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Schauspiel Frankfurt : Liebe wird überbewertet

Paarbildung: Woody Allens Beziehungskomödie „Husbands and Wives“ kommt als Bühnenstück in das Schauspiel Frankfurt Bild: Frank Röth

Aufräumen unter Eheleuten: Das Schauspiel Frankfurt zeigt Woody Allens „Husbands and Wives“.

          2 Min.

          Männer und Frauen passen nicht zueinander. Das wissen wir spätestens seit Loriot. Allerdings spannen sie sich allzu gerne zusammen, sogar in der merkwürdigen Langzeitinvestition einer Ehe. Den „Versuch, zu zweit mit Problemen fertig zu werden, die man allein niemals gehabt hätte“, nennt Woody Allen sie. Das ist doch mal ein schönes Motto für die Feiertage, denn wenn die gnadenreiche Weihnachtszeit anhebt, wird verlässlich hier und da das große Aufräumen unter Eheleuten beginnen – „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ im Ikea-Format.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Schauspiel Frankfurt baut schon mal vor und präsentiert, gewissermaßen als Weihnachtsstück für die Großen, Woody Allens ätzende Beziehungsfilmkomödie „Husbands and Wives“ (1992) als Bühnenstück, übersetzt und bearbeitet von Regisseur Christian Brey. Insofern passt es auch, dass Robert Indianas Pop-Art-Ikone „Love“ als knallrote Plexiglasskulptur die Bühne von Annette Hachmann prägt: Indiana hatte den Schriftzug einst für eine Weihnachtspostkarte entworfen. Der Regen aus Allen-typischen Bonmots und Pointen dürfte aber weit über die Weihnachtszeit hinaus Scharen von Paaren in die Kammerspiele treiben. Es ist schließlich ein nicht nur tragikomisches, sondern auch zeitloses Thema.

          Akademikerdeutsch, Beton und Plexiglas

          Was erklären mag, dass die von sechs Schauspielern und der beinahe hypnotischen Analytikerstimme Wolfgang Draegers aus dem Off gespielte Komödie munter zwischen den Jahrzehnten hüpft, modemäßig vor allem schwer die siebziger und achtziger Jahre zitiert, aber Popmusik und Smartphones nutzt und krude Wörter, die Allen damals ganz bewusst eingesetzt hat, die aber seltsam unecht und nach Filmsynchronisation klingen, so eins zu eins markig ins Akademikerdeutsch gestreut. In dem – „ah, Brutalismus!“ – Aufbau aus Beton und Plexiglas, der als Gegenentwurf zu den üblichen Kuschel-Interieurs der Allen-Filme und des Boulevardtheaters sowieso dient, können sich die Figuren, einzeln und paarweise, lächerlich machen.

          Von reichlich Weißwein befeuert, kippen sie über die Brüstung, mal dezent komisch, mit einem Hauch Tristesse, oft laut und überdreht, ein komödiantischer Kunstgriff, wo Allen einst Experimente mit der Handkamera einsetzte. Benjamin Grüter und Christina Thiessen verkörpern souverän sämtliche verflossene, aktuelle und künftige Geliebte der beiden Ehepaare, was für den zusätzlichen Witz sorgt, alle irgendwie verwechselbar zu machen.

          Woody Allens größter Kassenerfolg

          Aus der schroffen Sally wird bei Anna Kubin ein regelrechtes Liebes-Tourette-Syndrom mit hurrikanartigen Ausfällen, aus ihrem erst Ex- und im Lauf des Abends Wieder-Mann Jack bei Sebastian Kuschmann ein eher schlichtes Gemüt, dessen Gockelhaftigkeit genüsslich vorgeführt wird, während Matthias Redlhammer mit jedem linkischen Schulterzucken das prächtige Kunststück vollführt, Redlhammer in der Rolle Woody Allens in der Rolle des Literaturprofessors Gabe Roth zu spielen, der am Ende allein bleibt. Gabes Befund: „Mein Herz hat von Logik einfach keine Ahnung.“ Wie er ist auch Friederike Ott als seine baldige Ex-Frau Judy eine regelrechte Erholungsinsel im Spiel. Umso pikanter, als der echte Allen als Gabe und seine damalige Frau Mia Farrow als Judy mit „Husbands and Wives“ ihren letzten Film gedreht hatten: Während der Dreharbeiten hatte Farrow Allens Nacktfotos ihrer Adoptivtocher Soon-Yi Previn gefunden. Heute sind Previn und Allen ein Paar, und „Husbands and Wives“ war auch aufgrund des Skandals der größte Kassenerfolg Allens. Das Leben kann also noch weitaus bitterer sein als das, was eine Komödie so bietet. Darauf einen Chardonnay – unterm Tannenbaum.

          Nächste Vorstellungen morgen und am 25. Dezember. Weitere Aufführungen im Januar.

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