oper in Frankfurt zurück. Nicht nur Großprojekte wie „One Day in Life“ werden in Erinnerung bleiben.

          Topmeldungen

          Der Start am Weltraumbahnhof in Florida

          Cape Canaveral : Erste bemannte SpaceX-Rakete erfolgreich gestartet

          Es ist der erste bemannte Weltraumflug Amerikas seit neun Jahren – die Privatfirma SpaceX hat ihre Crew-Dragon-Kapsel ins All geschickt. Der erfolgreiche Start der zweistufigen Rakete bedeutet eine grundsätzliche Abkehr von der Art und Weise, mit der Astronauten bisher in den Orbit befördert werden.
          Nicht nur am Mainufer, sondern auch an der Frankfurter Börse herrscht frühlingshafter Optimismus.

          Steigende Kurse trotz Krise : Das Börsenvirus

          Die Wirtschaft liegt noch am Boden, doch die Kurse an der Börse steigen und steigen. Kann die Wette auf die bessere Zukunft aufgehen?

          Unruhen wegen George Floyd : Trump droht mit „unbegrenzter Macht des Militärs“

          Die Gewalt in Amerika eskaliert. In Detroit wurde ein Demonstrant erschossen, in Oakland ein Polizist. Minnesotas Gouverneur entschließt sich zu einem einmaligen Schritt – und Trump gießt weiter Öl ins Feuer. New Yorks Bürgermeister hingegen verurteilt das harte Vorgehen der Polizei.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.