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Schausteller in Frankfurt : Das Herz der Dippemess’

  • -Aktualisiert am

Schausteller in dritter Generation: Thomas Roie (links) kennt die Dippemess’ seit Kindertagen. Neben ihm sitzt Dippemess’-Organisator Kurt Stroscher. Bild: Hedwig, Victor

Schausteller sind Nomaden. Sie ziehen durch die Lande, kennen irgendwann jeden Rummelplatz. In Frankfurt kommen viele von ihnen für einige Wochen zur Ruhe.

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          Thomas Roie ist einer von diesen Schaustellern, von denen Kollegen behaupten, sie seien schon im Wohnwagen geboren. Seine Verwandten räumten nach dem Zweiten Weltkrieg die Trümmer auf dem zerbombten Römerberg beiseite und bauten dort ein Karussell auf. Heute zieht Roie mit seinem eigenen Kettenkarussell von Kirmes zu Kirmes. Auf der Dippemess’ parkt er den Wohnwagen direkt hinter dem Fahrgeschäft, Tochter Evelyn sitzt an den Schalthebeln. „Wer in diesen Beruf hineingeboren wird, bleibt meist ein Leben lang Schausteller“, sagt der Einundfünfzigjährige.

          Weil die meisten Schausteller sich untereinander kennen, können die Kinder unbeschwert über den Rummel laufen und überall unentgeltlich mitfahren. Vor allem auf der Dippemess’, wo Roie jedes Jahr mehrere Wochen verbringt, fühle man sich daher schnell zu Hause. Seine beiden mittlerweile erwachsenen Kinder sind auch Schausteller, der Sohn besitzt einige Münzschieber. Roie sagt: „Klar wollte ich ihnen unseren Beruf nahebringen. Aber es war ihre Entscheidung, im Familienbetrieb zu bleiben.“

          Im Handy eingespeichert

          Fast genauso lange wie Roie tingelt auch Christine Beutler-Lotz schon über die Jahrmärkte der Region. Sie war dabei, als Roies Sohn auf dem Karussell getauft wurde und leistete Beistand, als sein Vater vor sechs Jahren starb. Beutler-Lotz ist evangelische Pfarrerin und arbeitet seit 1981 als Seelsorgerin für die Schausteller. „Wer immer unterwegs ist, braucht einen festen Halt“, sagt sie.

          „Die Dinge können sich ganz schnell ändern, da ist der Glaube sehr wichtig.“ Die 57 Jahre alte Pfarrerin zählt knapp 4000 Mitglieder zu ihrer außergewöhnlichen Gemeinde. Ohne Kirche und Pfarrhaus finden die Gottesdienste oft im Festzelt oder am Autoscooter statt. Das brandneue und 80 Meter hohe Kettenkarussell „Jules Verne Tower“ weihte sie zu Beginn der Dippemess’ ordnungsgemäß ein.

          Wenn auf dem Jahrmarkt die Lichter ausgehen, steigt Beutler-Lotz nicht in einen Wohnwagen, sondern ins Auto und fährt nach Alzey zu ihrem Mann. „Es ist wichtig, wieder Platz zu bekommen“, sagt sie. Mehr als 30 000 Kilometer lege sie so im Jahr zurück und reist sogar mehr als die Reisenden, die sie begleitet. Bei den meisten Schaustellern ist sie sogar im Handy eingespeichert. „Ich werde angerufen: Du, Christine, die Mama ist gestorben“, erzählt Beutler-Lotz.

          Bildung ein heikles Thema

          Aber oft ist sie schon als Sterbebegleiterin dabei. Das Gefühl der Fremde, das in anderen Gemeinden zwischen Pfarrern und Mitgliedern oft entstehe, kenne sie daher kaum. Beutler-Lotz kümmert sich um Katholiken genauso wie um Protestanten. Nur bei offiziellen Anlässen wie Taufen oder Hochzeiten unterscheidet sie.

          Immer ein offenes Ohr: Schausteller-Seelsorgerin Christine Beutler-Lotz
          Immer ein offenes Ohr: Schausteller-Seelsorgerin Christine Beutler-Lotz : Bild: Hedwig, Victor

          Manchmal übernimmt Beutler-Lotz sogar den Religionsunterricht der Kinder. Bildung ist beim Schausteller-Nachwuchs jedoch ein heikles Thema. Im Winter, wenn die Jahrmarkt-Saison pausiert, können die Kinder am normalen Schulunterricht teilnehmen. Sobald die Familien wieder umherziehen, müssen sie sich den Inhalt der Lehrpläne oft selbst aneignen. Zwar gibt es auch Schausteller-Lehrer, aber deren Betreuung ist in der Regel nicht so umfassend wie an einer gewöhnlichen Schule.

          Möbel umstellen vor Abfahrt

          Die Schausteller-Familie von der Gathen, die ebenfalls gerade auf der Dippemess’ gastiert, hat deshalb neben dem mobilen auch noch ein festes Domizil in Köln, wo die beiden Töchter Antonia und Herma aufs Gymnasium gehen. Ihre Eltern Astrid und Rico teilen sich die Pflichten auf: Unter der Woche bleibt einer auf dem Rummel, während der andere zurück in die Heimat fährt und sich um die Töchter kümmert. Das Wochenende verbringen sie dann meistens zusammen auf dem Festplatz. Auf der Dippemess’ steht ihr Wohnwagen hinter ihren Greifautomaten, an dem man Kuscheltiere gewinnen kann.

          Das Heim ist gemütlicher, als es von außen aussieht. Schränke und Leisten sind aus Holz, über der Kommode hängt ein Flachbildfernseher, und im Hochbett im Kinderzimmer sind Kissen und Decken ordentlich aufgeschüttelt. „Es ist wie eine fahrende Wohnung“, sagt Astrid von der Gathen. Die beiden Schlafzimmer, Bad, Küche und Wohnzimmer sind zusammen rund 70 Quadratmeter groß. Bevor der Wohnwagen zurück auf die Straße darf, muss von der Gathen jedoch einige Möbel umstellen und zuvor ausgefahrene Erker wieder einziehen. Auf dem Festplatz am Ratsweg bleibt aber alles fünf Wochen lang an seinem angestammten Platz. „Dass die Dippemess’ so lange dauert, kommt uns natürlich entgegen“, sagt von der Gathen.

          Nachwuchs steht parat

          Sie wurde wie Roie in ihren Beruf hineingeboren. Meistens werden die Kinder von Schaustellern selbst Schausteller. Neue Gesichter hinter den Verkaufstheken sind rar. Laut Roie liegt dies vor allem an der mangelnden Erfahrung und den immer schneller, komplexer und teurer werdenden Fahrgeschäften: „Es gibt sehr viele Auflagen, und die Einstiegskosten in den Beruf sind sehr hoch.“ Roie selbst ist seit 1991 mit seinem Kettenkarussell unterwegs.

          Damals kostete es eine Million D-Mark, heute schätzt er den Wert auf 1,4 Millionen Euro. Ein paar Jahre lang will er noch umherziehen, bevor er die Arbeit aufgibt. Wobei, geht das überhaupt? „Eigentlich geht man als Schausteller nicht in Rente“, sagt Roie. Aber nachts das Karussell aufbauen, das müsse irgendwann nicht mehr sein. Trotzdem ist er sicher, dass die Familientradition fortgeführt wird. Der Nachwuchs steht schließlich schon parat.

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