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Schauspieler Hans Zürn : „Ich habe viel Glück gehabt“

Nach einem Woyzeck und einem Mephisto siedelte Zürn nach Heilbronn um. Dort war er mit Quene aus „Stilübungen“ gleich ganz in seinem Element. Er spielte den Eisenring im „Biedermann“ und den Wladimir im „Godot“. In Bruchsal tobte er sich danach mit Jochen Nix und Ursula Illert in einer Zwanziger-Jahre-Revue aus. 1974 holte ihn Hans Richter nach Heppenheim zu den Sommerfestspielen. Im Winter gastierte er als freier Schauspieler in Marburg und arbeitete für den Funk. Für das Fernsehen blieb ihm nicht mehr viel Zeit, denn nun nahm ihn das Volkstheater an die Kandare.

„Ich liebe den Kiez“

Dessen künstlerischen Leiter Wolfgang Kaus hatte er schon Mitte der Fünfziger im Studententheater der Goethe-Universität kennengelernt, Prinzipalin Liesel Christ ein paar Jahre später als Statist bei den „Hesselbachs“. In Heppenheim sah sie ihn als babbelnden Mammon im „Jedermann“ wieder und holte ihn an ihr Haus. Am 27. Oktober 1979 gab Zürn seinen Einstand als Fürst Agordo in Carl Roesslers historischer Komödie „Die fünf Frankfurter“. Er wurde sesshaft in Frankfurt. „Was meiner Faulheit sehr entgegenkam“, meint er. Mit vier Rollen pro Spielzeit überwand er heroisch das Gesetz von der Trägheit der Masse. Gleich mit seinem zweiten Auftritt in der „Wilden Auguste“ brachte er mit seinem trockenen Humor sogar die Prinzipalin aus dem Konzept.

Bis 1991 hatte er sich zum Salomon Rothschild in den „Fünf Frankfurtern“ vorgearbeitet und war neben Liesel Christ und Wolfgang Kaus zu einer der drei tragenden Säulen des Hauses geworden. Er spielte den Narren in „Was ihr wollt“, den Mephisto und den Wagner im „Urfaust“, den Clown Schmittolini in „Katharina Knie“, den Arlecchino im „Lügner“ und den Striese im „Raub der Sabinerinnen“. Besonders gern trat er als Kaiser Franz-Joseph im „Weißen Rössel“ auf. In dieser Rolle trat er auch von der Bühne ab. Gerade rechtzeitig, findet er mit Blick auf die Abwicklung des Frankfurter Volkstheaters vor drei Jahren: „Man kann froh sein, draußen zu sein.“ Zum Tod der jüngst verstorbenen Intendantin Gisela Dahlem-Christ will er sich nicht äußern. Ohnehin hatte er nie viel privaten Kontakt zu den Kollegen. Eine Ausnahme gilt für Kaus: „Von Zeit zu Zeit seh’ ich den Alten gern“, sagt Zürn mit Mephisto. Für die Pflege der Frankfurter Mundart haben die beiden die „Frankfurter Latern“ von der Vereinigung der Freunde und Förderer des Stoltze-Museums erhalten. Nun sollen sie am 29. Juni mit Stoltze-Versen und dem Frankfurt-Jodler in der Kundenhalle der Frankfurter Sparkasse auftreten. Schließlich feiern die Stoltze-Freunde im Dezember den 200. Geburtstag des Frankfurter Dichters und Satirikers. Zürn, der eine Inszenierung stets vom Dramaturgischen her gesehen hat, kann im Zusammenspiel mit Kaus wunderbar extemporieren. Warum das heute niemand mehr kann? „Weil sie nicht richtig zuhören“, kontert der Schauspieler.

Noch immer freut es ihn, wenn er von einstigen Theaterbesuchern auf der Straße erkannt wird. „Ich liebe den Kiez“, sagt er und meint damit das sogenannte rosa Dreieck zwischen Bleichstraße, Zeil und Konrad-Adenauer-Straße. Von seiner Wohnung in der Brönnerstraße hat er es nicht weit bis zu den „Zwölf Aposteln“. Früher, als er noch im Frankfurter Süden wohnte, ist er gern über den Sachsenhäuser Berg spaziert. Gewandert? „Das artet ja in Arbeit aus.“ Reisen? „Darauf habe ich keinen Bock mehr.“ 2008 hatte er einen leichten Schlaganfall. Aber er hat sich erholt. „Ich kann mich überhaupt nicht beschweren. Mir ging es in meinem ganzen Leben gut. Ich habe viel Glück gehabt“, zieht er Bilanz. War er nicht auch einfach gut in seinem Fach? „Das ist es nicht. Ich habe Glück gehabt.“

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