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Schausteller Thomas Roie : „Kirmes kann man nicht aufs Handy laden“

Tradition: Thomas Roie ist Schausteller in fünfter Generation Bild: Etienne Lehnen

Thomas Roie ist am Wäldchestag geboren. Er singt davon zwar kein Lied, ist aber dennoch eine Institution. „Kirmes ist kein Job, sondern eine Lebenseinstellung“, weiß der Schausteller aus Erfahrung.

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          Margit Sponheimer ist bekanntlich am Rosenmontag geboren und hat es damit bundesweit zu Ruhm gebracht. Thomas Roie, der am Wäldchestag geboren ist, singt davon zwar kein Lied, ist aber dennoch eine Institution. Um 1860 schob Ururgroßvater Roie das Karussell auf dem Wäldchestag noch mit der Hand an. Vier Generationen später hebt Thomas Roie die Karussellpassagiere per Knopfdruck in die Lüfte, doch sonst unterscheidet Roie nichts Wesentliches von seinen Vorfahren: „Ich verkaufe Freude“, sagt er, und das hat die hessische Schaustellerfamilie Roie schon immer getan, ob auf dem Wäldchestag, der Dippemess oder dem Weihnachtsmarkt.

          Livia Gerster

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Als Kind zog Thomas Roie mit der Familie im Wohnwagen von Fest zu Fest und ging dort zur Schule, wo eben gerade Kerb war. Es war nicht einfach, immer der Neue zu sein, und sowieso fand Roie die Kerb immer wichtiger als Algebra und Alexandriner. Seit drei Jahrzehnten macht er nun Kirmes, gerade ist er wieder mit seinem „Wellenflug“ auf dem Wäldchestag, wie jedes Jahr. Der bleibt unter all den Festen selbst für Roie etwas Besonderes, denn hier ist er am Wäldchestag 1965 geboren.

          „Kein Job, sondern eine Lebenseinstellung“

          Seine Mutter stand unmittelbar nach der Geburt wieder an der Kasse und bereitete den Sohn schon als Säugling auf die Härten des Schaustellerlebens vor. Von frühmorgens bis spät in die Nacht schuften, das gehört zum Geschäft, denn, wie Roie sagt: „Kirmes ist kein Job, sondern eine Lebenseinstellung.“ Und die sieht keinen Achtstundentag mit anschließendem Feierabend vorm Fernseher vor.

          Doch die Selbständigkeit macht das wett, spätestens nach einem Praktikum als Schlosser war er sich sicher, dass nur ein provisorisches Wohnwagenleben zwischen Zuckerwatte und Apfelwein ein richtiges Leben ist. Die Kirmes, ist er überzeugt, schaffe Zusammenhalt in der Gesellschaft. Wo sonst sollten sich die Menschen kennen und lieben lernen?

          Roie und seine Frau haben sich auch auf dem Jahrmarkt gefunden, vor 28 Jahren. Seitdem „leben, arbeiten und existieren“ sie zusammen, und zwar glücklich, denn bei ihrem enormen Arbeitspensum hätten sie laut Roie „gar keine Zeit für Dummheiten“. Überhaupt ist die Familie wichtig für die Schausteller, und zwar nicht nur die eigene, sondern auch die große Kirmes-Familie, die sich zu jedem Fest findet und flexibel für Kassenschichten und Kinderbetreuung einspringt.

          Roies Kinder arbeiten auch im Betrieb, der 25 Jahre alte Sohn hat für den „Wellenflug“ längst die Musikauswahl übernommen: Justin Bieber statt Bee Gees. „Hauptsache Musik“, findet Roie, denn die gehöre nun einmal zur Kirmes, auch wenn die Kommunen das nicht immer so sähen. Immer mehr Lärmschutzvorgaben machen Roie zu schaffen, außerdem neue EU-Richtlinien, derentwegen er das ganze Karussell für eine einzige breitere Stange umbauen musste. Und auch die Mieten, die die Schausteller an die Stadt zahlen, stiegen immer weiter, kritisiert Roie, der seit diesem Jahr auch Vorsitzender des Rhein-Main-Schaustellerverbandes ist.

          Dennoch macht er sich keine Sorgen um die Zukunft der Kirmes, sonst hätte er ja seinen Kindern davon abgeraten. Nein, dass die Kirmes trotz all der Herausforderungen Bestand hat, weiß Thomas Roie bestimmt: „Uns kann man nicht aufs Handy laden oder nach Hause bestellen - Kirmes muss man erleben.“

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