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Schießerei in Frankfurt : Blutige Machtdemonstration am Vatertag

  • -Aktualisiert am

Vor einem Café das Feuer eröffnet: Spurensuche am Himmelfahrtsabend nach der Schießerei auf dem Frankfurter Friedrich-Stoltze-Platz Bild: Bernd Kammerer

Deutsche und türkische Hells Angels kämpfen um die Macht im Milieu. Die jüngste Schießerei in Frankfurt zeigt, dass der Rockerkrieg gerade erst begonnen hat.

          Auf dem Platz patrouilliert die Polizei. Schwer bewaffnet gehen die Beamten auf und ab, die Maschinenpistole schussbereit. Ab und zu gibt es einen Funkspruch. Sonst aber herrscht Stille auf dem Friedrich-Stoltze-Platz, dabei ist die Schießerei gerade erst eine knappe Stunde her. An der Bleidenstraße, direkt neben dem Platz, steht ein weißer Mercedes-Geländewagen mit geöffnetem Kofferraum. An der Frontscheibe sind Einschusslöcher zu sehen. Es sind viele. Etwa ein Dutzend Mal haben die Täter geschossen. So berichten es Zeugen, die dabei waren, als an diesem Vatertag Mitglieder der Hells Angels aufeinander losgegangen sind.

          Der Angriff, soviel steht inzwischen fest, war gut geplant. Um zehn vor fünf, als die Cafés an diesem Feiertag gut besucht waren wie lange nicht mehr und die Menschen bei Eis und Cocktail in der Nachmittagssonne sitzen, fährt der weiße Mercedes vor. Als er vor dem „Helium“ hält, einer der In-Kneipen Frankfurts, fallen auch schon die Schüsse. Zwei Männer, die im „Helium“ sitzen und kurz zuvor auf Motorrädern angekommen sind, ziehen Pistolen und durchsieben die Frontscheibe geradezu. Die beiden Insassen steigen aus, wollen flüchten, kommen aber nicht weit, so schwer verletzt sind sie. Einer von ihnen, ein 20 Jahre alter Serbe, bricht auf dem Friedrich-Stoltze-Platz vor der „Bar Celona“ zusammen.

          Polizei: „Wir sind sehr nahe dran“

          Kellner aus den benachbarten Cafés eilen zu ihm, leisten erste Hilfe, rufen die Polizei. Die ist innerhalb von drei Minuten da und sperrt die Straßen ab. Zu diesem Zeitpunkt sind die Schützen schon längst weg. Ein Kellner berichtet später, er sei hinausgelaufen auf die Straße, als die Schüsse gefallen sind. Da kamen ihm schon die Gäste entgegen, Panik in den Gesichtern, einige hätten geschrien. Dann sah er einen Mann blutend auf dem Boden liegen. „Da wusste ich, da ist etwas Schlimmes passiert.“

          Nicht nur am Abend der Tat, sondern auch am nächsten Tag tun sich Polizei und Staatsanwaltschaft schwer mit der Einordnung des Geschehens. Einige Fragen, heißt es, seien schlicht noch ohne Antwort. So zum Beispiel das Motiv – sofern es überhaupt einen konkreten Anlass gab – und auch, wer auf wen wie oft geschossen hat und wem der Anschlag ursprünglich galt. Andere Fragen beantwortet die Polizei bewusst nicht, auch aus der Furcht heraus, der Konflikt könne sich noch weiter verschärfen, wenn detailliert über die Hintergründe berichtet wird. Nur soviel lässt die Polizei am Freitag verlauten: „Wir sind sehr nahe dran und wissen genau, was da jetzt im Umfeld läuft.“

          Das Umfeld, das sind vor allem zwei Gruppen, die sich seit einigen Jahren schon bekriegen bis aufs Blut. Ein interner Machtkampf innerhalb der Hells Angels ist entbrannt, der sich kaum noch befrieden lässt. Auf der einen Seite die deutsche Fraktion, die sogenannten Traditionalisten, rund um den einflussreichen Frankfurter Rocker Walter B. – auch „Schnitzel-Walter“ genannt, der das inzwischen verbotene Frankfurter Charter „Westend“ anführte und vor zwei Jahren als Nachfolger Frank Hanebuths gehandelt wurde. Auf der anderen Seite die türkische Fraktion, die vor allem Zulauf aus der Boxclub-Szene erfährt. Größter Unterstützer sind die „Osmanen“, eine Gruppe, die in Deutschland inzwischen in Hunderterstärke auftritt, vorrangig bestehend aus Türken. Sie haben sich in Frankfurt sukzessive Zugang verschafft zum Türsteher- und Rotlichtmilieu mit dem Ziel, es eines Tages zu dominieren.

          2014 gab es schon einmal eine Schießerei

          Anführer der Türken ist Aygün M. Der Rocker war einst Supporter bei den „Traditionalisten“, dann hat er sich hochgearbeitet, irgendwann wollte er sich komplett abspalten mit einem eigenen Charter. Da begann der Krieg. M. gilt als kompromisslos, wenn es darum geht, Geschäfte der „Traditionalisten“ zu übernehmen. Inzwischen hat er sein eigenes Clubhaus in Gießen. Dafür hat der Rocker lange gekämpft.

          Im Juli 2014 kam es in Frankfurt schon einmal zu einer Schießerei. Damals hatten etwa 40 türkische Hells Angels den Katana Club im Bankenviertel gestürmt. Auch Aygün M. war dabei. Sie schlugen erst den Türsteher nieder, dann stürmten die Männer auf Jürgen F. zu, ein Mitglied der „Schnitzel“-Walter-Fraktion. F. zog daraufhin seine Waffe, Kaliber neun Millimeter, und schoss mehrere Male. Er verletzte vier Männer schwer. Auch Aygün M. Die Kugel traf ihn an der Schulter.

          Opfer im Krankenhaus werden schwer bewacht

          Seitdem ist die Polizei auf der Hut. Aus Ermittlerkreisen heißt es, man müsse sich darauf einstellen, dass die Konflikte künftig auf der Straße ausgetragen werden. Mit „Straße“ meint die Polizei nicht Hinterhöfe, sondern, so wie am Donnerstag, öffentliche Plätze mit Publikumsverkehr. Die Rocker wollen provozieren, sagen Beobachter. Es geht ihnen allein um die Demonstration der Macht. Wie viel Kalkül in der jüngsten Tat mitschwang, das wird sich wohl erst in einigen Tagen, wenn nicht Wochen klären. Die Polizei fahndete auch am Freitag nach den Schützen, die nach ersten Erkenntnissen zur deutschen Fraktion der Rocker gehören. In der Nacht zum Freitag gab es zahlreiche Durchsuchungen. Nach der Tat ließen die Schützen ihre Helme und Motorräder zurück. Das zeugt nicht gerade von Nervenstärke, sondern lässt eher vermuten, dass die Männer wussten, dass etwas geschehen soll, dann aber doch überrascht wurden und reagierten.

          Schon um 16 Uhr wurde eine Kolonne Hells Angels in Kutten in der Frankfurter Innenstadt gesehen. Wie Späher hätten sie das Gebiet rund um den Friedrich-Stoltze-Platz umrundet, sich dann aber zurückgezogen – bis auf die Männer, die sich ins Café setzten. Dass sie diejenigen gewesen sind, die auf das Auto schossen, daran gibt es inzwischen keinen Zweifel mehr. Die Frage ist jedoch, ob sie nicht ursprünglich die Opfer sein sollten, dass es eigentlich der Plan der türkischen Hells Angels war, auf die Männer im Café zu schießen. Und dass die Rocker dort nur schneller waren. Auch die Männer in dem Wagen hatten Waffen dabei. Eine lag später auf dem Kopfsteinpflaster neben der Fahrertür.

          Schon kurz nach der Tat durchsuchte die Polizei nicht nur mehrere Objekte, sondern sicherte sie auch. Dem Vernehmen nach sollen auch die beiden Opfer im Krankenhaus streng bewacht werden. Die Angst vor einem Rockerkrieg, der immer weitere Opfer nach sich zieht, ist groß. Bei den Hells Angels zählten vor allem Rache und Ehre, heißt es in Ermittlerkreisen. Und nach der Machtdemonstration an Christi Himmelfahrt ist es nur eine Frage der Zeit, bis zurückgeschlagen wird.

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