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Schauspielerin Jana Schulz : Ohne Schlamm kein Lotus

„Meine Seele hat sich das Schauspiel gesucht“: Jana Schulz, am Rande der Bühne im Frankfurter Sprechtheater. Bild: Frank Röth

Das Schauspiel Frankfurt leuchtet, wenn Jana Schulz die Bühne betritt. Sie spielt hier unter anderem in „Woyzeck“.

          3 Min.

          Sie hört keine Stimmen, aber der Tinnitus macht ihr seit bald zwei Jahren zu schaffen. „Ich musste viel an mich selbst denken, als ich mit dem ,Woyzeck‘ angefangen habe“, gesteht Jana Schulz. Georg Büchners unvollendetes Stück war ihre erste Premiere in Frankfurt. Die Schauspielerin, die noch in Bochum zu Hause ist, verkörpert den paranoiden Titelhelden so rückhalt- und bedingungslos, dass dem Zuschauer Hören und Sehen vergeht. „Das Leid des Woyzeck ist mir sehr vertraut“, sagt sie leise, und man glaubt ihr jedes Wort, zumal sie es auf der Bühne radikal beglaubigt. „Ich fühle mich wie geführt, mitgenommen von der Sprache“, versucht sie, ihr intuitives Spiel, das eher ein Verkörpern ist, zu erklären. Immer wieder fehlen ihr die Worte dafür: „Da ist immer ein Äquivalent.“

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          So war das immer seit ihrem Debüt 2003 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Tom Stromberg, einstiger Leiter des Frankfurter TAT und damals Hamburger Intendant, hatte sie frisch von der dortigen Hochschule für Musik und Theater engagiert. Ein Dramaturg seines Hauses brachte sie mit ihrem Regie-Kommilitonen Roger Vontobel zusammen. Als „Terror-Schulz“ machte sie sich gleich einen Namen, denn sie spielte unter Vontobels Regie nicht nur Lessings männlichen Titelhelden „Philotas“, sondern sprach auch selbstverfasste Texte über John Walker Lindh, einen amerikanischen Taliban, der nach dem Anschlag vom elften September in Afghanistan gefasst wurde. Suizidales, also falsches Heldentum verbindet die beiden Figuren – eine radikale Herausforderung für die perfektionistische Aktrice.

          Produktivität und Destruktivität als Widersprüche

          Seitdem hat sich Jana Schulz unter Vontobels Regie mindestens 14 Rollen erarbeitet, unter anderem Kleists Käthchen von Heilbronn, ein intuitives Äquivalent, und die Penthesilea in Hamburg, die Kriemhild in Hebbels „Nibelungen“ und Käthe Vockerat in Hauptmanns „Einsame Menschen“ in Bochum, wo sie seit 2011 fester Gast war, und die Medea erst in diesem Frühjahr in Düsseldorf. Für ihre „Rose Bernd“ erhielt sie im April den Gertrud-Eysoldt-Ring. Dass sie der „Hauptfigur bis hin zur Selbstaufgabe ein kämpferisch, trotziges Menschsein abgerungen hat“, wie es in der Begründung der Jury heißt, ist jetzt im Frankfurter Schauspiel zu sehen. „Wenn sie sich ganz ihren Rollen ausliefert, sind Produktivität und Destruktivität als Widersprüche in der Darstellung der Charaktere aufgehoben.“

          Damit haben die Juroren den Glutkern dieser Künstlerin erfasst. Doch Jana Schulz gibt sich nicht auf, auch wenn es mitunter so aussieht, etwa wenn sie am Ende der „Rose Bernd“ als kindsmörderisches, erbarmungswürdiges Ungeheuer am Boden liegt. Es gelingt ihr, Opfer und Täterin in einer Person zu vereinen: Kriemhild, die „minnicliche meide“, Medea, die Gedemütigte und die Rachsüchtige. „Meine Seele hat sich das Schauspiel gesucht. Da kann ich meine Emotionen ausleben“, sagt sie. Und die Emotionen, das sind vor allem Ängste seit ihrer Kindheit im westfälischen Steinhagen nahe Bielefeld, wo sie 1977 geboren wurde und vor ein paar Monaten die Sprechrolle in der Oper „Charlotte Salomon“ übernahm.

          Der frühe Traum der Schauspielerei

          In Bielefeld hatte die jüngste Tochter eines Tischlers und Heilpädagogen und einer Ärztin auch als Statistin begonnen. Sie wusste sehr früh, dass sie Schauspielerin werden wollte, machte aber auf Wunsch ihrer Mutter doch noch das Abitur. Früh auch begann die Angst davor, „dass das, wie man die Welt sieht, nicht richtig sein kann, die Unsicherheit über die eigene Normalität“. Um sich zu schützen, begann sie sich äußerlich abzuhärten. Ein Meister des koreanischen Kampfsports Taekwondo half ihr dabei, sich körperlich zu stählen. Die Suche nach dem Körper und seiner Wahrnehmung empfindet sie selbst als Flucht. Seit drei Jahren versucht sie nun, „die harte Schale wieder aufzuweichen“. Dabei hat sie voriges Jahr die Methode des Kundalini-Yoga entdeckt und sich gleich zur Yoga-Lehrerin ausbilden lassen.

          Die erlernte Körperbeherrschung hilft ihr, eine hohe Spannung bei Darstellung zu entwickeln. Sie wirkt ähnlich elektrisiert wie die Akteure der Ariane Mnouchkine. Mit dieser spannungsgeladenen Präsenz gelang es ihr, in Bernard-Marie Koltès‘ Stück „Kampf des Negers und der Hunde“ auch ohne viel Aktion zum „stillen Auge des Sturms“ zu werden, wie eine Kritikerin schrieb. Diese Inszenierung von Roger Vontobel wurde aus Bochum in die hiesigen Kammerspiele übernommen.

          Spiel zwischen den Geschlechtern

          Ihr Changieren zwischen den Geschlechtern macht die androgyn wirkende Schauspielerin interessant für Gender-Aktivisten. Aber Jana Schulz spielt nicht Mann oder Frau. „Das Zentrale ist, dass mich der Mensch interessiert, nicht das Geschlecht.“ Deshalb hat sie in Hamburg den Tellheim und an den Münchner Kammerspielen den Macbeth unter der Regie von Karin Henkel gespielt. Deshalb ist sie nicht vor dem Raskolnikow zurückgeschreckt, eine Dostojewski-Inszenierung von Jan Klata, die in Bochum noch immer zu sehen ist. Ich sehe mich nicht getrennt von der Rolle, aber ich habe auch keine Schwierigkeiten, wieder heraus zu kommen.“ Selbstaufgabe und Selbstfindung sind für sie keine Gegensätze. Nach dem „Woyzeck“ allerdings fühlt sie sich dünnhäutig und zieht sich lieber nach Hause zurück, als mit den anderen zu feiern.

          Wenn Vontobel sie anruft und fragt: „Ej Schulz, worauf hast Du Lust“, dann weiß sie, dass die Stunde wieder einmal geschlagen hat. „Aber der Weg zur Stimmigkeit ist für mich sehr zäh und selbstzerfleischend“, sagt sie. Jana Schulz braucht Zeit, um eine Rolle zu lernen, aber: „Das bin ich dann wirklich.“ Sie schöpft aus einem inneren ganzheitlichen Pool, treibt sich selbst in die Enge, privat und auf der Bühne: „Ich muss mich verändern, darf nicht stehenbleiben“, sagt sie und zitiert ein Leitwort der Yoga-Philosophie: „No mud, no lotus.“

          Jana Schulz ist am 23. und 30. Dezember wieder in „Woyzeck“ zu sehen, am 6. Januar in „Rose Bernd“. Beginn ist jeweils 19.30 Uhr.

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