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Schauspiel Frankfurt : Hier waren wieder alle so kreativ

Schnell noch die Welt retten: Szene aus René Polleschs „Wir sind schon gut genug!“ Bild: Birgit Hupfeld

Netzwerke sind schwerer zu lieben oder: René Pollesch zeigt „Wir sind schon gut genug!“ am Schauspiel Frankfurt.

          3 Min.

          Die Souffleuse, die sogar todesmutig ein Sandwich vom Schnürboden herabhängend verzehrt, hat gut zu tun: Wie stets hat René Pollesch den Text erst am Tag vor der Premiere fertig geschrieben. Und wer sollte sich das auch alles merken? Die Schauspieler nicht. Die Zuschauer auch nicht. Macht nichts. Man amüsiert sich gottvoll, auf beiden Seiten der Rampe.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sechs Schauspieler, in Ganzkörpertrikots turnen, tanzen, theoretisieren. Auf der Brust tragen sie große Buchstaben, irgendwann ordnet sich der Ringeltanz: P-R-O-F-I-T. Kichern. Nils Kahnwald und Oliver Kraushaar robben im Tiefschlaf, fest ineinander verschlungen über die Bühne, minutenlang. Immer bedrohlicher nähern sie sich dem Wasserbecken, das schwarzgolden in der Bühnenmitte prangt. Man ahnt, was kommt. Es kommt. Man lacht. Als die beiden prustend wieder auftauchen, geht der Springbrunnen an. Michael Goldberg schläft weiter.

          Pollesch weiß es durchaus einzuordnen

          Es ist 20 Jahre her, seit der in Friedberg geborene Absolvent der Gießener Angewandten Theaterwissenschaften am TAT in Frankfurt seinen ersten Abend inszeniert hat. Seither ist Pollesch mit seinem Thema unterwegs, in Variationen: Der Mensch inmitten einer Welt, die nur noch aus Produktivität besteht, einem geschminkten und gut gekleideten, freundlich lächelnden Kapitalismus ausgeliefert, hilflos, ja, aber auch bewusst. Deshalb redet er ununterbrochen, der Mensch im Pollesch-Text, über das Kollektiv und den Kapitalismus, das Ich und die Flexibilität und Liebe, Liebe, Liebe, die es ja gar nicht mehr geben kann, wenn das Individuum sich permanent in einem Außen verflüchtigt. Sollte es so etwas wie ein Individuum überhaupt noch geben. Ja? Nein? Ja?

          Die atemlosen Wortkaskaden waren früher etwas für Orte wie das TAT, den Prater der Volksbühne, den Mousonturm vielleicht. Seit geraumer Zeit bestellen Stadttheater von Freiburg bis Frankfurt bei Pollesch, und räumen dafür ihre großen Häuser von Schiller und Goethe ein Stündchen frei, was Pollesch, der fünf, sechs, sieben solcher Abende im Jahr produziert, durchaus einzuordnen weiß: Constanze Becker, Traute Hoess, Bettina Hoppe betrachten einen Geldschein. Man sieht ja auch nicht ein buntes Stück Papier, sondern dessen Wert, sagen sie. Der 50-Euro-Schein - „Das ist Euer Klassiker.“

          Nicht mehr der Klassiker

          Im Oktober 2010 hatte dieselbe Crew, ausgenommen Bettina Hoppe, schon „Sozialistische Schauspieler sind schwerer von der Idee eines Regisseurs zu überzeugen“ auf die Frankfurter Schauspiel-Bühne gebracht, schwer überzeugt davon, mit Pollesch gemeinsam den Text zu erarbeiten. Wenn er anreist, bringt er Theorie mit, vielleicht sogar eine Idee - und einen coolen Titel. Diesmal also „Wir sind schon gut genug!“ Klingt das nach Brecht? Ja, das tut es, und so hebt die Sache an, indem die sechs, ratlos, zum „Mutter Courage“ Spielen auf die Bühne schweben, von oben, und feststellen, dass es nicht um Brecht geht, sondern darum, die Welt zu retten. Es ist eine unendliche Geschichte: „Ganz egal, wie oft man die Welt rettet, sie schafft es immer wieder, sich in Gefahr zu bringen“, lautet einer der wenigen hübschen Merksätze im Text. Er stammt allerdings nicht von Pollesch, sondern aus dem Disney-Film „Incredibles“, wo auch viel in Ganzkörpertrikots herumgeflogen und die Welt gerettet wird.

          Dumm nur, dass längst schon niemand mehr den Klassiker Böse gegen Gut spielt. Alle wären nicht nur gut, sie sind es schon. Also kämpfen die Guten gegen die Guten. Wie sie das tun, die sechs Schauspieler, ist wundervoll, leichtfüßig, leichtzüngig, spielerisch, und so zünden die hübschen Bonmots ebenso wie die selbstreferentiellen Schauspieler- und Theater-Witzchen, die Filmzitate und die Kalauer, die in ein Theoriegeplapper eingebaut sind, das so klingt wie beim vorigen, vorvorigen und vorvorvorigen Mal. „Hier waren wieder alle so kreativ! Besonders der Typ, der das Licht gemacht hat.“

          Der Rest ist wie immer

          Nicht nur der. Die Bühne (Janina Audick) versammelt Geschmacks-Impertinenzen der siebziger bis neunziger Jahre, ein de-Chirico-Bild mit Glaspyramide, verknotetem Einhorn-Horn, qualmendem Göttertorso und Claes-Oldenburg-Plastik, dazu gibt es mit Filmmusik, Balkan-Pop und Funk unterlegte langwierige Tanzeinlagen, die an den Palast der Republik erinnern, natürlich viel Video, das uns zeigt, wie die sechs sich in einem kleinen Häuschen verbergen, weil ja alle gerne ein Innen hätten und eine Nahwelt und was sie kriegen, ist ein Netzwerk und viel bunte Individualität, die sich bei näherem Betrachten als graue Masse herausstellt.

          Ja, so isses, darf sich der Zuschauer sagen, nur ein paar Sekündchen lang wird er dergestalt mit Denken behelligt, hat aber das gute Gefühl, einer irgendwie kritischen Sache beizuwohnen. Auch den Schauspielern hat Pollesch nicht allzu viel an trockenem Theorieknäckebrot mitgebracht: Mit Luc Boltanski und Eve Chiapello, die das „Netzwerk“ als die neue Verkleidung des Kapitalismus ausmachen, will Pollesch sie und sich beschäftigen - es hat aber offenbar doch genügt, ein paar Aufsätze in dem Sammelband „Kreation und Depression. Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus“ zu Rate zu ziehen.

          Am Ende tragen, wie schon beim vorigen Frankfurter Pollesch, passend zur Theorie, alle Smoking und Abendkleid (Kostüme Nina Kroschinske). Der Rest ist, was es immer ist bei Pollesch. Und das ist, trotz des grandiosen Ensembles, herzlich wenig für eine gute Stunde große Bühne. Insofern kann man dann doch sagen, dass die Theaterillusion prima funktioniert. Und weil es derzeit mindestens so oft wie ein Pollesch-Stück an deutschen Bühnen eine Applausordnung zu sehen gibt, die mit viel Ufftata-Musik zur eigenen Show ausgewalzt wird, fällt der begeisterte Schlussapplaus trotzdem fast so lang und intensiv aus wie die Zeitvertreibe zwischen den Textbausteinen zuvor.

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