https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/schauspielhaus-frankfurt-bitte-ohne-polemik-14363869.html

Kommentar zum Schauspielhaus : Bitte ohne billige Polemik

Sanieren oder nicht? Und falls nein, neu bauen oder wiederaufbauen? Das Schauspielhaus in Frankfurt Bild: Frank Röth

In Frankfurt fordert eine Bürgerinitiative den klassischen Wiederaufbau des Schauspielhauses. Eine Debatte um das Schauspielhaus ist wichtig, aber nicht so.

          1 Min.

          Vielleicht sollte man die Bürgerinitiative, die eine Rekonstruktion des alten Frankfurter Schauspielhauses von 1902 fordert, auf eine Studienreise einladen. Die Ziele wären das neue Opernhaus in Oslo und die Philharmonie in Stettin: herausragende Konzerthäuser, die das Stadtbild bereichern und von weither Besucher anziehen.

          Für die Rekonstruktionsfreunde jedoch sind moderne Theater und Opernhäuser „seelenlose Beton-Glas-Kisten“. Sie sehnen sich nach dem Stadtbild der Vergangenheit, akzeptable Architektur endet für sie offenbar im Wilhelminismus. Für die Mitstreiter sind die Städtischen Bühnen am Willy-Brandt-Platz ein „monströses Sammelkulturzentrum“ und, ein schiefer Vergleich, „schlimmste DDR-Architektur“.

          Reiner Fassadismus der Befürworter

          Gegen Banausentum ist kein Kraut gewachsen. Eine Debatte über Erhalt oder Neubau der Bühnen: sehr gerne, aber bitte ohne billige Polemik. Die Rekonstruktionsfreunde scheinen die Bühnen kaum je betreten zu haben. Der Sechziger-Jahre-Bau hat seine Schwächen, er öffnet sich nur unzureichend zur Wallanlage im Westen. Aber das gläserne Foyer zum Willy-Brandt-Platz war ein grandioser Einfall. Die Aussicht ist phänomenal, und der Blick von der Straße in das in den Theater- und Opernpausen beleuchtete Foyer zeigt das ins Gespräch vertiefte Publikum und eine lebendige Kulturszene. Das Wolkenfoyer der Oper, der helle Chagall-Saal: Auf diese Qualitäten kann Frankfurt nicht leicht verzichten.

          Sollte sich die Sanierung nicht lohnen, spricht viel für einen modernen Neubau an gleicher Stelle. Rekonstruktion als Erinnerungsarchitektur sollte auf ausgewählte Orte beschränkt bleiben. Die Initiative hofft, dass sich ähnlich viele Bürger für ihre Idee begeistern wie beim Wiederaufbau der Alten Oper. Doch anders als dort ist vom alten Schauspielhaus kaum Bausubstanz erhalten.

          Die verschwundene Schaufassade wiederaufzubauen, um dahinter ein Hightech-Theater zu errichten, wäre aberwitzig. Den Rekonstruktionsfreunden geht es um reinen Fassadismus: Ob hinter der Hülle ein Theater, ein Hotel oder eine Markthalle einzieht, ist ihnen offenkundig egal. Dabei sind Form und Funktion in der Architektur nicht voneinander zu trennen. So willkommen die Debatte auch ist, auf dem Niveau ist sie zu plump.

          Rainer Schulze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Jürgen Trittin am Mittwoch in Berlin

          Jürgen Trittin im Interview : „Wir sind noch Friedenspartei“

          Der Außenpolitiker der Grünen spricht über seine Zeit bei der Bundeswehr und erläutert, warum es richtig war, die Truppe mit mehr Geld auszustatten. International sieht er sich fest an der Seite der Vereinigten Staaten.
          Im Tarifdschungel: Reisende an Fahrscheinautomaten der Deutschen Bahn am Frankfurter Hauptbahnhof

          Entlastungspaket : Preissprung nach dem 9-Euro-Ticket

          Drei Monate lang konnte man für nur 9 Euro durch Deutschland fahren. Doch in zwei Wochen ist die große Rabattaktion im ÖPNV Geschichte. Danach kennen die Preise vor allem eine Richtung: nach oben. Wie geht es weiter?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.