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Schauspiel Frankfurt : Sie ist die Frau, die lacht

Markanteste „Stimme einer Stadt“ Christina Geiße, als Branka in Angelika Klüssendorfs gleichnahmigen Stück. Bild: Felix Grünschloß

Sind Stadtschreiber eigentlich geizig? Die zweite Staffel der „Stimmen einer Stadt“ am Schauspiel Frankfurt regt zu Mutmaßungen an.

          Es war ausverkauft. Aber die hinteren Reihen lichteten sich im Lauf des dreiteiligen Uraufführungs-Abends. So entging den ungeduldigen Zuschauern in den Frankfurter Kammerspielen das Beste: Branka, die slowenische Wirtin eines Frankfurter Gasthauses, wurde zur markantesten Stimme dieses Theaterabends. Nicht nur mit ihrem charakteristischen Lachen, auch mit ihrer starken Persönlichkeit begeisterte die Wahlfrankfurterin in Gestalt von Christina Geiße das Publikum. Man merkte sofort, wer von den drei beauftragten Autoren dramaturgische Erfahrung hatte: Angelika Klüssendorf, die sich leider nicht neben den beiden anderen auf der Bühne verneigen konnte. Nur Antje Rávik Strubel und Thomas Pletzinger nahmen mit Regisseur und Intendant Anselm Weber und seinen drei Schauspielern den freundlichen Applaus für die zweite Staffel des neunteiligen Auftragswerks „Stimmen einer Stadt“ in Kooperation mit dem Literaturhaus entgegen.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Strubel hatte mit ihrem Monolog „Unvollkommene Umarmung“ die Zuschauer reihenweise zum Wegdämmern gebracht. Ihr Anwalt braucht eine Stunde und 20 Minuten, um sich in einer psychotherapeutischem Sitzung, die üblicherweise nur 50 Minuten dauert, über sein Leben auszujammern. Als Jammerlappen beginnt er seine Selbstabrechnung im Schwarzwald-Urlaub allerdings nicht, sondern mit geschwellter Brust. Erst nachdem er sich und seiner Therapeutin Leutheuser-S. ausführlich seine Vorzüge geschildert hat, verstrickt er sich in Erinnerungen. Wild wie das Gedächtnis springt der hochartifizielle Text hin und her zwischen Albträumen, schwulen Partnern und kriegstraumatisierten gefühlstauben Eltern, bis der Traum vom verpassten Zug endlich aufhört. Einzig der Sprechkunst Peter Schröders ist zu verdanken, dass der Auftakt nicht ganz danebenging. Die Regie hätte mit weniger mehr erreicht.

          Wilde Spekulationen in der Pause

          Nach wilden Spekulationen in der Pause über eventuelle Vorgaben der Autorin Strubel betrat Anna Kubin die Bühne als Hotelbetreiberin. Usch alias Ursula sieht aus wie eine graue Maus. Sie ist in Ginnheim aufgewachsen und hat das Hotel ihrer Eltern nach dem zweiten Schlaganfall der Mutter 2003 übernommen. Jetzt will sie es aufgeben. „Ich verlasse dieses Haus“ hat Pletzinger seinen Text daher genannt. Das Haus im Bahnhofsviertel, unschwer als Nizza-Hotel zu identifizieren, hat vor allem Künstler beherbergt, unter anderem George Clooney. Aber „unten schliefen die Obdachlosen“. Doch um die Geschichte des Hotels und des Bahnhofsviertels geht es hier weniger, vielmehr um die Vita der Protagonistin, ihre Liebe zur kleinen Ginnheimer Welt, ihre fragile Ehe und ihre sterbende Mutter: „Sie hat Obhut gewährt.“ Kubin spricht anrührend einen ebenfalls hin und her springenden Erinnerungstext. Sie weint, aber jammert nicht.

          Und dann kam „Branka“, die Widerspenstige. Die authentische Berger Wirtin, bei Einheimischen wohlbekannt, hat es Klüssendorf offenbar nicht leichtgemacht. Auf Deutsch heißt ihr Name in Wirklichkeit „die Liebe“, das ist im Text verschlüsselt, aber so hat sie nur der „Literaturpapst“ genannt, der gelegentlich bei ihr einkehrte. Wie die Stadtschreiber, zu der ja auch ihre Gesprächspartnerin 2013/14 gehörte. Doch Branka ist nicht lieb, sondern launisch und eigenwillig. Und sie hat gar keine Lust, ihr Leben der fragenden, nervenden Stimme von Katharina Linder aus dem Off preiszugeben. Zwischen den Stühlen, die sie gerade putzt, erzählt sie dann doch von dem slowenischen Dorf, in dem sie mit einem erzkatholischen Vater aufwuchs. Nachdem sie sich in einen evangelischen Mann verliebt hatte, hing ihr dann der Ruf einer Herumtreiberin an. Ein paar Ohrfeigen zu viel, und sie ging.

          „Ich bin kein Opfer“

          Eine große deutsche Stadt an einem Fluss hatte sie gelockt. Hier diente sie sich als billige Arbeitskraft in der Gastronomie hoch. Deutsch konnte sie schon vorher wie so viele Slowenen. „Ich bin kein Opfer“, das weiß sie, denn sie hat ihren Stolz: „Ihr versteht gar nichts. Wir sind das einzige Land, das sich selbst befreit hat. Wir waren und wir sind stolz.“ Sie kennt nicht den Luxus der Seelenschau wie der Anwalt drei Stunden zuvor, sie weiß nur: „Ich will überleben.“ Denn der Mann, den sie in Frankfurt geheiratet hatte, entpuppte sich als Drogen-Dealer, der obendrein ihr gesamtes Vermögen verspielt hatte. Die gemeinsamen Kinder zog sie allein auf, während er seine Haft absaß. „Ich lachte mein Leben weg. Meine Seele ist auf Eis gelegt“, das weiß sie auch ohne Psychotherapeuten.

          Und über die Korrektheit der deutschen Poeten macht sie sich lustig: „Eure Worte haben gar kein Leben.“ Sie hat sie nur allzu gut kennengelernt in ihrer Schankstube: den, der den Mund immer zur „Schnute“ verzog, den, der nie Trinkgeld gab. Stoff genug für das einschlägige Publikum, nach knapp vier Stunden allerlei über das „Who’s who“ der Literaturszene zu mutmaßen.

          Weitere Vorstellungen in den Kammerspielen: „Unvollkommene Umarmung“ am 18. April um 20 Uhr. „Ich verlasse dieses Haus“ und „Branka“ am 13. Mai um 20 Uhr.

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