https://www.faz.net/-gzg-9arhy

Krimineller Unternehmer : Schlag gegen Schwarzarbeit auf Baustellen

Auf eigene Gefahr: Schwarzarbeiter sind ohne Kranken- und Unfallversicherung. Bild: dpa

Kriminelle kassieren im Rhein-Main-Gebiet Millionensummen. Viele illegal Beschäftigte stammen aus Südosteuropa. Nun ist der Polizei ein Schlag gegen die kriminelle Bande gelungen.

          4 Min.

          In der serbischen Heimat ließ sich der Dreiundfünfzigjährige als Gönner und Wohltäter feiern. In seinem Hotel in Maintal-Bischofsheim wurde der Bauunternehmer vor einer Woche als Kopf einer Bande verhaftet, die vor allem im Rhein-Main-Gebiet im großen Stil Schwarzarbeit organisiert haben soll. In den vergangenen vier Jahren haben der aus der Provinz Sandžak stammende Geschäftsmann und drei weitere Hauptbeschuldigte, darunter sein 29 Jahre alter Sohn, nach den bisherigen Erkenntnissen von Zoll und Staatsanwaltschaft vorwiegend auf Großbaustellen in der Region Aufträge im Gesamtvolumen von mehr als 50 Millionen Euro ausgeführt.

          Helmut Schwan
          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Die Gruppierung betrieb, wie es weiter heißt, außer zwei Bauunternehmen ein Geflecht von Scheinfirmen, über das sie Schwarzgeld in Höhe von mehr als 70 Millionen Euro generierten. Mit dem Geld habe man Hunderte Arbeiter bezahlt, weit unter Tarif, noch unter dem gesetzlichen Mindestlohn. Für die meisten seien weder Sozialversicherungsbeiträge noch Steuern abgeführt worden.

          Fiktive Geldleistungen in Rechnung gestellt

          Das dafür nötige Kapital wurde laut Zoll durch dafür gegründete Serviceunternehmen beschafft. Sie stellten fiktive Dienstleistungen in Rechnungen und überwiesen gegen Provision das Geld verdeckt und in bar zurück. Das System ist einfach, setzt aber ein enges Vertrauensverhältnis zwischen den Beteiligten voraus. Den bisherigen Ermittlungen zufolge war dies im nun aufgedeckten Fall dadurch gewährleistet, dass man Schlüsselpositionen mit Mitgliedern des weiterverzweigten Familienclans besetzte.

          Zum ersten Mal ist damit der im vergangenen Jahr gegründeten „Sonderkommission Rhein-Main“ beim Hauptzollamt in Gießen in Kooperation mit der Frankfurter Staatsanwaltschaft ein großer Schlag gegen diese Form der Organisierten Kriminalität gelungen. Der Aufwand war enorm: Insgesamt rund 1000 Beamte waren an der Razzia beteiligt, mehr als 50 Wohnungen und Büros wurden in Hessen und vier weiteren Bundesländern durchsucht. Weil man nicht ausschließen konnte, dass die Verdächtigen über Waffen verfügten, wurden sie von Spezialeinsatzkräften festgenommen. Die Aktion wurde über Monate vorbereitet, Telekommunikation überwacht, Haftbefehle wurden erlassen und Gerichtsbeschlüsse erwirkt, aufgrund derer nun Vermögenswerte in Höhe von rund 19 Millionen Euro als mutmaßliche Gewinne der kriminellen Geschäfte sichergestellt werden können. In den Wohnungen und Büros der Hauptbeschuldigten fand die Polizei insgesamt rund 160.000 Euro in bar.

          Der Ermittlungserfolg zeigt aber auch, wie verfestigt die Strukturen dieser Form der Organisierten Kriminalität inzwischen sind. Und wie geschickt die Banden die Möglichkeiten und Schlupflöcher nutzen, welche die Freizügigkeit in der Europäischen Union eröffnet. Ein Teil der aus Serbien, Bosnien und Hercegovina stammenden Arbeiter in diesem Fall konnten Studentenvisa vorweisen und waren als angebliche Praktikanten auf dem Bau beschäftigt. Andere verfügten über Sozialversicherungsnachweise von slowenischen Firmen, die offenbar gefälscht waren. Viele der illegal Beschäftigten kämen mittlerweile aus Südosteuropa, aus Rumänien, Bulgarien und aus der Türkei, heißt es. Polen, die noch vor Jahren einen Großteil der Schwarzarbeiter ausmachten, ließen sich angesichts der gestiegenen Löhne in ihrer Heimat kaum mehr auf Schwarzarbeit ein. Im Gegenteil, sie seien inzwischen oftmals als gut ausgebildete Facharbeiter gesucht.

          Weitere Themen

          Aller guten Dinge sind drei

          Heute in Rhein-Main : Aller guten Dinge sind drei

          Nach dem Chat-Skandal löst Minister Beuth das SEK Frankfurt auf. Nach der Online-Panne trifft sich die FDP Frankfurt im Stadion. Co2-neutral Fliegen ist möglich. Die Hauptwache blickt auf die Themen des Tages.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.